Das Vereinsheim ist ihr zweites Zuhause. Ihre Freizeit dreht sich um das runde Leder. Die Buchstaben „TSV“ erwecken bei ihnen Heimatgefühle. Ein Leben ohne Fußball? Das kann sich Familie Lindner aus Ilshofen nicht vorstellen.

„Es macht keinen Unterschied, ob wir hier sind oder zu Hause“, sagt Lukas Lindner (20) über das TSV-Vereinsheim. Die ganze Familie auf einem Haufen anzutreffen, wie an diesem Nachmittag, sei gar nicht so einfach, erzählt Mutter Nicole (42). Ihre Tochter Julia (22) wohnt mittlerweile in Obersontheim. Auch Lukas ist nur noch selten daheim. Er studiert in Ludwigsburg, kommt aber zu jedem Training und Spiel nach Hause. Moritz (18) macht in diesem Jahr sein Abitur. Sophie (10) ist das Nesthäkchen.

Als Nicole und Christoph Lindner 2000 von Vellberg nach Ilshofen ziehen, ist für beide schnell klar, dass sie sich beim Sportverein anmelden. „Man muss Kindern eine Heimat, eine Möglichkeit bieten, sich anschließen zu können“, sagt Christoph Lindner (47). Anfangs probierten die Kinder unterschiedliche Sportarten – Kunstturnen oder Tischtennis – aus. Hängen geblieben sind sie aber alle vier beim Fußball. Weil es ein Teamsport ist, meinen sie.

Mittlerweile sind die Lindners aus dem Verein „nicht mehr wegzudenken“, betont Dario Caeiro, Vorstand Fußball. „Sie sind nicht nur ein Mehrwert für den TSV, sondern auch für die ganze Stadt.“ Nicole Lindner bewirtet seit mehr als zehn Jahren das Vereinsheim und organisiert Veranstaltungen wie das Sied­fleisch­essen am 16. und 17. März. An den Spiel-Wochenenden steht sie hinter der Theke. Außerdem kümmert sich die gebürtige Berlinerin um Bestellungen und die Buchhaltung und macht im Förderverein die Kasse. Christoph Lindner ist seit 16 Jahren Jugendtrainer und zuständig für die Organisation von Trainingslagern. Im und ums Vereinsheim schaut er nach dem Rechten. Seit 2018 ist er Sportwart, somit die Schnittstelle zwischen den Abteilungen.

„Man muss bedenken, dass Nicole und Christoph beide berufstätig sind“, so Caeiro. Nicole betreibt den Kiosk an der Hermann-­Merz-Schule in Ilshofen und engagiert sich als Jugendhelferin in der Ganztagesbetreuung. Ihr Mann lehrt als Bäckermeister und Konditor an einer Berufsschule in Heilbronn.

Auch die Kinder zeigen Einsatz. Lukas ist Manager des Talentteams, Moritz Kapitän der A-Jugend und Teil des Jugend­rates. „Die Familie hält den Teamgeist hoch. Sie ist darauf bedacht, dass jeder Teil der Gemeinschaft sein kann“, sagt Caeiro.

Christoph und Nicole Lindner wissen, dass ihr Einsatz nicht selbstverständlich ist – gerade in Zeiten, in denen viele Vereine Schwierigkeiten haben, Mitglieder und Ehrenamtler zu finden. Die Erfahrung des Paares zeigt, dass es immer die Gleichen sind, die helfen. Man müsse direkt auf die Leute zugehen, wenn man sie braucht. So konnten sie viele Vereinsmitglieder gewinnen, die sie regelmäßig bei Veranstaltungen, wie zuletzt bei der Faschingsparty, unterstützen. „Aber nicht jeder ist für das Ehrenamt geeignet“, sagt Christoph Lindner. Das müsse man einfach akzeptieren.

Wirklich der Vater?

