Künstler Ted Moré: Träumer und knorriger Charakterkopf

Schwäbisch Hall / Bettina Lober 14.01.2019
Im HFM in Hall gibt der Puppenspieler und Maler Ted Moré aus Künzelsau-Nagelsberg Einblicke in eine Welt voll Fantasie.

Das Scheunentor öffnet sich. Das einfallende Tageslicht gibt den Blick frei auf zahlreiche fabelhafte Geschöpfe, die an langen roten Fäden von den Balken hängen: Hanswurst und Dr. Faust, Männer, Frauen, Buben, Mädchen, Esel, Bären, Gespenster, Hexen, Feen – die Marionetten haben ausdrucksstarke Gesichter und tragen bunte Kostüme. In Regalen stapeln sich Requisiten und allerlei Bühnentechnik. Dazwischen Schaukelpferde, an den Wänden farbenfrohe Gemälde, die an originelle Wimmelbilder erinnern, und überall stehen große Kisten und Reisekoffer, in denen viele weitere Puppenwelten schlummern. Manche sind mit einer Aufschrift versehen – die „Bremer Stadtmusikanten“ oder der „Kleine Muck“. Doch auch ohne Etikett weiß Ted Moré schnell, welches Märchen sich in der Kiste verbirgt: „Ich muss mal aufmachen – ah, das ist ,Frau Holle‘“, sagt er zufrieden und klappt den Deckel wieder zu.

Der 88-Jährige ist der Schöpfer all der Figuren und Herr über jene Scheune in Nagelsberg hoch über Künzelsau. Sie gehört zu dem alten Bauernhof, den Moré vor 50 Jahren erworben hat. „Kurz vor Weihnachten 1968 haben wir unterschrieben“, erinnert sich seine Frau Helga Moré. 1969 sind sie eingezogen und haben dort eine Heimat für den wachsenden Moréschen Kunst-Kosmos gefunden. In diesen finden viele Richtungen Eingang: Marionetten, Puppenspiel, Zeichnung, Malerei, Film und Schriftstellerei.

Wer gemeinsam mit Ted Moré einmal durch die gefüllte Kunstscheunen-Werkstatt streift, kann eintauchen in eine Welt voller Geschichten und Geschichte. Er erzählt mal hiervon, mal davon, kommt mühelos und unterhaltsam vom Hundertsten ins Tausendste: von seinen Touren mit dem Traumtheater Salome zu den Vorteilen alter Beleuchtungstechnik, über die Kritik an „Birne“ Helmut Kohl, der dem Privatfernsehen in den 80er-Jahren den Weg ebnete und damit der Theaterkunst wie sie Moré betreibt das Leben schwer macht, bis zur Verlässlichkeit verschiedener Automodelle und den 200 000 Kilometern, die der Künstler jährlich am Steuer zurücklegte. Den Fragen, etwa nach den Quellen seiner Inspiration, begegnet Moré mit hintergründigen Anekdoten und augenzwinkernder Selbstironie.

Kultur aufs Land geholt

Im Fachwerkhaus auf der anderen Straßenseite leben die Morés nicht nur, dort ist im Erdgeschoss im früheren Schweinestall auch das Zimmertheater für große und kleine Leute untergebracht. Eine ungeheure Menge Arbeit steckt dort drin – alles selbst gemacht. Bis weit in die 80er-Jahre hinein war der Puppenspieler in der Umgebung einer der wenigen, der die Kultur der großen Städte aufs Hohenloher Land brachte. „Unser ursprünglicher Gedanke war ein Kneipentheater“, erzählt Ted Moré. Hanns Dieter Hüsch gastierte genauso in Nagelsberg wie die Chansonsängerin Joana oder sieben Künstler der Prager Oper. Zudem war Moré immer unterwegs. „Der Marionettenspieler fährt sehr oft mit seinem kleinen Köfferchen über Land. Da das Köfferchen meistens vier bis zehn Zentner schwer ist, braucht er ein Auto für den Transport seiner sieben Zwetschgen“, schreibt Moré in seinem autobiographischen Buch mit dem Titel „Schneewittchen war beim CIA“. So heißt übrigens auch eines seiner frühesten Programme.

