Forschung Teilorte gut, Innenstadt schlecht

Schwäbisch Hall / WOLF-DIETER RETZBACH 21.11.2014
Wo in der Stadt können Fünf- bis Neunjährige frei und unbeaufsichtigt spielen? Darum ging es bei der Studie "Raum für Kinderspiel". Das Ergebnis für Hall fällt unterschiedlich aus - je nach Stadtviertel.

In den Haller Teilorten können Fünf- bis Neunjährige gut frei und unbeaufsichtigt spielen, in der Innenstadt dagegen nicht. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie "Raum für Kinderspiel", an der sich die Stadt Hall beteiligt hat. Die Ergebnisse sind jetzt im Ausschuss für Bildung, Soziales, Sport und Kultur vorgestellt worden.

Laut der Untersuchung können in der Innenstadt weniger als 39 Prozent der Fünf- bis Neunjährigen ohne Aufsicht und ohne Bedenken spielen. In Bibersfeld beispielsweise beträgt dieser Wert 80 Prozent. "Insbesondere die Teilorte bieten den Kindern viel Naturnähe und verkehrsberuhigte Straßen zum freien Spiel", teilt Alexandra Schmider mit, die für die Studie mitverantwortlich ist. Die vom Deutschen Kinderhilfswerk in Auftrag gegebene Untersuchung führten zwei Forschungsinstitute in Freiburg und Ludwigsburg durch.

In der Innenstadt dagegen gebe es "Handlungsbedarf". Die Gründe dafür seien Verkehr, dichte Bebauung, wenig Fläche. Weitere Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Studie: Freies Spielen ist in Bibersfeld, im Solpark und im Rollhof/Reifenhof am besten möglich, in der Innenstadt, in Hessental und im Hagenbach am schlechtesten. Am zweitbesten schneiden Kreuzäcker und Teurershof ab, in der Mitte der Bewertungsskala liegen Sulzdorf und Gottwollshausen/Gailenkirchen.

Auch die Aktionsraumqualität, die laut den Forschern die Lebensqualität von Kindern entscheidend prägt und von Kommunen maßgeblich gestaltet werden kann, wurde bewertet. Beim Aktionsraum spielen Zugänglichkeit, Gestaltbarkeit, Gefahrlosigkeit und Interaktionsmöglichkeiten eine Rolle. In diesem Bereich gibt es in Sulzdorf und Gottwollshausen/Gailenkirchen die höchsten Werte, in der Innenstadt die niedrigsten. Am zweitschlechtesten schneiden Hagenbach und Hessental ab, Solpark und Kreuzäcker liegen in der Mitte der Bewertungsskala. Am zweitbesten schneiden Bibersfeld, Rollhof/Reifenhof und Teurershof ab.

Eltern wollten oft Bildung für ihre Kinder, aber das Thema Spielen stellten sie häufig "hintenan", sagte Schwäbisch Halls Erste Bürgermeister Bettina Wilhelm. An der Studie haben sich außer Schwäbisch Hall die Städte Ludwigsburg, Offenburg, Pforzheim und Sindelfingen beteiligt.

Der Ludwigsburger Professor und Leiter der Studie, Peter Höfflin, äußert die gleichen Bedenken wie Wilhelm. "Wenn wir über Kinder reden, reden wir oft über Bildung und Betreuung, übersehen dabei aber oft das Spiel." Dabei sei das "Recht auf Spiel" sogar in Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben. Dieses "Grundrecht für Kinder" sei aber "immer mehr gefährdet", sagte Höfflin. Ein Grund dafür sei, dass Kinder in "immer mehr verdichteten Räumen" in "Konkurrenz um knappe Flächen" stünden. So könnten beispielsweise Spielflächen auf Kosten von Parkplätzen gehen, so der Forscher.

Diese Argumentation ist auch umkehrbar. "Für Naturflächen, auf denen Lebewesen besonderer Arten leben, muss es einen Ausgleich geben, für wegfallende Bolzplätze aber nicht." Höfflins Schlussfolgerung: "Biotope sind besser geschützt als Soziotope."

SPD-Stadträtin Monika Jörg-Unfried fragte im Ausschuss, ob die Studie auch für Jugendliche gelte - immerhin sei auf der Weilerwiese eine Freizeitanlage geplant worden, "diese gute Planung wurde gecancelt zugunsten eines Parkhauses".

Das " passt sehr gut" zum Thema der Studie, " es geht um Flächenkonkurrenz", antwortete Höfflin. Allerdings könnten Jugendliche ihr Quartier eher verlassen und seien nicht so wohnortgebunden wie Fünf- bis Neunjährige.

Zwei Bausteine: Elternbefragung und Begehung mit Kindern

Rückmeldungen Die im Frühjahr 2013 gestartete Studie "Raum für Kinderspiel" besteht aus vier Bausteinen. Zunächst wurden die Eltern aller fünf- bis neunjährigen Kinder in Hall angeschrieben. 58 Prozent meldeten sich nicht zurück, was SPD-Stadtrat Rüdiger Schorpp im Ausschuss an der Objektivität der Ergebnisse zweifeln lässt. In der Studie geht es um diese Altersgruppe, weil sie ihren Stadtbezirk noch nicht verlassen könnten und deshalb auf das unmittelbare Wohnumfeld angewiesen seien, sagte Professor Peter Höfflin, Leiter der Studie. Außerdem sei für diese Altersgruppe das freie Spiel besonders wichtig, so Höfflin. Zweiter Baustein der Studie ist eine Begehung mit Kindern, in einem dritten Teil erhoben Studenten das Umfeld von Häusern: Sie schauten, ob es Grünflächen und welche Temporegelungen es gibt und wie breit die Straßen sind. In einem vierten Teil bewerteten städtische Experten die Spielraumsituation.

WD

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