Untersuchungen Unter der Hohenloher Ebene fließen Flüsse

Diese Drohnenaufnahme zeigt Neunbronn. Der See wird von neun Quellen gespeist. Diese beziehen zum Teil ihr Wasser vom Weidenbach, der bei Wallhausen versickert, sowie vom Kreuzbach in der Teufelsklinge bei Sattelweiler fließt. Das Wasser muss dazu unter der Jagst durchfließen und 15 Kilometer zurücklegen.
Diese Drohnenaufnahme zeigt Neunbronn. Der See wird von neun Quellen gespeist. Diese beziehen zum Teil ihr Wasser vom Weidenbach, der bei Wallhausen versickert, sowie vom Kreuzbach in der Teufelsklinge bei Sattelweiler fließt. Das Wasser muss dazu unter der Jagst durchfließen und 15 Kilometer zurücklegen. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Bühlertal / Elisabeth Schweikert 06.09.2018
1971 sucht Jürgen Zander nach Möglichkeiten, das Trinkwasser sauber zu halten. Er lüftet dabei ein Geheimnis:  Wasser versickert bei Crailsheim und taucht an der Bühler wieder auf

Sauberes und frisches Trinkwasser – heute ist das kein Problem mehr in Hohenlohe. In früheren Zeiten war das anders. Auch noch Anfang des vergangenen Jahrhunderts gab es immer wiederkehrende Engpässe in der Versorgung auf der Hohenloher Ebene. Bei längeren Trockenperioden ging die Schüttung der Quellen zurück, die Belastung mit Keimen stieg an. Bei anhaltenden Regenfällen wiede­rum gab es Eintrübungen und damit ähnlich kritische Zustände. Erst mit der Gründung der Hohenloher Wasserversorgungsgruppe 1938 und dem Ausbau des überregionalen Versorgungsnetzes über die heutige Nordost-Wasserversorgung wurde diese Not beendet.

Ebenso schwierig war die Abwasserentsorgung. Vielerorts wurde das Abwasser in Erdfälle (Dolinen) eingeleitet, wo es versickerte. Oder in örtliche Bäche. Diese fließen vielfach nicht in den nächsten größeren Fluss, sondern verschwinden: Auf der Hohenloher Ebene versickern zahlreiche Bäche im karstigen Untergrund. Wohin verschwindet dieses Wasser? Die Antwort auf diese Frage gab Jürgen Zander, der 1971 und 1972 hydrogeologische Untersuchungen in der Region vornahm.

Eigentliches Ziel von Zander war, zu erkunden, wie die örtlichen Trinkwasserquellen sauber gehalten werden können, denn diese waren damals die Basis der Wasserversorgung. „Die größte Gefahr geht dabei von vielen Abwasserversickerungen in den Erdfällen aus“, stellt er in seiner Dissertation fest. Wichtigste Aufgabe des Trinkwasserschutzes müsse deshalb sein, Abwasser zu klären und zu verhindern, dass es versickert. Um festzustellen, wie weit die Einzugsgebiete der Quellen reichen, unternahm er etliche Markierungsversuche. Er färbte an zahlreichen Stellen das Wasser, das versickerte, ein, und prüfte, wo es wieder zutage trat.

Geheimnis gelüftet

Zanders Untersuchungen belegten die Bedeutung der Abwasseraufbereitung. Und ganz nebenbei lüftete er ein Geheimnis: Unter der Erde fließen Bäche und Flüsse über weite Strecken.

In den 1970er-Jahren wusste man von dem ausgedehnten Höhlensystem unter der Schwäbischen Alb. Stetig versickerndes Wasser hat dort den Kalk aufgelöst, unterirdische Flüsse waren entstanden. Dass auch unter der Hohenloher Ebene Höhlen und auch Flüsse verlaufen, wurde damals erst nach und nach bekannt. So wurde 1970 nördlich von Bemberg eine Höhle erkundet. Ebenso bei einem Steinbruch bei Bettenfeld. Mit dem Bekanntwerden dieser Höhlen wurde bewiesen, dass der Muschelkalk der Hohenloher Ebene verkarsten kann, dass also Gestein verwittert und sich auflöst. Damals wurde vermutet – inzwischen ist es nachgewiesen –, dass die Höhlen ein in die Tiefe verlagertes Gewässernetz darstellen.

