Tradition Tobias Rieger nimmt Abschied von den Siedern

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 13.02.2019
Reisen, Promi-Empfänge und Lampenfieber zu Pfingsten: In 16 Jahren als Erster Hofbursche hat Tobias Rieger viel erlebt.

Jetzt ist sie also vorbei, seine Zeit als Erster Hofbursche des Großen Siedershofs: 16 Jahre lang hat Tobias Rieger die Haller Traditionsgruppe angeführt. Zum Abschied neulich haben ihm die Sieder ein großes Fotobuch geschenkt. Rieger sitzt im Siedersheim „Hoolgaascht“ und blättert darin – da werden viele Erinnerungen wach. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein dicker Schlüsselbund. „Das ist einer von zwei – die muss ich jetzt noch abgeben“, sagt er.

Seinen letzten Auftritt in der Siederstracht hatte Rieger im Januar beim Kalten Markt in Ellwangen. Wieder daheim legte er ein letztes Mal den Säbel auf den Schrank: „Vom Kopf her dachte ich: Das passt, alles ist gut.“ Sein Herz werde aber schon noch ein bisschen Zeit benötigen, um zu akzeptieren, dass die Entscheidung richtig war, lässt er lächelnd durchblicken.

Vor zwei Jahren hatte Rieger angekündigt, dass er 2018 sein letztes Jahr als Erster Hofbursche absolvieren werde. Zeit genug, um einen guten Übergang vorzubereiten. „Mir ist es wichtig, dass der Siedershof jung bleibt“, erklärt der 48-Jährige. Kürzlich ist Stefan Ebert zu seinem Nachfolger gewählt worden: „Er war in den vergangenen vier Jahren als mein Stellvertreter auch schon im Ausschuss aktiv – und er ist vor Ort in Hall.“ Denn beruflich ist Rieger viel unterwegs, legt im Jahr rund 80 000 Kilometer zurück. Gewiss, während der langen Autofahrten habe er auch viel über anstehende Aktivitäten und Auftritte des Siedershofs nachdenken oder sie telefonisch organisieren können – „aber es ist halt doch viel G’schäft“.

Riegers Sieder-Laufbahn begann nicht schon im Kleinen Siedershof, „ich hab früher viel Handball gespielt“. Er startete vor 32 Jahren gleich als Tänzer beim Großen Siedershof. Ach ja, er sei schon auch ein „Schlack“ gewesen und habe allerhand Flausen im Kopf gehabt, erzählt er spitzbübisch grinsend: „Ich war einer von denen, mit denen ich heute manchmal schimpfen muss.“

Viel Verantwortung

Mit dem Posten des Ersten Hofburschen ist eben auch Verantwortung verbunden. Zum Beispiel, wenn man gemeinsam mit dem Bus zu Auftritten auswärts fährt. „Meine größte Sorge bei der Abfahrt war meistens, dass der Termin stimmt und der Ablauf richtig geplant ist – man trägt ja die Verantwortung für 80 oder 90 Leute.“ Heilfroh ist Rieger, dass bei den Reisen in all den Jahren kein Unfall passiert ist. „Jedes Mal, wenn du heimkommst, denkst du, Gott sei Dank.“

Rieger hat seine 16-jährige Amtszeit in ein paar Zahlen zusammengefasst: 114 neue Sieder hat er getauft, 96 Jubilaren zu ihren Geburtstagen gratuliert, 23 frisch getraute Ehepaare beglückwünscht und etliche Promis im Rathaus empfangen und ihnen beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt assistiert – beispielsweise Horst Köhler, Günther Oettinger und Gerhard Schröder. Ob ihm dabei jemand besonders im Gedächtnis blieb? Rieger muss nicht lange überlegen: „Joschka Fischer – wie der aus dem Stand eine richtig tolle Rede hielt, das war schon beeindruckend.“

