Schwäbisch Hall Tochter in Gaza zurückgelassen - Kontakt zur Mutter nur über Skype

Schwäbisch Hall / ELEONORE HEYDEL 08.11.2014
Das Haller Amtsgericht beleuchtet das Schicksal eines Kindes, das seit fünf Jahren in Gaza lebt. Der eigene Vater brachte es dorthin. Mutter und Staatsanwaltschaft werfen dem Mann Kindesentziehung vor.

Der angeklagte 32-jährige Ingenieur wohnt noch nicht lange in Hall. Ihn hat es beruflich in die Region verschlagen. Inzwischen hat er hier Frau und Sohn. Aus einer früheren Beziehung stammt seine fast zehnjährige Tochter Anni (Name von der Redaktion geändert). Das Mädchen lebt heute gegen den Willen seiner Mutter in Gaza, der größten Stadt im Gazastreifen.

Fünf Stunden lang vernimmt das Haller Amtsgericht vorgestern zunächst den Angeklagten und dann seine gleichaltrige ehemalige Lebensgefährtin. Als Studenten haben sie sich in Frankfurt kennengelernt: Er war 2001 aus Gaza übergesiedelt, sie kam aus der Ukraine. Als sich im Sommer 2004 ungeplant die kleine Anni angemeldet hatte, heirateten sie nach islamischem Recht. Nach deutschem Recht blieben sie unverheiratet. Nach Annis Geburt im Dezember 2004 war die Mutter allein sorgeberechtigt.

Anni wuchs in den ersten Lebensjahren in Frankfurt dreisprachig auf: die Mutter sprach mit ihr russisch, der Vater arabisch. Die Mutter eine Christin, der Vater ein Muslim - man arrangierte sich. Schweinefleisch kam nicht auf den Tisch.

Schicksalhafte Reise

Das ging drei Jahre lang gut, dann war Schluss. Angeblich wurde Annis Mutter von ihrem islamisch angetrauten Mann mit 50 oder 100 Euro "ausgezahlt". Nach der Trennung blieb der Angeklagte in der Nähe von Anni und ihrer Mutter wohnen. Im Sommer 2009 drohte eine Veränderung. Die junge Frau aus der Ukraine wollte in Göttingen weiter studieren. Das aber behagte dem Angeklagten nicht. Er hatte Sorge, den Überblick über die Entwicklung des damals noch vierjährigen Töchterchens zu verlieren. Zu diesem Zeitpunkt plante er für sich und Anni eine Reise nach Ägypten, vielleicht auch nach Gaza. Annis Mutter ließ das Vorhaben trotz Bedenken zu. Sie sah ein: Ihr ehemaliger Lebensgefährte wollte das Kind seinen Eltern vorstellen. Diese Reise war am Ende schicksalhaft: Anni wurde bei ihren Großeltern in Gaza-Stadt zurückgelassen. Inzwischen habe sich das Mädchen dort eingelebt. Es kann mit seiner Mutter per Skype kommunizieren oder telefonieren - an ein Wiedersehen aber ist nicht zu denken.

Der Angeklagte sagt sinngemäß, er könne nichts dafür. Als er in Gaza im September 2009 zur Rückreise aufbrechen wollte, habe seine Mutter das Kind vor ihm versteckt. Vergeblich habe er mit seinem Vater stundenlang nach Anni gesucht. Aber er habe die Ausreise nicht verschieben können. Die Grenze nach Ägypten sei nach wochenlanger Wartezeit wieder offen gewesen. Sein Arbeitgeber im Hohenlohekreis habe auf ihn gewartet.

Der Ingenieur verteidigt sich: Zwei Versuche, Anni nachträglich herauszuschleusen, seien gescheitert. Ihm selbst sei einmal bei der Einreise von maskierten Räubern der Pass gestohlen worden. Seine eigene Mutter stehe der regierenden Hamas nahe. Wichtig sei: Anni gehe es gut. Sie habe sehr gute Zeugnisse. Sie habe nun auch die palästinensische Staatsangehörigkeit.

Annis Mutter hat bittere Jahre hinter sich: "Ich hab mich in meinem Leben völlig verloren gefühlt", sagt die 32-Jährige. Heute ist sie froh, wenn sie ihrer Tochter Geschenke schicken oder mit ihr telefonieren kann. "Wie sprechen Sie mit ihr?", fragt Richter Jens Brunkhorst. "Auf arabisch", antwortet die schlanke Frau. Sie habe die Sprache in einem Kurs gelernt, schränkt aber ein: "Das ist das klassische Arabisch, das in Gaza nicht gesprochen wird!" Russisch und Deutsch seien bei Anna schnell "weg" gewesen. Aber vielleicht werde die Verständigung leichter: "Sie lernt Englisch in der Schule!" Der Prozess wird fortgesetzt.

Kinder zurückholen: Auswärtiges Amt ist oft hilflos

Buch "Nicht ohne meine Tochter" machte das Thema Kindesentzug 1987 in Deutschland bekannt. Betty Mahmoody schildert im Buch die Ehe und die schwierige Flucht mit ihrer Tochter aus dem Iran.

Recht Das deutsche Strafgesetzbuch sieht bei der "Entziehung Minderjähriger" eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren Haft vor.

Rückführung Das"Haager Übereinkommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung" gilt in vielen Staaten. In jedem Land soll eine zentrale Behörde Kinder in die Heimat zurückvermitteln. Der Gazastreifen ist aber Teil des palästinensischen Autonomiegebiets, in dem die Hamas regiert, was die Durchführung schwierig macht.

Praxis Das Auswärtige Amt räumt selbst "sehr begrenzte tatsächliche Möglichkeiten, um bei der Rückführung entzogener Kinder nach Deutschland zu helfen" ein. Denn das Urteil eines deutschen Gerichts müssen Behörden des fremden Landes nicht zwangsläufig umsetzen.

Quellen: Auswärtiges Amt, Strafgesetzbuch und

www.kindesentzug24.com

SWP

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