Hall/Leudersdorf Trauer um den Bronze-Prediger - Nachruf auf Ulrich Henn

Hall/Leudersdorf / BETTINA LOBER 17.12.2014
Ob Stuttgart, Hall oder Washington: Der in Hall geborene Bildhauer Ulrich Henn hat weltweit für Kirchen eindrucksvolle Werke geschaffen. Am 8. Dezember ist der Enkel Gottlob Weißers im Alter von 89 Jahren gestorben.
Sein Name steht in ungezählten Kirchenführern: Ulrich Henn. Jahrzehntelang hat er Kunstwerke für Gotteshäuser geschaffen. Doch erst mit dem Katalog zu der Sonderausstellung „Ulrich Henn – Bronzearbeiten“ im Jahr 2008 im Hällisch-Fränkischen Museum gibt es das erste Buch über ihn.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lebte Ulrich Henn in Leudersdorf in der Eifel. Dort, wo er bis zuletzt arbeitete, ist er am 8. Dezember gestorben. Im nächsten Jahr wäre der Künstler 90 Jahre alt geworden.

Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hinterlässt er ein umfangreiches Werk. Seiner Heimatstadt Hall bleibt Henn zeitlebens verbunden – zumal es in der Stadt am Kocher viele Spuren des Bildhauers gibt: Altarkreuz, Lesepult und Osterleuchter in der Michaelskirche, die Wandplastik „der wiederkommende Herr“ im Chor der Auferstehungskirche und die große Bronzeplastik „Stillung des Sturms“ am Diakonie-Klinikum sind nur einige Beispiele.

In Kriegsgefangenschaft in Italien

Am 6. März 1925 wird Ulrich Henn als Sohn von Domänenpächter Hermann Henn und dessen Frau Maria in Hall geboren. Ulrich Henns Großvater war der einstige Diak-Leiter Gottlob Weißer. Im früheren Landerziehungsheim in Michelbach/Bilz (heute Evangelisches Schulzentrum) geht Henn zur Schule, macht 1942 das „Notabitur“ und wird zum Militärdienst eingezogen. In Italien gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Im Lager bei Neapel beginnt er, aus Munitionskisten Weihnachtskrippen zu schnitzen – eine Vorstufe seiner Kunst, vermutete der frühere Haller Dekan und Ex-Prälat Paul Dieterich, als er 2008 die Eröffnungsrede zur Henn-Ausstellung im HFM hält.

1947 beginnt Henn seine künstlerische Laufbahn zunächst als Bildschnitzer und Restaurator, er arbeitet beim Bildhauer Josef Zeitler in Stuttgart mit. 1948 heiratet Henn die Buchhändlerin Elisabeth Scholl aus Ulm, mit ihr hat er vier Kinder. Im jenem Jahr macht er sich als Bildhauer mit einem Atelier in Plieningen selbstständig. Nach ersten Aufträgen für Restaurierungen entstehen bald eigenständige Arbeiten. Von 1953 an benutzt er neben Holz auch Bronze.

Ein Arbeitsunfall im Jahr 1958 gibt den Ausschlag, dass Henn sich vom Arbeitsmaterial Holz verabschiedet. Beim Schnitzen hatte er die Strecksehne seines linken Daumens durchtrennt. Doch als junger Familienvater konnte er sich eine Schaffenspause nicht leisten – „Aufträge kamen dennoch“, erzählte er. Er stellt seine Arbeitsweise um und modelliert fortan in Wachs für den Bronzeguss. 1962 ziehen die Henns nach Leudersdorf in die Eifel.

Es entstehen mehr als 30 Kirchenportale sowie zahlreiche Brunnen und Freiplastiken. Henns Arbeiten – manche Portale sind fünf Meter hoch – besitzen enorme Erzählkraft. Er ist ein evangelischer Künstler. „Es geht um die Botschaft pur“, charakterisiert Dieterich das Werk. Henn nimmt dem Material Bronze in seinen Werken die Schwere schafft zugleich eine eindringliche Konzentration – das beschert ihm den Beinamen Bronze-Prediger.

Seine Kunst schafft es bis in die USA und nach London

Ulrich Henn arbeitet für viele deutsche Kirchen, aber nicht nur. Im Jahr 2000 erhält er das Bundesverdienstkreuz am Bande „für seine besonderen Verdienste um die Verbesserung des Ansehens der Bundesrepublik Deutschland im Ausland“. Von 1978 bis 1987 gestaltet Henn drei imposante Doppelportale für die National Cathedral in Washington. In dieser Zeit entstehen auch große Arbeiten für Kirchengemeinden in Österreich, es folgen Werke in Herford, Hildesheim, Hall, Mainz, Andernach und Meckenheim. Von 1997 bis 2003 arbeitet Henn am Zeremonienportal, zwei Seitentüren und einem Tabernakel für die St.-James-Cathedral im amerikanischen Seattle. Die Portale in Washington und Seattle sind wohl Henns gewaltigsten Werke, dort ist die ganze biblische Heilsgeschichte von der Vertreibung aus dem Paradies bis zur Auferstehung Jesu künstlerisch ausgebreitet.

Doch Henn beschränkt sich nicht auf kirchliche Themen. So zeigt die Ausstellung 2008 im HFM in Hall zahlreiche charmante Kleinplastiken auch den hintergründigen und warmherzigen Humor Henns. Erstmals sind seine Kleinplastiken 1974 in einer Einzelausstellung in Londen zu sehen.

2013 fertigt der Bildhauer einen bronzenen Pfingstleuchter für die Stiftskiche Tübingen und vervollständigt so seine 1964 dort mit Altarkreuz und Bronzeportal begonnene Arbeit. Die Kleinplastik „Vogelflug“, eine Auftragsarbeit, verlässt noch im September 2014 sein Atelier.

Info Zum Gedenken für Ulrich Henn gibt es am Freitag, 19. Dezember, eine Andacht in der Kapelle Leudersdorf. Die Trauerfeier für Henn ist für Donnerstag, 15. Januar, um12.30 Uhr in der Martinskirche in Stuttgart-Plieningen geplant. Der 15. Januar ist auch der erste Todestag von Ulrich Henns Ehefrau Elisabeth.

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