Regenerative Landwirtschaft kann schön sein: Leuchtende Sonnenblumen, lilafarbene Bienenweide, goldgelbes Ramtillkraut, blauer Lein, Hirse, Erbsen, Kamille und Klee blühen auf dem Acker von Michael Reber. Die ungewohnt bunte Pracht lässt die Kollegen in der Nachbarschaft munkeln, der Gailenkirchener Landwirt sei ein Schlamper.

Nun hat der so Gescholtene zu einer Feldbegehung eingeladen, um zu erklären, was er eigentlich macht – und um bei anderen Landwirten Interesse für seine Methoden zu wecken, die den Boden auf natürliche Weise fruchtbarer und gesünder machen sollen, als chemische Präparate dies je könnten. Die Kritiker sind nicht erschienen, dafür mehr als 25 interessierte junge Bauern aus der Region und darüber hinaus. „Das macht Hoffnung“, sagt Reber.

Acker wird nicht gepflügt

Das Grundprinzip heißt Bodengesundheit. Das Zauberwort ist Diversität. In der konventionellen Landwirtschaft werde nur noch die Pflanze gedüngt, der Boden jedoch als reine Verankerung für die Wurzeln missachtet. Dabei ruhe darin die größte Kostbarkeit: „Der Ackerboden lebt und dieses Leben muss sich entwickeln dürfen und gefüttert werden.“ Seit 30 Jahren pflügt Reber seine Äcker nicht mehr um. So erhalte er die Bodenoberfläche als Erosionsschutz und lasse seine wichtigsten Mitarbeiter, die Mikroorganismen und Regenwürmer, am Leben. Eine Flurbereinigung, die Eröffnung seiner hofeigenen Biogasanlage und die zunehmenden Witterungsextreme führten ab 2009 zu so massiven Rückschlägen, dass der 45-Jährige seither neue Wege geht – und dabei täglich dazulernen muss.

Die farbenfrohe Zwischenfrucht biete den für das Gedeihen der Frucht so wichtigen Bakterien, Pilzen, Protozoen, Nematoden und Würmern über die Wurzel-Ausscheidungen ein leckeres Menü: „Die Wurzeln füttern das Erdreich und das Erdreich füttert später das Getreide“, erklärt der experimentierfreudige Landwirt den „Circle of Life“. Nach dem Winter werde das erfrorene Grün durch „Flächenrotte“ – der wenige Zentimeter tiefen Vermischung des organischen Materials mit Erde und Fermenten, die der Fäulnisbildung vorbeugen – dem Bodenleben ebenfalls zur Verfügung gestellt. Wer sich die Nase zuhält und sie gleichzeitig rümpft, wenn er Reber häufig mit der Pflanzenschutzspritze über die Äcker fahren sieht, der irrt. Keine Gifte, sondern biologische Fermentmischungen und einen speziellen Komposttee bringt er aus, um die Mikroorganismen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

„Düngung ist viel mehr als Stickstoff, Phosphor und Kalium“, betont Reber. Nitratdünger etwa sei lediglich eine Zwangsernährung, die die Feldfrüchte nicht stark gegen Krankheiten und Schädlinge mache. Früher habe immerhin das zurückbleibende Getreidestroh nach der Ernte die Bodengesundheit gefördert. Heute lande bei den meisten Bauern jedes verfügbare Hälmchen in der Biogasanlage.

Reber verteufelt Glyphosat nicht

Auf einem zukünftigen Maisfeld räumt Reber mit dem Vorurteil auf, Mais sei schlecht für den Boden. Durch seine Art der regenerativen Landwirtschaft könne sogar die geschmähte Biogasanlagen-Pflanze um ihre Wurzeln allerfeinsten Humus bilden. Auch vom Glyphosat will er sich irgendwann verabschieden, verteufelt das umstrittene Pestizid jedoch nicht: „Die Landwirtschaft wird vor ungeheure Probleme gestellt, sollte die Anwendung jetzt plötzlich verboten werden.“

Sein Aha-Erlebnis hatte der Gailenkirchener bei einem Besuch auf einem Demeter-Hof im Ortenaukreis: „50 bis 70 Dezitonnen Ertrag pro Hektar ohne Wirtschaftsdünger, das hat mich beeindruckt. Wir hatten zu der Zeit 80 bis 90 Dezitonnen mit sehr viel konventioneller Düngung.“

An die Öko-Landwirtschaft möchte sich Reber langsam „aus der Sicherheit“ herantasten. Ein generelles Umdenken sei aber nicht allein für ihn unausweichlich: „Die Landwirte stehen heute alle mit dem Rücken an der Wand.“

Komposttee auch für den Hausgarten geeignet


In den 80er Jahren erforschte eine Expertengruppe um den Bonner Agrarwissenschaftler Professor Dr. Heinrich Carl Weltzien, wie man Regenwurmkompost vermehren könnte. Daraus entstand der Komposttee, der im wesentlichen aus Regenwasser besteht, das mit Wurmkompost sowie Zuckerrübensirup versetzt wird. Entscheidend für die Vermehrung der Mikroorganismen ist die konstante Erwärmung der Mischung auf 25 Grad Celsius über 24 bis 26 Stunden hinweg und die Zufuhr von Sauerstoff. Der fertige Tee muss umgehend ausgebracht werden und kann auch im Hausgarten genutzt werden.