Schwäbisch Hall Verfahren aus der Neurochirurgie gegen Schmerzen neu angewandt

Strom gegen Schmerz: Neurochirurg Dr. Thomas Hopf (links) zeigt mittels Wirbelsäulenmodell, wo die Elektrode bei Herzpatient Peter Trka implantiert ist.
Strom gegen Schmerz: Neurochirurg Dr. Thomas Hopf (links) zeigt mittels Wirbelsäulenmodell, wo die Elektrode bei Herzpatient Peter Trka implantiert ist. © Foto: Marcus Haas
MARCUS HAAS 23.11.2013
Erstmals ist am Diak die Methode der Rückenmarkstimulation aus der Neurochirurgie bei einem Herzpatienten eingesetzt worden. Der 62-jährige Peter Trka freut sich nun vor allem über mehr Lebensqualität.

Rückblick: "So kann ich nicht mehr weiterleben", sagt sich Peter Trka noch vor einigen Monaten. Er bekommt sehr schnell Atemnot und selbst beim Zähneputzen überfällt ihn Schmerz in der Brust, dieser krampfartige Druck in der Herzgegend. Der 62-Jährige leidet unter Angina Pectoris (Brustenge, Herzschmerz), hatte vor rund zehn Jahren einen Herzinfarkt und ist seit der Zeit Herzpatient im Diak.

"Nun ist der Schmerz weg", macht Peter Trka deutlich, dafür spüre er ein angenehmes Kribbeln im Herzen. Freunde sagen, dass er wieder ganz der Alte sei. Seine Lebensqualität habe sich in vielen Bereichen verbessert. "Ich war neulich drei Stunden im Wildpark spazieren. Das war vorher unmöglich", freut sich der Hamburger, der seit vielen Jahren in Untermünkheim wohnt.

Der Grund dafür heißt Rückenmarkstimulation. Dieses Verfahren stammt aus der Neurochirurgie. Zwei Ärzte haben sich dafür am Haller Diakonie-Klinikum zusammengetan: Dr. Lothar Jahn, Chefarzt der Inneren Medizin, der Peter Trka bereits seit vielen Jahren als Herzpatienten kennt, und Neurochirurg Dr. Thomas Hopf. "Die Anwendung der elektrischen Stimulation des Rückenmarks gibt es schon seit über 20 Jahren, aber bei Herzpatienten ist sie neu. Am Haller Diak wird dieses Verfahren erstmals bei einem Herzpatienten eingesetzt", sagt Dr. Hopf. Der Neurochirurg am Haller Diak erläutert das Verfahren, mit dem er selbst seit über 15 Jahren arbeitet. Peter Trka hat unter örtlicher Betäubung eine rund 60 Zentimeter lange Elektrode an seiner Wirbelsäule in unmittelbarer Nähe seines Rückenmarks implantiert bekommen. Vom Prinzip her ähnlich einem Schrittmacher werden ganz geringe elektrische Impulse an das Rückenmark an den Stellen abgegeben, wo die Herzregion abgebildet ist. Diese Impulse auf Nervenfasern blockieren und verringern die Übertragung der Schmerzsignale ans Gehirn. Grundprinzip vereinfacht ausgedrückt: Ein kleiner Stromgeber lindert Schmerzen - das Kribbeln im Herzen überdeckt die Empfindung dieser Schmerzen.

"Dieses Verfahren wird bei einem Herzpatienten ganz am Ende der Behandlungskette angewandt, wenn man nicht mehr weiterkommt", macht Dr. Lothar Jahn deutlich, denn die eigentlichen Ursachen werden damit nicht behoben. Bei Peter Trka sei zuvor alles Mögliche versucht worden, um Ursachen der Angina Pectoris zu behandeln, die Durchblutung zu fördern, Engstellen in Herzkranzgefäßen zu beseitigen. Trka bekommt unter anderem Medikamente. Es wurden Bypässe, also im Prinzip neue Leitungen gelegt, um stark verengte Herzkranzgefäße zu überbrücken und die ausreichende Blutversorgung des Herzmuskels wiederherzustellen. Kurz: Trka gilt als "austherapiert" und die Rückenmarkstimulation kam durch die fachübergreifende Kommuniktion der Ärzte zum Einsatz.

Was dieses Verfahren angeht, so wüssten viele Ärzte gar nicht, dass es dieses überhaupt gebe, es auch bei Herzpatienten wie Peter Trka erfolgreich eingesetzt werden kann. Jahn und Hopf möchten dieses Verfahren aus "ihrem Nischendasein herausholen". Studien belegten, dass Patienten nach dieser Behandlung nicht nur länger, sondern vor allem wieder besser lebten. Die Kosten liegen demnach bei rund 12 000 Euro. Die seien längerfristig wieder ausgeglichen, da Folgebehandlungen wegfielen, so Hopf. "Peter Trka hatte nichts zu verlieren. Es begann mit einer zweiwöchigen Testphase. Hätte es nicht gepasst, wäre der Test einfach wieder beendet worden", sagt Dr. Hopf und ergänzt: "Bei Peter Trka hat es gepasst." Komplikationen gebe es bislang keine, aber einige Dinge müssten beachtet werden. Beim Autofahren schaltet Trka das Gerät aus. Magnetresonanz-Tomographie ist beispielsweise nichts für ihn, da Magnete sein Implantat schädigen könnten - er trägt einen entsprechenden Ausweis bei sich. Nach der erfolgreichen Testphase bekam er einen Generator unter die linke Bauchdecke implantiert. Das batteriegetriebene Stimulationsgerät ist mit der Elektrode verbunden. Das Steuergerät dafür holt der 62-Jährige aus einem schwarzen Täschchen. Morgens und abends stellt Trka selbst die Stärke der Mikroimpulse ein. Er freut sich schon auf den nächsten längeren Waldspaziergang mit seiner Frau.

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