Überhaupt hat Rieger auf seinem Posten mit den Siedern allerhand erlebt. Gerne erinnert er sich an die Teilnahme des Siedershofs bei Freilichtspiele-­Inszenierungen auf der Großen Treppe: Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und Ulrike Schweikerts „Die Tochter des Salzsieders“. Oder die deutsche Grillmeisterschaft 2012 in Hall: „Wir Sieder haben immerhin den Fun-Pokal gewonnen“, erzählt Rieger. Auch international hat er mit dem Siedershof die Stadt vertreten, war auf Reisen in den Partnerstädten Zamosc, Epinal und Loughborough und zweimal – nämlich 2004 und 2009 – auch im türkischen Karesi/Balikesir. „Total tolle Reisen, wir haben das Land dort richtig erlebt.“ Aber auch an traurige Momente erinnert er sich – etwa daran, dass er an den Gräbern verdienter Sieder-­Persönlichkeiten wie Wolfgang Denz, Uli Wenger und Fritz Gräter stehen musste und daran, dass seine Mutter über das Siedersfest im Sterben lag – „das waren zwei schwere Pfingstfeiertage für mich“.

Auch die Kinder mischen mit

Der Große Siedershof ist ein wichtiger Teil in Riegers Leben. Häufig habe er die Sieder aber über die Bedürfnisse der Familie gestellt, räumt Rieger selbstkritisch ein, „das war nicht immer gut“. Dennoch mischen auch seine Kinder Chris und Mandy sowie die beiden Kinder Ethan und Joshua seiner Lebensgefährtin Michaela bei den Siedern kräftig mit. Mandy und Joshua hat er bei seinem letzten Pfingstfest mit der Taufe am Fischerbrunnen auf dem Marktplatz auch in den Großen Siedershof aufgenommen – „das war schon ein besonderer Moment“. Ebenso, dass er gemeinsam mit Sohn Chris, der als Hofbursche den Kleinen Siedershof anführt, am Mikrofon stand.

Überhaupt, wie hat er 2018 sein letztes Kuchen- und Brunnenfest als Erster Hofbursche erlebt? „Ich war total aufgeregt, wie jedes Jahr.“ Das Lampenfieber sei auch im Lauf der Jahre nicht weniger geworden, erzählt er lachend. Natürlich sind auch viele Tränen der Rührung geflossen.

Nun hat Rieger aufgehört, er zieht einen klaren Schlussstrich. „Ich bin nicht der Typ, der ruhig sein kann, ich will dem Nachfolger nicht dreinreden.“ Dass ihm plötzlich langweilig werden könnte, darum ist dem dreifachen Vater nicht bange

Heuer wird er das Siedersfest an Pfingsten als Zuschauer erleben. „Das letzte Mal, dass ich von der Treppe aus zuschaute, war, als ich noch ein Kind war – da bin ich jetzt mal gespannt.“ Auf den Gedanken, an Pfingsten nicht in Hall mitzufeiern, kommt Tobias Rieger erst gar nicht – einmal Sieder, immer Sieder.

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Der Spross einer alten Siedersfamilie in Hall

Tobias Rieger wird am 27. Januar 1971 in Schwäbisch Hall geboren. Nach der Mittleren Reife lernt er den Beruf des Industriekaufmanns. Heute arbeitet er für die Firma Würth, er ist für die Expansion der Würth-Niederlassungen in Baden-Württemberg und einem Teil Bayerns zuständig. Für neue Niederlassungen sucht er Flächen und führt Vertragsverhandlungen. Sein Vater ist ehemaliger Spielmannszugführer der Sieder und zudem Siedensrenten-berechtigt. Der Stammsieder, auf den dieses Recht zurückgeht, heißt Sebastian Vogelmann.

Als 15-Jähriger beginnt Tobias Rieger bei den Siedern als Tänzer. „Vorher war ich mit Handballspielen voll ausgelastet“, sagt er. Nach einiger Zeit als Stellvertreter wird er Ende 2002 als Nachfolger von Bernd Luksch zum Ersten Hofburschen des Großen Siedershofs gewählt. 16 Jahre lang übt er das Amt aus. In fast 500 Auftritten repräsentiert er die Stadt, tauft 114 neue Sieder und empfängt, meistens gemeinsam mit dem Oberbürgermeister, zahlreiche Prominente in Schwäbisch Hall.

Nun hat er das Amt an Stefan Ebert übergeben. Rieger zieht sich auch als Aktiver zurück – ein klarer Schnitt. Der 48-Jährige hat drei Kinder, seine Lebensgefährtin Michaela ist Mutter zweier Kinder. Riegers Hobbys: Familie. Hund, Reisen und Motorradfahren. blo

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