Mitglied im Sportverein zu sein, ist eine Verpflichtung. Man muss Verantwortung für seine Aufgaben übernehmen. Der Familienvater betont aber auch, dass der Verein ihnen viel zurückgibt. Man bekomme Werte vermittelt – Wertschätzung, Hilfsbereitschaft, Teamgeist –, die man in allen Lebenslagen brauchen kann. Das schlagkräftigste Argument für Lindner ist aber: „Teil einer großen Gemeinschaft zu sein, macht für uns das Leben lebenswert.“ Seine Frau fügt an: „Ich sehe mich später hier auf der Terrasse sitzen und die jüngere Generation schmeißt den Laden.“

Haben die Kinder eigentlich das Fußballtalent vom Papa geerbt? Alle lachen. „Viele sagen, dass wir einen Vaterschaftstest machen sollen“, so das Oberhaupt. Nach seiner Zeit in der Vellberger Jugend, wechselte Lindner nach Gründelhardt und spielte dort neun Jahre in der Kreisliga – somit einige Klassen niedriger als seine Söhne jetzt. In Ilshofen machte er einige Partien in der zweiten Mannschaft und für die AH. Mittlerweile steht der Bäcker als Trainer am Spielfeld. Gerade betreut er die U 11, in der auch seine jüngste Tochter spielt.

Sophie war schon auf dem Sportplatz zu Hause, als sie noch im Maxi-Cosi saß. „Ich habe sie zum Training mitgenommen, wenn Nicole gearbeitet hat“, sagt Lindner. Als Sophie älter wurde, habe sie sich oft an die Taktik­tafel gestellt und den Papa gemimt („So Jungs, wir machen das so“) oder auch Sprüche losgelassen wie „Schiri, wir wechseln!“

Bayern, Hertha, Freiburg

Auch die Mama ist sportlich. „Ich habe in Berlin Handball gespielt. Da muss man den Umgang mit dem Ball ja auch beherrschen.“ Beim TSV ist die 42-Jährige in der Skiabteilung aktiv.

Wer ist denn nun der beste Fußballer? Sophies streckt energisch die Hand. Dann errötet sie und lenkt schnell ein: Lukas sei der beste Spieler. Oder doch Moritz? Festlegen kann sie sich nicht. Das gilt auch für den Rest der Familie. Dagegen ist die Frage, wer am meisten Ahnung von Fußball hat, gleich geklärt: der Papa. Er hat die größte Erfahrung, finden Frau und Kinder.

Eine Unstimmigkeit gibt es aber noch bei den Lindners – und zwar welcher Bundesligist angefeuert wird. Das Lager spaltet sich in FC Bayern München (Sophie), Her­tha BSC Berlin (Nicole und Moritz) und SC Freiburg (Christoph und Lukas). Julia ist neutral: „Ich bin Fan des TSV Ilshofen.“

Im Schloss in Vellberg kennen- und lieben gelernt


Christoph Lindner (47) ist in Vellberg aufgewachsen. Er lernte Bäcker und Konditor. Nach seinem Meister machte er 2006 eine Weiterbildung zum technischen Lehrer und ist seitdem in Heilbronn an einer Berufsschule tätig.

Nicole Lindner (42) kommt ursprünglich aus Berlin. Für ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau kam sie 1993 nach Vellberg ins Schloss, das damals noch ein Hotel war. Dort lernte sie Christoph Lindner kennen, der im Haus als Patissier gearbeitet hat.

Das Paar heiratete 1996 und wohnte erst fünf Jahre in Vellberg, bevor es 2000 mit den Kindern Julia (22) und Lukas (20) nach Ilshofen zog. Sohn Moritz (18) kam kurz danach zur Welt. Sophie (10) wurde acht Jahre später geboren. Nicole Lindner arbeitet ehrenamtlich im Kiosk der Hermann-Merz-Schule in Ilshofen und engagiert sich auch als Jugendhelferin in der Ganztagesbetreuung.

2002 trat die Familie dem TSV Ilshofen bei. Christoph Lindner ist seit 16 Jahren Jugendtrainer, gerade hat er die U 11 in seiner Obhut. Seit 2018 ist er Sportwart. Nicole Lindner bewirtet und verwaltet für eine Aufwandsentschädigung das Vereinsheim.

Tochter Julia wohnt in Obersontheim und arbeitet als Industriekauffrau bei Bausch + Ströbel in Ilshofen. Sie spielt mit der ersten Frauenmannschaft in der Bezirksliga. Lukas ist 2018 mit der ersten Herrenmannschaft in die Oberliga aufgestiegen. Er ist Stürmer und studiert in Ludwigsburg Mathe und Wirtschaft auf Lehramt. Seit vier Jahren hat er auch einen Fussball-­Trainerschein. Moritz ist Kapitän der A-Jugend, hatte aber auch schon Einsätze in der Oberliga. Er macht dieses Jahr sein Abitur und leitet am Lise-Meitner-Gymnasium die Fußball-AG. Sophie besucht die Hermann-Merz-Schule in Ilshofen. Sie reitet auch gerne. ena