„Es ging rasend schnell, innerhalb von 20 Minuten sind wir nicht mehr rausgekommen. Wir wurden mit dem Radlader durch ein Fenster aus dem ersten Stock gerettet“, erinnert sich Markus Rieg an den Sonntagabend, den er nicht so schnell vergessen wird. Der 30-Jährige steht am Tag nach dem Unwetter in der Nähe des Marktplatzes, wo sich viele Braunsbacher versammelt haben. Dort wird eine 300 Meter lange Geröll-Schlammlawine nach und nach weggeräumt. Er kam wie seine Partnerin mit dem Schrecken davon. Nach bisherigem Stand gibt es vier Leichtverletzte, darunter ein Feuerwehrmann, teilt Geschäftsführer Stefan Ammend vom DRK-Kreisverband Schwäbisch Hall-Crailsheim in Braunsbach mit. Über 100 Menschen seien aus Gebäuden gerettet worden, informiert Kreisbrandmeister Jürgen Mors vor Ort.

Motorsägen kreischen, Arbeiter machen große Holzstämme klein. Bauarbeiter sind mit schweren Maschinen im Einsatz, schaffen Geröll auf Laster und fahren die Brocken weg. Sechs Bagger und LKW sind vor Ort zum Abtransport von Schutt eingesetzt. Anwohner schaffen Schutt und Schlamm mit Eimern aus den Häusern. Ein Polizeihubschrauber kreist über Braunsbach, um unter anderem Fotos zu machen, die Sachlage, das Ausmaß des Schadens beurteilen zu können. Die Wasserversorgung funktioniert nicht mehr, Mineralwasserflaschen werden an die Bevölkerung verteilt, eine Mitarbeiterin der Gemeinde bietet den vielen ehrenamtlichen Helfern belegte Brötchen an.

„Das war durch nichts Menschliches zu bändigen“

Markus Rieg hat die Nacht mit seiner Partnerin bei seinem Vater verbracht, der oben am Hang wohnt. „Mein Haus am Kocher unten ist weg“, sagt der Braunsbacher und zeigt Handyfotos, auf denen zerstörte Hauswände zu sehen sind. Am Montagmittag werden rund 70 evakuierte Personen in der Veranstaltungshalle Arena Ilshofen durch das Deutsche Rote Kreuz versorgt, wo Feldbetten aufgebaut sind. Rieg wohnt sein Leben lang in Braunsbach, aber so etwas habe er noch nicht erlebt. Hochwasser vom Kocher her schon, aber dass die beiden kleinen Bäche, der Schlossbach und der Orlacher Bach, sich in reißende Ströme verwandeln – bislang unvorstellbar, auch für Frank Harsch. „Wir haben vergangene Nacht eine unvorstellbare Tragödie erlebt. Es war der Wahnsinn, eine Schlammlawine aus Geröll, großen Steinbrocken, ein unbeschreiblicher Lärm. Wir haben Kinder und ältere Menschen gerettet“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde bei einer Pressekonferenz am Torturm, dicht umringt von Medienvertretern. Harsch saß am Sonntagabend im Rathaus, als der Regen immer stärker wurde und sah vier, fünf Meter hohe Schlamm-Geröll-Lawinen. „Das war durch nichts Menschliches zu bändigen“, sagt Harsch über die Naturgewalt.

Einen Sachstandsbericht liefert der Erste Landesbeamte Michael Knaus vor Ort. Landrat Gerhard Bauer befindet sich am Montagvormittag auf einer Delegationsreise im Rahmen der Griechenlandhilfe. Er bricht den Aufenthalt ab, als er von der Katastrophe erfährt, um sich selbst noch im Laufe des Tages ein Bild von der Lage zu machen. „Es ging um Sekunden, hat keine halbe Stunde gedauert“, macht der Erste Landesbeamte deutlich. Der Niederschlag sei am Sonntagabend stärker als je zuvor geworden, in wenigen Stunden sei mehr Regen gefallen als sonst in mehreren Monaten. Der Orlacher Bach und der Schlossbach wurden zu reißenden Strömen, die durch Braunsbach peitschten.

