Leipziger Bläserquartett in St. Michael Umarmt von Bläsermusik

Schwäbisch Hall / Rainer Ellinger 12.12.2018
In der Stunde der Kirchenmusik in der Haller Kirche St. Michael überzeugt das Leipziger Bläserquintett Embrassment. Es ruft bei den Zuhörern Entzücken hervor.

Das französische Wort Embrassement bedeutet Umarmung. Der etwas eigenwillig geschriebene Ensemblename „emBRASSment“ lässt erwarten, dass man als Hörer hier von Bläsermusik umarmt wird – umgarnt.

In der Tat. Was die Besucher der „Stunde der Kirchenmusik“ am Samstag in der Haller Michaelskirche von den fünf jungen Blechbläsern aus Leipzig zu hören bekommen, umfängt sie mit Entzücken. Astreiner Tonansatz, im Piano zurückgenommene Echowirkungen bei trotzdem heller Klangfarbigkeit und auch vitale Dynamik.

Das Eingangsstück „Tochter Zion“ von Georg Friedrich Händel erklingt in einem Arrangement von Pavel Stanek. Unter Arrangement darf man sich hier nicht einfach nur eine Übertragung der Instrumentenstimmen auf ein Blechbläserensemble vorstellen, sondern es erklingen auch eigenwillige harmonische Modernismen in enorm dynamischem Vortrag.

Sanfte tiefe Klänge

Aus Bachs Weihnachtsoratorium folgt die Arie „Großer Herr und starker König“. Es groovt geradezu, so flott im Tempo wird das Stück angegangen. Trotzdem bleibt die Lautstärke im Rahmen und der polyphone Tonsatz wird deutlich. Die Trioteile sind sanft in der Hand der tiefen Bläser. Umso strahlender erwächst daraus die Kantilene der hohen Trompete. Der eifrige Applaus der zahlreichen Zuhörer nach jeder Darbietung wirkt in der Haller Michaelskirche ungewohnt.

Die Lesung „Die Nacht ist vorgedrungen“ nach Worten von Jochen Klepper nimmt Bezug auf die nun folgende gleichnamige musikalische Meditation von Hendrik Reichardt (geb. 1981). In einem leisen clusterhaften Tonleiteraufbau schleicht sich im tiefen Bass die rhythmisch veränderte Liedmelodie ein, über die dann in improvisiert wirkender Art sinniert wird. Schließlich entsteht ein moderner Choral, der von der hohen Trompete überstrahlt wird.

Bei „Macht hoch die Tür“ im Satz von Georg Weissel (1590–1635) dürfen die Zuhörer mitsingen; wie auch später bei „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Der instrumentale Anteil beschränkt sich in beiden Fällen auf die kontrapunktierenden tiefen Bläser.

Ein von Johannes Brahms geschriebenes Orgelvorspiel zu „Es ist ein Ros’ entsprungen“ wird trompetenhaft dargeboten, wodurch der an sich schon für Brahms’sche Verhältnisse ungewohnt „moderne“, dissonanzreiche Satz noch moderner wirkt. Sanfte, ruhige Tongestaltung im spätromantischen Satz hört man im beliebten „Abends, wenn ich schlafen geh’“ aus der Oper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. Klanglich sehr zart und dennoch ein kleinräumiges, dynamisches Wechselspiel.

Orientalische Wirkung

Peter Tschaikowskys „Arabischer Tanz“ aus der „Nussknacker-Suite“ bezieht seine orientalische Wirkung aus der ostinaten Bassfigur. Die beiden Trompeten bringen nebst sanften Terzen auch grellere, harmonische Härten ins Spiel. Sehr vital, mit abschließendem Stretto erklingt der tänzerische „Trepak“. Die perfekt gemeisterte Technik glättet die Wildheit etwas.

Johann Sebastian Bachs „Ich steh’ an deiner Krippen hier“ geht in der Bearbeitung durch Juliane Grepling eine Ehe ein mit karibischem Gemüt. Sehr lebendiger Kontrapunkt im Bass und dem Latin-Jazz entlehntes Fantasieren der Oberstimmen entlocken dem Publikum besonderen Applaus. Es erhebt sich aber die Frage, ob für derlei Experimente nicht ein geeigneteres musikalisches Sujet hätte gefunden werden können.

Den Abschluss des Abends bildet eine weitere Jumelage. Luther Henderson (1919–2003) hat das Thema von Händels „Halleluja“ aus dem „Messias“ mit dem Spiritual „O, when the Saints“ zu einem flotten Dixieland-Jazz verwoben. Als Zugaben spielen die versierten Musiker „Jolly old St. Nicolaus“ und ein ostdeutsches Weihnachtslied in hymnischem Bläsersatz.

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