Freilichtspiele Über die Fesseln der Trauer

Bettina Lober 22.03.2017
Silke Geertz und Mario Gremlich zeigen in der Haalhalle das berührende Ehedrama „Gift“ der Niederländerin Lot Vekemans als Spiel um Verlust und Schmerz.

Ehedramen haben’s in sich. Man denke nur an Edward Albees„Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder „Der Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza. Beide Stücke standen einst auf dem Spielplan der Freilichtspiele Hall und wurden im Globe-Theater gezeigt. Ehedramen sind mentale Duelle: Lebenspartner, die sich einmal geliebt haben, wissen genau, wie sie den jeweils anderen treffen und verletzen können – man weiß um all die gescheiterten Erwartungen, enttäuschten Hoffnungen und die bequem eingerichteten Lebenslügen. Das hat enormen Unterhaltungswert.

Bei Lot Vekemans’ Stück „Gift“ geht es allerdings weniger um den Spaß an der Beobachtung so einer partnerschaftlichen Schlacht. Klar, gestritten und gerungen wird dort auch. Aber fern jedes Sarkasmus’, sondern mit dem Schmerz des Verlustes und der am eigenen Leben nagenden Trauer. Die beiden Schauspieler Silke Geertz und Mario Gremlich zeigen das intensive Drama im Winterprogramm der Freilichtspiele Hall. Zunächst haben die beiden Künstler in kompletter Eigenregie an der Inszenierung gearbeitet, bei den Endproben wurden sie von Freilichtspiele-Intendant Christian Doll in Hall unterstützt. Zur Premiere in der Haalhalle kommen in der vergangenen Woche knapp 40 Besucher.

Alter Schmerz bricht auf

Das Paar in dem Drama von Lot Vekemans hat nicht nur die Liebe zueinander verloren. Sie haben ihr Kind bei einem Autounfall verloren – dann sich selbst und schließlich einander. Nach fast zehn Jahren treffen sie sich beim Friedhof wieder, auf dem der Junge beerdigt ist. Fünf Bankquader auf der Bühne sind von dünnem grauem Stoff überdeckt wie mit einem Trauerschleier. Angeblich ist im Boden des Friedhofs Gift gefunden worden, weshalb die Toten umgebettet werden müssen. Das steht in einem Brief, den der Mann bekommen hat.

Er hat wieder geheiratet

Das Wiedersehen der beiden nach all den Jahren ist natürlich zunächst distanziert. Aber die Höflichkeitsfloskeln sind bald ausgetauscht, das misstrauische gegenseitige Beäugen beendet. Bei der Mutter brechen die verkrusteten Narben des Verlustes wieder auf, nach all den Jahren um Verbitterung bereichert. Denn er hat sich neu verliebt, geheiratet und wird bald wieder Vater. Gewiss, die Vergangenheit sei nicht auszuradieren, räumt er ein: „Aber woher weiß man, wann es besser wird?“

Sie versinkt im Schmerz, hat sich mit den Fesseln ihrer Trauer zwar arrangiert, will sich aber auch aus ihrer Opferrolle herausarbeiten. Es ist weniger ein Duell, sondern eher ein Duett, in dem die beiden um die Überwindung all der Vorwürfe und des Haderns ringen. Langsam tasten sie sich an die gemeinsame Trauer heran.

Silke Geertz und Mario Gremlich berühren mit ihrem eindringlichen Spiel in der leise und schlicht inszenierten Produktion. Lediglich einige elektronische Sounds untermalen zuweilen den Dialog – besonders eindrücklich etwa, als die Mutter vom Sterben des Kindes berichtet.

Der Tod des Kindes hat sich in das Leben der Eltern gefressen. Aber Mutter und Vater lernen in dieser Begegnung auch schmerzlich, dass sie neu beginnen müssen. „Das war’s also“, heißt es am Schluss. Ja – ein ehrliches, aufrichtiges Stück mit wohltuendem Ernst und Tiefgang.