Artenschutz Turm für Tiere im Sonnenrain errichtet

Schwäbisch Hall / Tobias Würth 19.06.2018
38.000 Euro kostet die neue Heimat für rund 20 Vogelpaare und 50 Fledermäuse. Auch am Bahnhof wird diese Konstruktion aufgebaut.

Der ein oder andere Bürger wird sich fragen: „Was ist das?“, sagt Baubürgermeister Peter Klink. Daher hat er zum Besichtigungstermin geladen und will auch noch eine Infotafel aufstellen lassen. Das acht Meter hohe Metallgerüst im Sonnenrain an der Grenze zum Solpark stellt einen Artenschutzturm dar.

Vögel und Fledermäuse scheinen das im Gegensatz zu manchen Bürgern zu wissen, hofft zumindest die Bauverwaltung. Die Tiere sollen ihr neues Domizil von allein finden. 20 Obstbäume und eine Scheune mussten für den ersten Bauabschnitt des Wohngebiets Sonnenrain in Hessental fallen. Vögel, die dort brüten, und Fledermäuse, die in der „Wochenstube“ ihr Jungen aufziehen, benötigen eine Ersatzunterkunft. So sieht es der Umweltbericht vor, der Teil des Bebauungsplanverfahrens ist (siehe Info).

Doppel- und Gruppenzimmer

Knapp 50 Fledermäuse gilt es unterzubringen sowie rund 20 Vogelpaare. „Wir haben genügend Platz“, sagt Volker Elsässer aus der Bauverwaltung. Der Holzkasten im obersten Stockwerk des Turms sei eine Neuheit, die es andernorts noch gar nicht gibt. „15 laufende Meter Holz sind in mehreren Schichten angebracht“, berichtet Schreiner Daniel Rieker, der in Hall bereits den Spielplatz auf dem Unterwöhrd gesägt und verschraubt hat. Der Schutzraum für die Flattermänner wurde nach den neuesten Erkenntnissen von Dr. Alfred Nagel erstellt. Im Turm befinden sich auch zehn einzelne Nistkästen für Höhlenbrüter sowie eine Sammelunterkunft  für Spatzen, die in Kolonien brüten.

38 000 Euro hat das Werk gekostet. Es sei bewusst eine Metall­optik gewählt worden. Ein ähnlicher Turm werde nämlich auch im Bahnhofsareal errichtet. Und der soll dort mit dem Metallturm am Ende der Zollhüttengasse korrespondieren. „Hier wirkt es filigran“, erläutert Architekt Rolf Kronmüller, der alles geplant hat.

Kotspuren auswerten

Warum wurde keine Holzkonstruktion gewählt, die dem natürlichen Lebensraum ähnelt? „Wir benötigen eine dauerhafte Lösung“, erläutert Ellsäßer. „Die darf nicht wie ein Jägerstand zusammenbrechen.“ Ob die Unterkunft den Tieren gefällt, werde kontrolliert. Das heißt elegant „Monitoring“, bedeutet aber nichts anderes, als den Kot unter dem Turm auszuwerten.

40 Obstbäume werden gepflanzt, um Tieren Lebensraum zu bieten

Vögel im Sonnenrain: Anja Ullmann, Master of Sciences  in Biodiversität und Ökologie vom Freiburger Büro Faktor-Grün hat Flora und Fauna analysiert. Sie erstellte den Umweltbericht im Bebauungsplanverfahren. „Es wurden hauptsächlich weit verbreitete, siedlungstolerante Arten ermittelt. Dazu zählen Buchfink, Kohlmeise Amsel, Blaumeise, Grünfink, Hausrotschwanz, Kleiber, Mönchsgrasmücke, Zilpzalp.“ Sie sichtete auch Vögel, die in Baden-Württemberg auf der Roten Liste stehen. Dazu zählen Dorngrasmücke, Feldlerche, Feldsperling, Goldammer, Grauschnäpper, Star, Sumpfrohrsänger und Turmfalke. „Die Schleiereule gilt als ungefährdet, ist jedoch aufgrund ihrer Lebensraumansprüche als besonderer Fund zu werten“, schreibt Anja Ullmann. Sie schlägt im Umweltbericht vor, wie man den Wegfall von Nistmöglichkeiten in 20 Bäumen und in dem alten Hofgut ausgleichen kann: Mit neuen Schleiereulenkästen, Halbhöhlenkästen für Grauschnäpper sowie Kolonienistkästen für Feldsperlinge   und  Starennisthöhlen.

Vier Fledermausarten zeigten sich den Experten: Kleine Bartfledermaus (Myotis mystacinus), Großer Abendsegler  (Nyctalus noctula), Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus), Breitflügelfledermaus   (Eptesicus serotinus).   Alle Arten stehen auf der Roten Liste, sind  nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Die Scheune, die nun abgerissen ist, diente den Bartfledermäusen als zumindest zeitweise genutztes Wochenstubenquartier und auch einzelne Zwergfledermäuse nutzen das Gebäude als Unterschlupf. Daher sieht der Umweltbericht vor, Ersatzlebensräume zu schaffen. Zudem sollen 40 hochstämmige Obstbäume gesetzt werden, das sind doppelt so viele wie umgesägt wurden. „Es bleibt kein Defizit an Ökopunkten zurück“, ist die Schlussfolgerung des Umweltberichts für den Fall, dass, wie geplant, alle Vorschläge umgesetzt werden.

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