Musik Umherirren in Beethovens Zauberwald

Die Geigerin Ksenia Dubrovskaya lässt ihr wertvolles Instrument fast zu schön singen, sie verzichtet auf Abgründe.
Die Geigerin Ksenia Dubrovskaya lässt ihr wertvolles Instrument fast zu schön singen, sie verzichtet auf Abgründe. © Foto: Ralf Seidel
Künzelsau / Ulrich Enzel 09.01.2018

Landauf, landab lassen Neujahrskonzerte operettenhaft glitzernde Potpourris explodieren. Im dunklen Ernst des ausverkauften Carmen-Würth-Forums dagegen dominiert Ludwig van Beethovens d-Moll-Kampf mit den Mächten des Schicksals das erste Neujahrskonzert der im vergangenen Sommer neugegründeten Würth-Philharmoniker.

Doch zuvor darf Felix Mendelssohns Violinkonzert Genuss schenken. Fast zu schön ist das romantische Singen, mit dem Ksenia Dubrovskaya auf ihrer Geige das Publikum bezaubert. Romantisches Eichendorff-Idyll: „Und es war alles, alles gut.“

Justus Frantz lässt der Solistin den Vortritt. In äußerst ruhigen Tempi führt er die Philharmoniker mit sicher fließendem, stets leises Spiel forderndem Dirigat nie zu echtem Dialog – als ob sie der Geigerin die duftigen Blumenarrangements der Bühnendekoration zu Füßen legen wollten. Dabei kann Frantz voll auf die Bereitschaft der vorzüglichen Musiker setzen, die selbst in extremer Langsamkeit alle Details ihres Parts auskosten.

Sanft und heiter

Doch alles Hintergründige des Violinkonzertes bleibt verborgen. Dabei fordert die edle Gabrielli-Geige mit ihren tiefen Frequenzen auch von der Solistin geradezu Herb-Kraftvolles. Aber Dubrovskaya will nur sanft-heiter erfreuen. Technisch sicher und klangschön, weckt sie die dunklen Seiten ihres Instruments nicht. Auch die zugegebene Melodie aus Christoph Willibald Glucks Schicksals-Oper „Orpheus und Eurydike“ ist ohne jedes Arg.

Warum nur wollen sich auch bei Beethovens 9. Sinfonie die geistig-emotionalen Abgründe nicht verifizieren? Verschleppte Tempi machen es den Philharmonikern im ersten Satz schwer, die Strukturen des Werkes lebendig werden zu lassen. Auch das Dirigat fühlt sich mehr den Effekten jedes einzelnen Taktes verpflichtet als übergreifenden Aussagen. Dabei ist dieses Umherirren in Beethovens monumentalem Zauberwald klangvoll schön.

Auch die schwungvolle Dynamik des zweiten Satzes weilt kleingehackt, sinnentleert auf der Stelle. Im dritten schenkt Frantz den Musikern nicht das Zauberwort, das die emotionale Breite zum Singen bringen könnte. Spannungslosigkeit und Verlangsamen hemmen bei der Einleitung des Schlusssatzes ein Grenzen auslotendes narratives Entfalten.

Doch dann: „O Freunde, nicht diese Töne!...“: Schiller und die Vokalsolisten, die müssten doch endlich die Botschaft des Werkes vermitteln. Leider erweist sich die Auswahl der Solisten als wenig geglückt. Bariton Museop Kim eröffnet mit markant-kraftvoller Stimme, doch opernhaft breitem Vibrato – Schiller würde sich wohl an seiner Diktion stören.

Soli fügen sich nicht zusammen

Das Wort, auch dem Komponisten zentral wichtig: Alle Solisten haben sprachlich Probleme. Olga Trifonova glänzt mit einem strahlend hellen Sopran, Ekaterina Krapivina kann weiche, weite Wärme ihres Alts beisteuern, und Tenor Evgeny Akimov ergänzt mit hochfrequent-leuchtendem Tenor. Doch im Quartett fügen sich die Timbres nicht zusammen. Kein „Alle Menschen werden Brüder“. Erlösung schenkt die Gaechinger Cantorey. Aus der Höhe der Galerie überwinden sie singend, ganz wie Beethoven dies komponiert hat, alles Erdenleid. In harmonischer Geschlossenheit strahlt ihr Gesang fast engelsgleich. Es gibt Jubel als Dank.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel