Crailsheim Totholz schafft neuen Lebensraum

Forstamtsleiter Andreas Wickel erklärt den Teilnehmern der Waldbegehung im Gebiet Reußenberg, wie viele Pflanzen- und Tierarten dort heimisch sind. Bei einer Fragerunde zu Baumarten antwortet die Gruppe richtig.
Forstamtsleiter Andreas Wickel erklärt den Teilnehmern der Waldbegehung im Gebiet Reußenberg, wie viele Pflanzen- und Tierarten dort heimisch sind. Bei einer Fragerunde zu Baumarten antwortet die Gruppe richtig. © Foto: Claudia Kern-Kalinke
Crailsheim / CLAUDIA KERN-KALINKE 23.07.2014
Forstamtsleiter Andreas Wickel hatte aus Anlass der Nachhaltigkeitstage Baden-Württemberg zu einer Begehung ins Waldgebiet Reußenberg eingeladen. Die Gruppe sah unter anderem Moore und Dolinen.

"Im Naturschutzgebiet darf nicht alles wachsen wie es will", stellte Forstdirektor Dr. Andreas Wickel klar und erinnerte an "den Wirbel, den engagierte Bürger gemacht haben, als wir vor drei Jahren das Gebiet hier durchforstet haben." Davor war das Waldgebiet Reußenberg bei Crailsheim-Maulach lange Zeit sich selbst überlassen.

Jetzt ist es ein lichter Eichenwald, in dem auch bereits abgestorbene Bäume stehen bleiben dürfen. Das Naturschutzgebiet schafft Lebensraum für 500 Tier- und Pflanzenarten.

Etliche Waldbesitzer, Mitglieder von Naturschutzverbänden und weitere Naturfreunde begleiteten den Forstexperten. Unter ihnen waren auch Crailsheims Oberbürgermeister Rudolf Michl und der Erste Landesbeamte Michael Knaus, der den Landkreis vertrat.

"Schätzen Sie mal, wie alt und wie hoch die Bäume hier sind", forderte Andreas Wickel die Gruppe auf. Mit 80 bis 90 Jahren und 25 bis 30 Metern kamen die richtigen Antworten ebenso wie beim Abfragen von Baumarten. Eichen, Buchen, Hainbuchen und gelegentlich auch Linden sowie eine einzelne Elsbeere (Baum des Jahres 2011) wurden entdeckt.

Im Reußenberg finden sich zahlreiche Besonderheiten. Angefangen bei den Dolinen, Seen und Tümpeln: "Im Gips schafft das Wasser Hohlräume, die dann plötzlich 20 Meter tief einbrechen können." Bis Lehm und Humus die Trichter so weit verschließen, dass sich ein See bildet, dauere es mehrere tausend Jahre, erklärte Forstdirektor Wickel. Doch nicht nur Tümpel gab es zu bestaunen: Moorflächen mit gefährlichen Torfbänken ("da sollte man nicht reingehen"), parkähnliche, einst von Menschenhand angelegte Waldlichtungen und Keltengräber.

Die Besucher stellten fest: Urwald ist das nicht, sondern vielmehr eine geschützte Kulturlandschaft, in der bewusst Lebensräume bewahrt werden. Dazu zählen auch die abgestorbenen Bäume, manchmal mächtige Eichen, in denen Schwarzspechte brüten und Fledermäuse Unterschlupf finden. Die Ausweisung als Naturschutzgebiet seit 1937 - und in neuerer Zeit als europäisches FFH-Gebiet - verpflichtet dazu, im Staatswald und auch im Privatbesitz fünf bis acht Prozent Totholz stehen zu lassen. Es dient als Nahrungsgrundlage für Käfer, Insekten und unzählige Kleinstlebewesen.

Trotzdem werfe die Bewirtschaftung noch einen kleinen Gewinn ab, berichtete Wickel. Vor allem als Brennholz und zur Parkettherstellung werden Bäume eingeschlagen. Die Eiche soll den Wald dominieren, denn sie lässt - anders als die Buche - genügend Licht zum Waldboden durch. Und nur so könne sich die große Artenvielfalt entwickeln, so der Forstamtsleiter.

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