Auf den Ort konzentrierten sich in der Folge Rettungsarbeiten im Landkreis. Es wurde ein Einsatzstab gebildet, der die ganze Nacht aktiv blieb, weiter an den Räumungs- und Hilfsmaßnahmen arbeitet. Seit 21 Uhr am Sonntagabend waren – beziehungsweise sind noch –  nsgesamt 329 Einsatzkräfte in Braunsbach und im Teilort Steinkirchen im Einsatz. Dazu gehören 64 Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehren Braunsbach, Schwäbisch Hall, Mainhardt und Gaildorf, das Technische Hilfswerk aus Schwäbisch Hall und Heilbronn, das Deutsche Rote Kreuz aus Schwäbisch Hall, Crailsheim, Gaildorf und Mainhardt (wurde im Lauf des Vormittags von Gerabronn abgelöst) sowie der Arbeitersamariterbund aus Braunsbach. Zudem sind Polizei und Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft mit Helfern vor Ort. Die Pegelstände an Jagst und Kocher sinken. Der Wasserrettungstrupp des DLRG aus Stuttgart ist mit verschiedenen Booten im Einsatz. PKWs im betroffenen Bereich werden nach Insassen durchsucht. Vorrangiges Ziel der Polizei lautete: weiträumig absperren, so Rudolf Biehlmaier, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Aalen. Knaus lobt die gute Zusammenarbeit im Landkreis und das Engagement der rund 150 ehrenamtlichen Helfer in Braunsbach. Ein Problem sei gewesen, dass die Feuerwehr Braunsbach zunächst eingeschlossen war, die anderen Rettungskräfte einen Weg zum Einsatzort finden mussten. Zur Schadenssumme könne noch keine Angabe gemacht werden. Die Analyse der Ursache werde Wochen in Anspruch nehmen.

Sperrungen noch nicht absehbar

Das Landratsamt teilt weiter mit, dass die Ortsdurchfahrten Braunsbach und Cröffelbach gesperrt seien, ebenso die Strecke zwischen Langenburg und Bächlingen. Wie lange die Sperrungen andauern und welche Einschränkungen noch dazukommen werden, sei noch nicht absehbar.  Schon jetzt sei ersichtlich, dass an einigen Brückenbauwerken die Flügelwände beschädigt seien. Ob diese Brücken dauerhaft gesperrt werden müssen oder nicht, könne derzeit noch nicht gesagt werden.

Die Wasserversorgung funktioniert in großen Teilen in Braunsbach nicht, auch die Stromversorgung hat Schäden. Wasserversorgung soll stationär angeboten werden und Toiletten soweit hergerichtet werden, um die nächsten Tage zu überstehen, macht Frank Harsch deutlich. Ob und wann Markus Rieg wieder in sein Haus zurückkann, bleibt vorerst ungewiss.
 



Kommentar: Worten müssen Taten folgen 


Der Schock sitzt tief. Bürger in Braunsbach haben eine bislang unvorstellbare Naturkatastrophe erlebt. Bäche wurden zur reißenden Flut. Wassermassen haben sich unaufhaltsam ihren Weg gebahnt, zerstörerische Kraft gezeigt und deutlich gemacht, wie hilflos Menschen diesen Naturgewalten ausgeliefert sind. Bewundernswert: der mutige Einsatz der Rettungskräfte, der vielen ehrenamtlichen Helfer. Bürger packen nun an, bauen ihr schönes Braunsbach wieder auf. Hilfe wurde von Kretschmann, Schmalzl und Co zugesagt. Diesen Worten müssen Taten folgen. Das gilt auch für finanzielle Hilfe zum Schutz vor solchen Starkregenereignissen, die in Zeiten des Klimawandels eher zunehmen. Wenn Schutz überhaupt möglich ist. MARCUS HAAS