Amtsgericht Tausende Kinderpornos gehortet

Schwäbisch Hall / Tobias Würth 16.06.2018

Ein 39-jähriger Kriminalbeamter sichtet 29 200 kinderpornografische Bilder und 643 Videos. Und dabei sei das nicht mal die Hälfte der Daten. „Den Rest auszuwerten hätte uns weitere drei bis sechs Monate beschäftigt“, sagt er beim Prozess im Haller Amtsgericht. Die Dateien stammen von einem hüfthohen „Big-Tower“, der im Innern mit acht internen Festplatten bestückt ist. Fotos und Filme darauf zeigen, wie Erwachsene an Kindern und auch Kinder untereinander sexuelle Handlungen vornehmen. Alles wurde aus  dem Internet heruntergeladen, stellt die Polizei fest.

„Das ist mit Abstand das größte Verfahren, das wir haben“, sagt der  Ermittler aus Waiblingen, der als einer von sieben Zeugen geladen ist. Die verbotenen Fotos und Videos wurden täglich abgerufen.

Rache als Motiv?

Hier der PC, dort der Angeklagte. Der Fall scheint klar. Ist er aber nicht. „Das wurde mir untergeschoben“, berichtet der Angeklagte. Er streitet alles ab. Der Betriebswirt, der mit einem blauen Hemd bekleidet ist und ruhig auftritt, ist sich sicher, dass sein Onkel ihm die illegalen Fotos und Filme aufgespielt habe. Der wohnte mit im Haus, hatte Zugang zur Einliegerwohnung, wo  der PC stand, und kannte das Passwort. Der Onkel  hatte ihn ja auch bei der Polizei angezeigt.

Wut, Hass, Morddrohungen und die Angst, von den Angehörigen vergiftet zu werden. Das Zusammenleben in dem Haus wird von mehreren Zeugen als Hölle beschrieben. Und dabei hatte es so gut angefangen. Der ledige Betriebswirt  lebt in dem Gebäude, das ihm gehört, mit  seiner Mutter. 2014 wird der Bruder der Mutter aufgenommen.

Im Sommer 2015 brach die heile Welt zusammen. Der Onkel erkrankte an Blutkrebs, später wuchs ein Tumor im Hirn, an dem er im Mai 2016 starb. Die Angehörigen, die als Zeugen befragt werden, sind ratlos. „Warum verspürt der Onkel so einen Hass und so eine Wut auf Personen, die  ihm helfen?“, fragt sich eine Nichte aus  Heilbronn. Sie will vermitteln. „Das Gefühl des unbändigen Vernichtungshasses konnte ich nicht nachvollziehen“, sagt sie über ihren Onkel. „Der ganze Hass meines Bruders richtet sich zuerst gegen mich“, sagt die Mutter des Angeklagten aus. Dabei habe sie ihn so oft zur Krebstherapie gefahren. „Es war ein Hass aus heiterem Himmel.“

Zum absoluten Bruch kommt es, als der Angeklagte seinen Onkel dazu bewegen will, von der  oberen Wohnung im Haus in die Einliegerwohnung zu ziehen. „Mein Bruder war sich sicher, dass ich seine Kapseln manipulieren würde, um ihn zu vergiften“, sagt die Mutter des Angeklagten. Gegen sie wird daher Anzeige wegen Körperverletzung erstattet.

Dabei sei der Onkel hoch intelligent gewesen, habe eine Doktorarbeit geschrieben, spreche mehrere Sprachen. Allein beruflich fasst er nie Fuß. „Eine Todesdrohung stand im Raum“, berichtet eine Nichte. Und tatsächlich: In der Wohnung des Onkels im Haus wurden zwei Macheten und eine langstielige Axt gefunden. Neu gekauft, nie benutzt und unter einer dünnen Decke auf einem Bett versteckt.

„Äußerungen im Bereich Komplott fielen“, sagt der ehemalige Polizist, der die Anzeige aufnahm. Der Onkel befürchtete, bald nicht mehr sprechen zu können und gab in einem Nebenraum der Diak-Station preis, dass sein Neffe Kinderpornos besitze. Die Polizei beschlagnahmt, mit einem Hausdurchsuchungsbefehl ausgestattet, den Computer und die 21 Festplatten.

Zeugen bescheinigen dem Angeklagten aber, dass sie ihm das nicht zutrauen. Er könne mit Kindern  nicht viel anfangen. Ein Jugendfreund des  Angeklagten versichert: Man habe zwar mal Pornofilme geguckt, aber nie Illegales. Zudem stehe der Angeklagte auf Frauen mit großen Brüsten, was dem Pädophilie-Vorwurf widerspreche. Auf einem Laptop in der Wohnung des verstorbenen Onkels wurden ebenfalls Pornos gefunden. Allerdings keine Abbildungen von Kindern, sondern rund 50 Fotos von nackten Asiatinnen.

Über Jahre gesammelt

Komplott oder nicht? Richter Jens Brunkhorst fragt, ob eine Verständigung zwischen Anklage und Verteidigung erwünscht sei. Die führt möglicherweise zu einem Geständnis und im Gegenzug zu einer Milderung im Strafmaß. „Es gib nur hop oder top“, antwortet Oberstaatsanwalt Peter Bracharz. „Sekt oder Selters“, bekräftigt Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf schlagfertig.

Oberstaatsanwalt Peter Bracharz hat sich im Prozess  eine Liste von Argumenten angefertigt, die gegen den nicht vorbestraften Mann sprechen. „Die Bilder sind dem Angeklagten zuzurechnen. Sie wurden über Jahre, von 2001 bis 2015, gesammelt“, sagt er.

Damals wohnte der Onkel noch nicht in dem Haus. „Beim Zeitpunkt der Hausdurchsuchung war der PC an“, erläutert Bracharz. Eine externe Festplatte sei angeschlossen gewesen, auf der sich Kinderpornos befanden. Der Onkel war zu dem Zeitpunkt nicht im Haus. „Es kommt halt überraschend raus bei Leuten, denen man nichts Böses zutraut, die aber über Jahre im Top-Bereich Datenmengen sammeln“, erläutert er und fordert ein Jahr und drei Monate Haftstrafe auf Bewährung sowie eine Geldbuße von 7000 Euro.

„Das  ist nichts anderes  als  ein Kuckucksei“, widerspricht die Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf in ihrem Plädoyer. Der Onkel habe dem Neffen Bilder und Videos  untergeschoben. Er habe ja selbst gesagt, ihn aus Rache anzuzeigen. Der Angeklagte sei unschuldig.

Strafrichter Jens Brunkhorst lässt sich während des Prozesses nicht anmerken, in welche Richtung sich die Waage der Justitia bewegen wird. Entsprechend angespannt erwarten Angehörige und der Angeklagte die Urteilsverkündung. Schuldig! „Der Angeklagte habe gestanden, dass der PC und der überwiegende Teil der Festplatten ihm gehören“, begründet Brunkhorst. Der Angeklagte behaupte zwar, den Computer seit 2015 nur noch  sporadisch genutzt zu haben, aber zum Zeitpunkt der Hausdurchsuchung war er angeschaltet. „Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Schriften“ laute die Straftat.

Da  kein Anlass zur Befürchtung bestehe, dass sich der Mann im tatsächlichen Leben an Kindern vergehen würde, könne eine Geldstrafe verhängt werden. 10 000 Euro betrage sie. Falls der Angeklagte das Urteil bis Donnerstag nicht anfechtet, wird es rechtskräftig. Mit mehrmaligem Kopfschütteln quittiert der Angeklagte die Plädoyers und die Urteilsverkündung.

Titel zweite Leseebene

Text sdf

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