Unermüdlicher Tüftler

Moré erzählt, wie er oftmals vormittags in Schulen und Kindergärten auftrat, nachmittags in Jugendhäusern spielte, „und dann hatten wir noch ein Abendprogramm“. Seine Marionetten waren mit die Ersten, die auch die Münder bewegen konnten. Er muss schon immer ein unermüdlicher Tüftler gewesen sein. „Ich wollte immer alles ganz genau wissen“, sagt Ted Moré. Deshalb hat er sich auch nicht einfach mit Goethes „Faust“ zufrieden gegeben, sondern hat beim englischen Renaissance-Schriftsteller Christopher Marlowe nachgeschlagen, der die Faust-Figur überhaupt erst auf die Bühne brachte. Und 1978 entstand sein Puppenfilm „Dr. Henry Faust mit Hanswurst“.

„Ich habe mich ein Leben lang lang bemüht, etwas Ausgefallenes zu machen“, sagt der knorrige Charakterkopf und beharrliche Träumer Ted Moré. Dass ihm dazu seit Jahrzehnten allerhand einfällt und er ungezählte Jahrmärkte voller markanter Figuren mit bunten Gewändern sowie tiefgründig-humorvolle Geschichten für kleine und große Leute erschaffen hat, davon kann man sich derzeit im Hällisch-Fränkischen Museum in Schwäbisch Hall ein eindrucksvolles Bild verschaffen.

Info Die Ausstellung „Marionetten, Märchen, Moritaten“ mit Puppen, Gemälden, Kulissen und Schaukelpferden von Ted Moré ist bis 17. Februar im Hällisch-Fränkischen Museum zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Informationen zu Ted Moré und seinem Theater in Nagelsberg gibt es im Internet auf www.theater-tedmore.de.

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Von der Ruhr über Oberbayern und durch die Welt an den Kocher

Ted Moré wird am 27. Oktober 1930 in Witten an der Ruhr geboren. Während des Zweiten Weltkriegs verschlägt es ihn nach Oberbayern. 1949 endet seine Zeit am Gymnasium. Zunächst versucht er sich als Kaufmann im Groß- und Einzelhandel mit Obst und Gemüse, wendet sich aber immer mehr der Kunst zu. Von 1950 bis 1958 ist er Rekommandeur auf Jahrmärkten, Sprechstallmeister bei Zirkus, Filmkomparse, Statist am Theater, Conférencier, Schriftsteller, gelegentlich Maurer, Fensterputzer, Schildermaler. 1958 und 1959 ist er Gast an der École des Beaux Arts in Paris und beim Künstlerfest Li-La-Lerchenfeld in Hamburg.

Seit 1961 ist Ted Moré hauptberuflich Puppenspieler. Auf der Suche nach einem Domizil wird er 1968 in Künzelsau-Nagelsberg fündig, wo er sich 1969 gemeinsam mit seiner Frau Helga niederlässt. 1971 startet Moré die eigene Brettlbühne mit Gästen und eigenen Inszenierungen. Überdies reist er durchs Lande, gibt Gastspiele unter anderem in Polen, Frankreich, Belgien und der Schweiz. Die Puppen und das Bühnenbild entwirft und baut er selbst, seine Frau Helga unterstützt ihn tatkräftig und näht sämtliche Kostüme.

Mit der Filmarbeit beginnt Moré 1972. Es folgen Ausstellungen, ein Stipendium des Verbands deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg, eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem „Traumtheater Salome“, Auftritte beim Museumsuferfest in Frankfurt und vieles mehr. Unter dem Titel „Marionetten, Märchen, Moritaten“ gestaltet Ted Moré 1999 eine Ausstellung mit Bildern Schaukelpferden und Figuren in Dortmund. Er arbeitet an Büchern wie „Das große, bitterböse, lustige Kasperbuch“ oder schreibt unter dem Titel „Schneewittchen war beim CIA“ seine Erinnerungen auf. Mittlerweile werden die Gastspiele zwar weniger, dafür widmet sich der Allrounder mehr dem Schreiben, Malen und Zeichnen. Regelmäßig bietet er sonntagvormittags Aufführungen im Theater in Nagelsberg und immer wieder Workshops. Zur Familie der Morés gehören auch zwei erwachsene Kinder und ein 19-jähriger Enkelsohn. blo

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