Gericht Vater spritzt Tochter auf den Bauch

Heilbronn/Hall / THUMILAN SELVAKUMARAN 10.02.2014
Im Kindergarten malt ein Mädchen durchgestrichene Geschlechtsteile, im Genitalbereich ist es wund. Doch weder Erzieherinnen noch Kinderarzt schlagen Alarm. Den Großeltern ist es zu verdanken, dass der 41-jährige Vater heute wegen sexuellem Missbrauch an seiner eigenen Tochter vor Gericht steht.

Der Haller Oberstaatsanwalt kann sich am Freitag nach einem ganztägigen Verhandlungstag ein Schlusswort nicht verkneifen: „Wenn wir hier das Band anhören, dann können sie sich vorstellen: Dann ist die Katze vom Baum!“

Seine Warnung gilt dem stämmigen 41-Jährigen, der ihm im Saal C des Landgerichts Heilbronn gegenübersitzt. Der Haller soll seine heute sechsjährige Tochter mehrfach schwer sexuell missbraucht haben – in mindestens zwölf Fällen.

Der Beschuldigte selbst räumt über seinen Anwalt Michael Donath vier Taten ein – alle im Zeitraum März bis Juli 2013. Allerdings sei er nie in das damals fünfjährige Mädchen eingedrungen.

Nur volles Geständnis erspart Mädchen peinliche Befragung

Bracharz, der einen Deal mit der Verteidigung und dem Nebenklagevertreter Andreas Kugel nicht generell ausschließt, will sich mit dem Teilgeständnis nicht begnügen, „weil das, was Sie vortragen, mit der Ermittlungsakte nicht vereinbar ist.“ Es sei zwar „ absolut unpopulär, hier ein sechsjähriges Mädchen in einem Prozess zu vernehmen“, diesen Weg wolle er aber im Zweifelsfall gehen, der Gerechtigkeit wegen. Nur mit einem vollen Geständnis ließe sich dem Mädchen eine peinliche Befragung ersparen.

Die Mutter berichtet von der Beziehung zum Kindesvater, den sie mit 14 kennengelernt hat – er war 30 –, von mehreren Affären mit ihm, bei dem 2007 das Mädchen gezeugt wurde. Die Vaterschaft übernahm ein heute 42-Jähriger, der sich trotz der Trennung von der Mutter regelmäßig um das Mädchen kümmert.

Im März 2012 zog der Angeklagte in die Wohnung der Frau. Sie wusste von seiner kriminellen Vergangenheit, hatte seine „erniedrigenden sexuellen“ Phantasien erlebt. „Warum lassen Sie so einen Mann einziehen?“, will Richterin Eva Bezold wissen. „Er war kein schlechter Mensch, er tat mir leid.“

Mutter glaubt Tochter nicht

Am zweiten von fünf Verhandlungstagen geht es auch um die Frage, ob es bereits 2012 zu sexuellen Handlungen gekommen ist. Denn als Vierjährige hatte das Mädchen dem gesetzlichen Vater erzählt, dass der Angeklagte ihr sein Geschlechtsteil gezeigt habe.

Dieser informierte die Mutter per SMS. „Ich hab’ ihr das schlichtweg nicht geglaubt. Hab’ mir das auch nicht vorstellen können“, sagt die 26-Jährige vor Gericht. Auch, als die Tochter im Kindergarten statt Prinzessinnen durchgestrichene Geschlechtsteile malte, gingen bei der Mutter die Alarmglocken nicht an.

„Haben Sie bei ihrer Tochter nachgefragt?“, will Richterin Bezold wissen. „Ich hab’s versucht. Sie hat bei diesem Thema komplett abgeblockt.“ Statt einer Reaktion gegen den leiblichen Kindesvater kam es zum Bruch mit dem gesetzlichen, der das Jugendamt informiert hatte.

Mädchen wollte Zungenküsse geben

Es gab weitere Zeichen: Von Mitte 2012 an war das Mädchen im Genitalbereich fast durchgängig wund. „Wir waren beim Arzt, der meinte, das könnte auch an einer Lebensmittelunverträglichkeit liegen“, so die Mutter. Das Kind, so erzählen die Großeltern, habe nach Einzug des Vaters launisches Verhalten und ein stark sexualisiertes Interesse gezeigt, habe unter anderem Zungenküsse geben wollen.

Eine Erzieherin erzählt als Zeugin von einem Vorfall bei Wasserspielen im Kindergarten, bei dem das Mädchen über Schaum geäußert habe: „Fühlt sich so an wie Penisspucke.“ Eine Reaktion vom Kindergarten gab es nicht, beim Kind wurde auch nicht nachgefragt.

Es waren die Großeltern, die die Initiative ergriffen. Schlüsselszene, so die Oma, war am 11. März 2013. Da habe ihr das Mädchen erzählt, dass ihr der Vater auf den Bauch gespritzt habe, dass es warm gewesen sei. Als Belohnung habe sie einen zweiten Film schauen dürfen. Das sei ihr großes Geheimnis.

Die Großeltern ließen sich anonym beraten, von Jugendamt, Diakonie und Polizei, hätten zu hören bekommen, dass das vor Gericht als Beweis nicht reiche. Das Ehepaar fühlte sich hilflos. „Wir hatten Angst, dass er freigesprochen wird und das Mädchen dann noch mehr leiden muss“, sagt der Großvater. Sie haben auf Tonaufnahmen in der Wohnung gesetzt, die über mehrere Tage liefen. Sie mussten warten, mit dem Wissen, dass Schlimmes geschieht. „Das war ein Entscheidung zwischen Pest und Cholera.“ Er wisse bis heute nicht, ob es richtig war, die Anzeige so lange hinauszuzögern.

Die Mutter beschreibt die Aufnahme vom 21. Juli 2013, in der das Mädchen erfolglos versucht, die Wünsche des Angeklagten – dabei geht es auch um das Eindringen – auszuschlagen. Für die Polizei war der Inhalt so eindeutig, dass sie den 41-Jährigen sofort festnahm.

„Bis zum 18. Februar haben Sie noch die Chance, Ergänzungen zu machen“, gibt Staatsanwalt Bracharz dem Angeklagten mit, der mit Handschellen abgeführt wird. Dann soll die 16-minütige Tonaufnahme im Prozess angehört werden.