Schwäbisch Hall Viel geklaut, alles gehortet

Schwäbisch Hall / Elenore Heydel 23.05.2018
Das Amtsgericht verurteilt einen 59-jährigen Seriendieb zu einer Bewährungsstrafe und Alkoholtherapie als Auflage.

Der 59-jährige Seriendieb aus Hessental, der sich jetzt vor dem Amtsgericht verantworten musste, nennt sich selbst einen „Gelegenheitskleptomanen“. Er klaut Fahrräder und Steinfiguren und vergreift sich auch an aufgehängter Wäsche. „Nüchtern hab’ ich nie etwas gestohlen“, beteuert er im Haller Gerichtsaal. Dass er alkoholkrank ist, weiß nicht nur die gesamte Nachbarschaft, sondern auch die Polizei.

Der grauhaarige Mann mit markanter Brille wird aus dem Haller Gefängnis vorgeführt. Das Gericht wollte sicherstellen, dass er sich in einem verhandlungsfähigen Zustand befindet. Bei einem ersten Gerichtstermin im April hatte er eine Flasche Wodka dabei. Weil er zu betrunken war, konnte nicht verhandelt werden. Er kam in Haft.

Gekleidet in eine dunkle Lederjacke und lederne lange Hosen würde der Angeklagte in Künstlerkreise passen. Er ist als Grafiker und Drucktechniker ausgebildet. Nachdem seine Ehe 1998 gescheitert war, geriet er kurzfristig auf die schiefe Bahn. Unter Alkoholeinfluss beging er kleinere Diebstähle. Danach aber blieb er über ein Jahrzehnt lang straffrei.

Den ersten der insgesamt 18 Diebstähle, für die er jetzt verurteilt wird, beging er im Juli 2016. Er stahl das Fahrrad des Schauspielers Pedro Stirner (36). Nach einer Probe im Haller Globe-Theater hatte Stirner abends sein rotes Klappfahrrad nicht wie sonst üblich in seine Gästewohnung hochgetragen. Abgeschlossen ließ er es unten am Haus in der Innenstadt stehen. „Am nächsten Tag war es nicht mehr da“, sagt der ehemalige „Tschick“-Darsteller, der jetzt als Zeuge extra aus Leipzig anreisen musste. Er habe das Rad sehr viel später zurückbekommen, allerdings habe es „rotzig“ ausgesehen.

Anderen Bestohlenen ging es besser. Nachdem die Polizei die Beutesammlung des Angeklagten in seinem Hessentaler Wohnquartier entdeckt hatte, konnte sie das Diebesgut teilweise zügig an die Eigentümer zurückgeben. Eine Anwohnerin (67) erhielt die drei Herrenhemden zurück, die sie im Garten hatte trocknen lassen. Die Freude der Zeugin über die Hemden hält sich allerdings in Grenzen: „Mein Mann wollte sie nicht mehr anziehen.“

Aus einem Hessentaler Altenpflegeheim stahl er eine schwere Engelsfigur. Sein ehemaliger drogensüchtiger Mitbewohner soll ihm beim Abtransport geholfen haben. Über das Schicksal des Mittäters wurde vor Gericht nichts bekannt. Der Engel aber fand ins Altenheim zurück. Sein Wert wird mit über 2000 Euro angegeben.

Hessentaler Anwohner wachten nachts auf, wenn sie Geräusche hörten. Eine Zeugin (78) berichtet, sie habe einmal im Morgengrauen etwas auf der Terrasse gehört. „Ich habe den Rollladen hochgezogen, und da stand er direkt vor meinem Fenster!“ Eine gestohlene Statue konnte sie später unbeschädigt wieder entgegennehmen.

Schlösser an Fahrrädern durchtrennte er mit einer Metallsäge. Oder er trug das ganze Fahrrad in ein Gebüsch und holte es sich später unauffällig nach Hause. Manchmal schrieb er den bestohlenen Leuten persönliche Briefe mit der Bitte um Entschuldigung und Sätzen wie: „Ein Cocktail aus Erlebtem und völliger Verblödung haben mich zu einem Mr. Hyde gemacht!“

Fahrräder im Schlafzimmer

Zwei Polizeibeamte berichten von der „desolaten“ Wohnung des Angeklagten. Sie fanden gestohlene Fahrräder im Schlafzimmer. Vor dem Haus, im Keller und in der Wohnung habe der Mann Sachen gehortet. Ein Beamter schildert: „In seinem Doppelbett liegt eine Matratze – so voll! Bevor man sich da hinlegt, muss man erst einmal schaufeln!“

Trotz dieser auffälligen Sammelwut von Beutegegenständen sieht Gutachter Dr. Thomas Heinrich vom Psychiatrie-Zentrum in Weinsberg bei dem Angeklagten keine Persönlichkeitsstörung von erheblicher Bedeutung. Die Schuldfähigkeit des Mannes könne – so der Psychiater – allerdings deswegen eingeschränkt gewesen sein, weil er vor den Taten Alkohol getrunken und zusätzlich Beruhigungsmittel eingenommen habe.

Staatsanwältin Anke Giesen fordert eine Gefängnisstrafe von 15 Monaten ohne Bewährung, Verteidiger Michael Fust möchte dagegen den Angeklagten nicht „chancenlos“ lassen. Er plädiert dafür, die Strafe zur Bewährung auszusetzen.

Richter Jens Brunkhorst entscheidet auf die geforderte Strafe von einem Jahr und drei Monaten. Unter Auflagen setzt er sie zur Bewährung aus. Mit der Unterstützung eines Bewährungshelfers soll der Angeklagte eine Alkohol-Entwöhnungstherapie antreten und durchstehen. Der 59-jährige Hessentaler ist einverstanden: „Alles, was mir hilft, mach’ ich!“

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