Wenn es um ihre Berichtshefte geht, war Anette B. konsequent. Täglich, so die 24-Jährige, habe sie während ihrer Ausbildung im Haller Bestattungshaus die Formulare ausgefüllt. Darin ist zu lesen, welche Routen sie gefahren ist, wann sie Verstorbene versorgt, wo sie Hinterbliebene betreut hat. Zu lesen ist auch, an welchen Tagen sie bei sogenannten Umsargungen von Verstorbenen dabei war.

Im Juli 2013, unmittelbar nach Ausbildungsende, hatte sie den Betrieb verlassen, weil sie nach eigenen Angaben mit ihrem damaligen Chef nicht klar kam, andere Pietätsgrundsätze als Jochen M. gehabt habe. Sie wechselte in ein Modegeschäft als Verkäuferin.

Ihr damaliger Chef sitzt am Mittwoch im Haller Amtsgerichts nur wenige Meter entfernt auf der Anklagebank. Ihm wird gewerbsmäßiger Betrug in 38 Fällen vorgeworfen. Vor allem soll er Verstorbene ohne Wissen der Angehörigen aus teuren in billige Särge umgebettet haben. M. sieht keine illegalen Handlungen. Umsargungen seien nur in Absprache mit Hinterbliebenen erfolgt.

B. hatte bei ihrer Vernehmungen 2012 bei der Polizei noch geäußert, dass es diese Umbettungen in einfache Pressspan-Särge häufiger gegeben habe - bei rund 40 Prozent aller Feuerbestattungen. Am Dienstag rudert die in Schwarz gekleidete junge Frau, die gerne wieder in der Branche arbeiten würde, zurück. "Ich kann's nicht zu 100 Prozent sagen (. . .) Ich kann mich nicht erinnern."

Die Befragung zieht sich knapp viereinhalb Stunden und zerrt an den Nerven des Vorsitzenden Richters Wolfgang Amendt. "Wenn man Ihre Texte liest, dann kann es nicht nur sein, dann gab es tatsächlich Umsargungen." Anette B. bestätigt darauf einzelne Fälle. Die teuren Särge seien manchmal wiederverwendet worden. "Der Beschlag wurde ausgetauscht." Gereinigt worden seien die Särge aber nicht. "Holz kann man nicht desinfizieren."

Was mit den Angehörigen vereinbart worden sei, darüber habe B. keine Kenntnisse: "Bei den Trauergesprächen war ich nur am Anfang meiner Ausbildungszeit dabei. Sonst hat sie Herr M. alleine geführt."

Sie widerspricht den Angaben des Angeklagten in einem wesentlichen Punkt: Pressspan könne nicht als Vollholz bezeichnet werden. Beim Prozessauftakt am Dienstag hatte M. erklärt, er habe Kunden Vollholz angeboten und korrekterweise Pressspan-Särge geliefert.

Auch Andreas N., der noch heute im Bestattungshaus arbeitet, dokumentierte seine Arbeit akribisch. Der 53-jährige Hilfsarbeiter wurde von seinem Chef angewiesen, auf Rapportzetteln Arbeitszeit und Tätigkeit zu notieren. So stehen etliche Umbettungen auf beschlagnahmten Notizen des Zeugen, die in die Ermittlungsakten gewandert sind. Allerdings kann sich N. am Dienstag an keine einzige erinnern. "Umsargungen nach Trauerfeiern hat es keine gegeben."

Amendt hält ihm die Protokolle sowie seine Aussagen bei der Polizei vor - erfolglos. "Wissen tue ich heute nichts mehr - und das ist der Punkt", so Andreas N.. Erst als Amendt wütend auf den Tisch schlägt und die Frage stellt, wer Anweisungen für Umsargungen gegeben hat, antwortet der 53-Jährige: "Wenn, dann Herr M."

Der Vorsitzende Richter wagt einen neuen Versuch und will wissen, ob es Absprachen im Vorfeld des Prozesses gab - und wann er letztmals mit seinem Chef über die anstehende Aussage vor Gericht gesprochen hat. "Heute Mittag, bei einem Spaziergang durch den Park", gesteht N. zögernd. "Wenn wir Ihnen nicht glauben, dann haben Sie ein Problem", warnt der Richter. "Das ist die Tomate auf dem Auge! Wollen Sie ein Strafverfahren?" Der Zeuge lässt sich nicht beirren, der Angeklagte Jochen M. schmunzelt.

Nach einer kurzen Beratung entscheidet das Gericht, Andreas N. zu vereidigen. Amendt: "Sie sitzen auf einem Fass - wenn etwas falsch war." Absprachen halte keiner durch, vor allem, da der Prozess noch am Anfang der Beweisaufnahme stehe. "Keiner kann wissen, was noch alles herauskommt."

Info Der Prozess wird am Dienstag, 2. Juni, 8.45 Uhr, fortgesetzt.