Als Bodo Ramelow am Samstag Hall besucht, ist das eine Reise zu seinen Landsleuten, die er "Aufbauhelfer" nennt. Thüringen habe seit der Wende 450.000 Menschen an den Westen verloren. Die Zahl der Schüler sei "glatt halbiert" worden, ein Drittel der Berufsschulen stünden leer, Häuser gebe es günstig, in 50.000 Wohnungen brenne kein Licht.

Thüringen ist also nicht Baden-Württemberg. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. So wie Kretschmann für die Grünen, führt Ramelow als erster Ministerpräsident seiner Partei eine Landesregierung. Im Parlament sitzt die AfD, die auch in Baden-Württemberg in den Landtag einziehen wird - falls sich die Prognose aus Umfragen erfüllt.

Ramelow ist sich sicher: "Ein Bundesland, das jährlich 18.000 Menschen verliert, hat Zuwanderung nötig." Was es nicht nötig habe, seien "gruselige Figuren" der AfD, die den Menschen Angst vor dem Abstieg einredeten.

Plötzlich Pfiffe im zuvor ruhigen Theatersaal. Haben sich etwas AfD-Anhänger unter die vielen Parteimitglieder, Gewerkschafter und Freunde der Linkspartei gemischt? Nein, nur ein kleines Kind probiert eine Trillerpfeife aus, die wohl Teil der Wahlwerbe-Geschenke ist.

Ramelow spricht weiter über das Phänomen AfD. Anders als in Hall, wo sich die neue rechtspopulistische Partei betont gemäßigt zeigt, hat es Ramelow mit einem der extremsten Parteimitglieder zu tun. Es ist Björn Höcke, Fraktionsführer im Thüringer Landtag. "Der spricht in die Menge: ,Wollt ihr den totalen . . .", erläutert Ramelow. Das nachgeschobene Wort "Multi-Kulti" des Geschichtslehrers Höcke gehe im Jubel der Menge unter. Höcke habe den "messianischen Anspruch Bundeskanzler zu werden" - so der Eindruck von Bodo Ramelow.

Dabei würden in Thüringen gerade einmal "drei Prozent nichtdeutsche" Menschen leben. Die Zahl der Muslime werde auf rund 6000 geschätzt. "Überfremdung kann bei uns höchsten durch die vielen Wessis abgeleitet werden", meint er. "Das scheue Kapital wandere jetzt über den Rennsteig nach Westen", hieß es, als er vor einem Jahr Minister wurde. Doch davon könne keine Rede sein, lobt er sich selbst. In Südthüringen sank die Arbeitslosenqote unter vier Prozent, die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs habe zugenommen. "So viel zum Thema, dass der Mindestlohn Jobs vernichten soll", wischt er eines der Hauptargumente gegen das Lieblingsprojekt der Linken weg.

"Der Zerfall der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer nimmt zu", meint er dennoch. Die daraus abgeleiteten Ängste spielten Rechtspopulisten in die Hände. Dem gelte es entgegenzutreten mit Lohnforderungen: Die Gewerkschaften hätten nicht genug getan.

Erfüllt der erste Linke an der Spitze einer Landesregierung die Erwartungen seiner Parteigenossen? Manchmal werde er gefragt, wann der Umbruch beginne. "Ich habe keine Zeit für Revolution. Ich muss Häuser für Flüchtlinge suchen", antworte er dann. Ein Utopist, der in der Realität angekommen ist?

Ramelow erhält nach einer Stunde viel Applaus der Zuhörer im Saal, unter anderem auch von Heidi Scharf aus dem Landesvorstand der Partei, Kreissprecherin Silvia Ofori und Landtagskandidat Kai Bock.

Sein Besuch beim Papst stößt auf Interesse. Am Vortag war er in Rom, am selben Morgen habe er noch schnell in Erfurt die Landesmesse eröffnet. Ramelow: "Die erste Reise des Papstes ging nach Lampedusa. Vor drei Jahren, in einer Zeit als von den Flüchtlingen niemand was wissen wollte." Er habe Franziskus dafür gedankt, dass seine Kirche bei den wöchentlichen Kundgebungen der Rechtspopulisten in Erfurt die Dombeleuchtung abschalte.

Zur Person

Bodo Ramelow Seit 2014 ist er in Thüringen Ministerpräsident und damit der Erste aus seiner Partei in diesem Amt. Bodo Ramelow wurde am 16. Februar 1956 in Osterholz-Scharmbeck (bei Bremen) geboren, lernte Anfang der 1970er-Jahre den Beruf Kaufmann im Einzelhandel, wurde Filialleiter. Er engagierte sich in der Gewerkschaft, war von 1990 bis 1999 Landesvorsitzender der Gewerkschaft HBV (heute Verdi) in Thüringen. Er schaffte es für die PDS (heute "Die Linke") in den Thüringer Landtag, war später auch im Bundestag.