Landkreis Unterricht für Flüchtlinge: Pensionäre sollen Lücken füllen

Ulrike Seitz aus Hall ist pensionierte Lehrerin. Im Lukas-Gemeindezentrum unterrichtet sie die Flüchtlingskinder Jinda, Rashyd, Mohamed und Aria in Deutsch.
Ulrike Seitz aus Hall ist pensionierte Lehrerin. Im Lukas-Gemeindezentrum unterrichtet sie die Flüchtlingskinder Jinda, Rashyd, Mohamed und Aria in Deutsch. © Foto: Ufuk Arslan
Landkreis / SIGRID BAUER 10.12.2015
Zwei- bis dreihundert schulpflichtige Kinder und Jugendliche dürften unter den bisher 1500 Flüchtlingen im Kreis Hall sein. Dafür gibt es nicht genug Lehrer. Jetzt sollen pensionierte Kollegen einspringen.

"In meinem Bekanntenkreis haben viele diesen Brief bekommen", berichtet Ulrike Seitz, die früher an der Grundschule Steinbach unterrichtet hat und jetzt im Ruhestand ist. Auch bei ihr hat das Regierungspräsidium Stuttgart schriftlich nachgefragt. "Es geht um Deutschunterricht für schulpflichtige Flüchtlinge, vor allem in Vorbereitungsklassen an den allgemeinbildenden Schulen und an den Berufsschulen", erklärt sie. "Auch als ganz normale Vertretungslehrer werden die Ruheständler gesucht", weiß die Lehrerin.

Seitz hat sich schon vor der Pensionierung bereit erklärt, als Vertretungslehrerin in ihrer alten Schule zu helfen. Zu mehr will sie sich nicht verpflichten, zumal sie ehrenamtlich den Deutschunterricht für einen Teil der Flüchtlinge in Hall organisiert und übernimmt.

An rund 30000 pensionierte Lehrer hat Kultusminister Andreas Stoch (SPD) die Bitte gerichtet, wieder Unterricht zu geben. Besonders gesucht seien Deutschlehrer, am besten für Deutsch als Fremd- oder Zweitsprache, so die Information aus dem Kultusministerium. Allein mit neuen Lehramtsbewerbern könne der Bedarf sicher nicht gedeckt werden, schreibt Ministerialrat Professor Michael Hermann.

Deshalb kommt jetzt der Aufruf an die pensionierten Lehrer, ihre Hilfe im landesweiten Vertretungspool anzubieten. Das Ganze läuft aber erst an. Deshalb könne noch niemand sagen, wie viele Ruheständler sich melden, heißt es aus dem Stuttgarter Regierungspräsidium (RP). Außerdem beschäftige das Land bereits Menschen, die nicht die vorgeschriebene Ausbildung für Lehrer haben, aber trotzdem geeignet sind, schreibt Michael Hermann.

Wie viele Lehrer im Kreis Hall fehlen, lässt sich nicht exakt sagen. Es hängt von der Zahl der Flüchtlinge ab, die noch kommen. "Wir reagieren auf die Entwicklungen", so Nadine Hilber aus der Presseabteilung des RP.

Punktuell verschärfe sich die Lage durch die Flüchtlinge im Schulamtsbezirk Künzelsau, zu dem auch der Kreis Hall gehört, aber: "Wir haben in den Vorbereitungsklassen für ausländische Kinder und in den Sprachförderklassen noch Plätze frei", teilt Schulamtsdirektorin Ursula Jordan mit. Vorhersehbar war der Lehrermangel wegen besonders vieler Pensionierungen nicht. Allerdings haben die Grund- und Realschulen zum neuen Schuljahr mehr Lehrer bekommen, die jetzt fehlen. Die Lehrerreserve sei voll im Einsatz.

Die Schulen versuchen auch, Teilzeitlehrer zum Aufstocken zu bewegen. In der Praxis ist das aber kaum erfolgreich: "Die meisten Lehrer stocken wenig auf, da sie das Teildeputat aus bestimmten Gründen wie Familie gewählt haben", stellt Jordan fest.

Pensionierte Lehrer konnten bisher nur bis zu sieben Stunden wöchentlich arbeiten, ohne ihre Pension zu gefährden. Das soll sich ändern, damit sie ohne Auswirkung auf ihr Ruhestandsgeld mehr arbeiten können, so die Auskunft aus dem Kultusministerium.

600 zusätzliche Stellen

Aufruf Bis zum Jahresende 2015 rechnen die Behörden mit rund 30000 schulpflichtigen Flüchtlingskindern in Baden-Württemberg. Dafür sind noch in diesem Jahr 600 zusätzliche Lehrerstellen vorgesehen. Studienabgänger können voraussichtlich nur einen kleinen Teil des Bedarfs decken. Deshalb hat das Kultusministerium 30000 pensionierte Lehrer angeschrieben, um sie wieder in den Schuldienst zu nehmen. siba

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