Schwäbisch Hall / BEATRICE SCHNELLE Seit dem 16. Jahrhundert steht das Crailsheimer Tor über Hall. Vor 37 Jahren waren die Räume in dem mächtigen Turm zum letzten Mal belebt.

Das Turmhaus am Rosenbühl, Ecke Unterer Schiedweg und Crailsheimer Straße, ist eines der vornehmsten Vereinsheime der Stadt. Hier residieren die Haller Salzsieder. Bei seinen Treffen hat der Traditionsverein 32 Meter Steine und Fachwerk über dem Kopf: Durch die Räume kann man das Crailsheimer Tor besteigen, eines der am besten erhaltenen Stadttore Deutschlands.

Tobias Rieger, erster Hofbursche der Sieder, öffnet die Tür zu dem eckigen Riesen, der seit 1979 leer steht. Vorher war dort 57 Jahre lang die möglicherweise am interessantesten positionierte Jugendherberge der Welt untergebracht. Den Überbleibseln dieser turbulenten Zeit begegnet man bis heute.

Nachdem die „Juhe“ draußen war, erwog die Stadt, die alte Herrlichkeit in Zimmer für die Schauspieler der Freilichtspiele umzuwandeln. Dazu musste die alte „Zickzack-Treppe“ aus Holz einem brandsicheren Treppenhausschacht weichen, durch den sich nun eine schmale, stählerne Wendeltreppe nach oben windet.

Das mit den Unterkünften für die Mimen hat nicht funktioniert: „Die Wände des Turms sind zu dick, um weitere Fenster einzubauen, es ist kalt und feucht, und eine ordentliche Heizung war zu teuer“, erzählt Tobias Rieger die Geschichte einer Fehl- investition.

Geblieben von dem schönen Plan ist nur das einsame, feuerfeste Treppenhaus. „Nicht am Geländer festhalten, das gibt dreckige Hände“, warnt Rieger, bevor die Reise in den Himmel über Hall beginnt.

16 Stufen bis zur ersten Ebene. Die Tür zum Wehrgang erscheint, die von drei dicken Querschlössern gesichert wird. Von hier aus ist auch der benachbarte „Pechnasenturm“ zu erreichen. Hinter einer weiteren Tür verbirgt sich noch ein Treppenhaus. Es führt zum Rosenbühl hinunter. Was von außen so klar und eckig aussieht, erweist sich im Inneren als recht verschachtelte Architektur.

„Klong, klong“ hallen die Schritte auf den Stahlstufen, 18-mal bis zum zweiten Stock. Reste sanitärer Einrichtungen, viel Fachwerk und wenig Licht begrüßen den Himmelsstürmer.

Dritter Stock, in der ehemaligen Jugendherberge (16-mal „klong“): „Die Herberg‘ dient nur edlem Wandern, und schließt die Pforte vor den anderen“, kündet eine schnörkelig verzierte Schrift an der Wand von einer klar strukturierten Willkommenskultur. Wappen von Baden-Württemberg und Hall sind ebenfalls zu sehen.

Seltene Gelegenheit: auf Michaelskirche hinabzublicken

18 Stufen bis zum vierten Stock. „Wer sich der Herbergsordnung fügt: willkommen. Wer nicht, fliegt“, sprechen die Schnörkelzeichen an der Wand eine angesichts der Höhe durchaus ernste Drohung aus.

Eine andere Inschrift stammt von unfügsamen Besuchern und beweist, dass es genügt, ein „M“ vor die „Erde“ zu setzten, um einen französischen Kraftausdruck daraus zu machen.

20 Stufen, fünfter Stock: Die Aussicht durch die in tiefen Nischen liegenden Fensterchen wird immer besser. Hier haben sogar einige Vorhänge überlebt. Ihre einstige Farbe kennen nur die Turmgeister. Große Löcher klaffen in den Wänden und geben den Blick auf den Dachstuhl frei. „Da wurde nach schützenswerten Fledermausarten gesucht“, weiß Tobias Rieger.

 In das sechste und oberste Stockwerk führt eine wackelige Holzleiter. Zwölf Sprossen bis zur seltenen Gelegenheit, auf die Michaelskirche hinunterzublicken. Die Aussicht: Himmlisch und eigentlich nicht nur für Schauspieler Grund genug, auf eine Heizung zu verzichten.

 Wir rechnen die Stufen zusammen, die Leitersprossen dürfen natürlich mitmachen: „Ha, genau 100“, freut sich der Chef der Sieder über die runde Summe in seinem eckigen Turm. Auf dem Weg nach unten wird nochmal gezählt. Das Ergebnis bleibt dasselbe. Irrtum ausgeschlossen.