Erster Versuch scheitert

Mehr als 30 Versuche unternimmt in den 1970er-Jahren Jürgen Zander auf der Hohenloher Ebene zwischen Niederrimbach und Schwäbisch Hall. Er verwendet Uranin AP als floureszierenden Farbstoff. Als einer der letzten Versuche steht die Untersuchung der Weidenbachversickerung an. Am 29. November 1971 schüttet Zander fünf Kilogramm Uranin in die Bachschwinde des Weidenbachs bei Wallhausen. Er kontrolliert mehrere Quellen auf Kirchberger Gemarkung und erklärt, als drei Wochen lang nichts erkennbar ist, diesen Versuch als gescheitert.

Am 14. März 1972 unternimmt er einen zweiten Versuch, dieses Mal mit sechs Kilogramm Uranin. Gleichzeitig weitet er den Beobachtungsraum auf das Bühlertal aus. Er kontrolliert Quellen in Neunbronn, Ober­scheffach und in Cröffelbach. Nach 20 Tagen meldet sich der Wärter des E-Werks in Neunbronn. Diesem war am Ostermontag 1972 aufgefallen, dass sich das Wasser im Stausee verfärbt hatte.

Zander rätselte, warum die Farbkonzentration so gering war, aber diese Frage beantwortete er nicht mehr. Immerhin: Mit dem Verfärben des Mühlensees bei Neunbronn war ihm der Nachweis gelungen, dass das bei Wallhausen versickernde Wasser über einen unterirdischen Wasserstrom mindestens die 17,75 Kilometer zurückgelegt hat. Im August 1988 lösten Färbeversuche des Geologen Theo Simon das Rätsel, warum die Farbkonzentration beim ersten Versuch so gering war: Er fand weitere Nebenaustritte des Wassers. Zudem erkannte er, dass das Wasser des Weidenbachs nicht direkt gen Neunbronn fließt, sondern erst Richtung Lobenhausen, und sich dort mit weiteren Wasserversickerungen vermischt.

Info Im nächsten Teil der Serie geht es um den Rittergang in Oberscheffach.

An der Heldenmühle floss fast alles Jagstwasser in den Untergrund

Über Jahrhunderte war es für die Müller an der Jagst ein Ärgernis: In heißen Sommern fällt die Jagst an der Heldenmühle bei Satteldorf trocken. Das beschreibt 1722 die Chronik von J. Chr. Bauer. Wie es darin heißt, vermauerten die Müller einen Teil des Flussbettes, „was umsonsten gewesen“ sei. Bereits 1736 wurde vermutet: „Die Wasser wandern in den Pühler-Fluß im Hällischen Lande. Auch habe man schon Spreuer hineingelassen, welche allda wieder ans Tageslicht gekommen.“ Im sehr trockenen Jahr 1865 schlossen sich 32 Müller von Crailsheim bis Klepsau zu einer Genossenschaft zusammen, um die Wasserversickerung abzudichten. Allerdings fehlte geeignetes Material.

Vor dem Ersten Weltkrieg beschlossen die Müller, an der Hauptversickerungsstelle unterhalb des Wehrs bei der Heldenmühle erneut tätig zu werden. Im Schwäbischen Merkur vom 28. Februar 1911 wird berichtet, dass bei der Heldenmühle bei einem Pegelstand von 83 Zentimetern von 480 Litern, die pro Sekunde zuflossen, 470 Liter pro Sekunde versickerten – 98 Prozent! Bei einem Pegelstand von 108 Zentimetern flossen von 870 Litern pro Sekunde 64 Prozent in die Tiefe – 560 Liter.

1910 wurde eine geschlossene Betonwanne in die Jagst verlegt. Ironie der Geschichte: Mit der danach einsetzenden Elektrifizierung verloren die Mühlen im Jagsttal ihre Bedeutung, weil sie in der Enge des Tales nur schwer zugänglich waren. Unklar war damals weiterhin, wohin das Wasser versickert war. sel

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