Schwäbisch Hall Prozess: Tankstellenräuber macht reinen Tisch

Schwäbisch Hall / Eleonore Heydel 11.02.2019
Der Tankstellenüberfall vom April 2017 in Hessental ist aufgerollt worden. Der Täter und seine Lebenspartnerin waren angeklagt. Beide erhielten Bewährungsstrafen und hohe Geldauflagen.

Im April 2017 hat der 30-jährige Mann, der jetzt zusammen mit seiner Lebensgefährtin vor dem Haller Schöffengericht angeklagt war, die Esso-Tankstelle in Hessental überfallen. Dem Duo wurde auch eine zweite Tat vorgeworfen: Zwei Monate nach dem Überfall waren beide gemeinsam in den Hagebaumarkt Häsele in der Stadtheide eingebrochen.

Erst dieser Einbruch in den Baumarkt im Juni 2017 brachte die Polizei auf die Spur des kriminellen Pärchens. Beide wurden nicht inhaftiert. Der Strafprozess aber ließ lange auf sich warten. „Eineinhalb Jahre haben wir gebangt“, sagt der 30-jährige gelernte Schreiner. Unter seinem dunklen Pullover trägt er ein weißes Hemd. Haar und Bart sind sorgfältig geschnitten. Als ihn die Polizei zum Überfall befragte, hat er gleich reinen Tisch gemacht. Früh wurde er unterstützt von seinem Verteidiger Axel von Klitzing aus Künzelsau.

Auch die mitangeklagte Verlobte des Schreiners redet nicht viel um den heißen Brei herum. Mit streng zurückgekämmtem Haar und dunkel geschminkten Augen sitzt die Frau, die eine gute medizinische Ausbildung absolviert hat, neben ihrem Anwalt Dr. Christoph von Klitzing (Schwäbisch Hall). Als Amtsgerichtsdirektor Dr. Bodo Mezger sie fragt, warum sie als Mittäterin in den Hagebaumarkt eingebrochen sei, antwortet sie stichwortartig: „Dummheit, Liebe!“

Das Paar ist verschuldet

Im Frühjahr 2017 war das Paar erheblich verschuldet. Zwar standen beide in Arbeit, aber nicht zuletzt der Kauf eines Sportwagens brachte den heute 30-Jährigen in finanzielle Bedrängnis. Spontan, sagt er, sei ihm am 7. April der Gedanke gekommen, die Esso-Tankstelle in der Haller Straße zu überfallen. Per Handy bat er seine heutige Verlobte, ihm eine Mütze zu besorgen. Die Frau tat wie geheißen. Abends schnitt er heimlich mit einer Schere zwei Sehschlitze hinein. Von seinem Überfall-Plan will die Lebensgefährtin nichts gewusst haben. Dass er die Mütze zur Tarnung benutzen könnte, wischt sie bis heute weg: „Ich habe ihm das nicht zugetraut!“

Mit seiner schon länger aufbewahrten Schreckschusspistole fuhr der Mann abends los. Sein Auto stellte er in der Nähe der Tankstelle ab. Mit der Mütze vermummt und mit Einmal-Handschuhen an den Händen betrat er kurz nach 21 Uhr die Tankstelle. Den Lauf der ungeladenen Pistole richtete er gegen den Kassierer und forderte Geld. Der Kassierer nahm ihn zunächst nicht ernst. Ob das ein Scherz sein soll, fragte er den Vermummten. Die Antwort war eindeutig: „Nein, Geld raus, das ist ein Überfall!“

Der Kassierer (29) berichtet als Zeuge: „Ich habe den Lauf angeschaut und gesehen, dass es keine Wasserpistole war!“ Er händigte dem Räuber alle Scheine, die sich in der Kasse befanden, aus: 540 Euro. Wenig später sammelte er an der Ausgangstür zehn 5-Euro Scheine wieder ein. Der Täter hatte sie auf der Flucht verloren. Der  Zeuge bleibt gelassen, wenn er sich an den Überfall erinnert: „Angst hatte ich keine!“

Einbruch führt auf die Spur der Räuber

Die Polizei tappte damals zwei Monate lang im Dunkeln – bis zum Einbruch in den Hagebaumarkt. Eine Überwachungskamera filmte einen Mann und eine Frau, die über ein aufgebrochenes Tor in eine Halle des Unternehmens eingedrungen waren und Grillgeräte herausschleppten. Ein besonders großer und teurer Grill sei für sie selbst gewesen, sagt das verlobte Paar heute.

Aber dass sie einen Grill aus ihrer Diebesbeute im Internet zum Verkauf anboten, war ihr Fehler: Sie wurden ermittelt. Wenig später stand die Polizei vor ihrer Wohnung. Bei der Durchsuchung fanden die Beamten neben mehreren Grillgeräten auch einige andernorts gestohlene Fahrräder und Korbstühle. Ein Beamter entdeckte die Schreckschusspistole des Schreiners. Dazu befand sich auf dessen Handy ein verdächtiger Screenshot. Zu sehen war der Pressebericht über den Überfall vom 7. April. Für die Polizei war schnell klar: Sie hatten den Tankstellenräuber gefunden.

„Da haben Sie sich aktiv ein Erinnerungsstück produziert“, meint Dr. Mezger in Anspielung auf den Bericht über den geglückten Tankstellenraub. Die Enttarnung brachte für den Schreiner auch eine gewisse Erleichterung. Nach einem umfassenden Geständnis begann er, die Schäden komplett wieder gut zu machen. Der Tankstellenpächter wurde ebenso entschädigt wie der Inhaber des Baumarkts.

Staatsanwalt Sven Güttner sieht am Ende die Anklage bestätigt: Der 30-Jährige hat eine schwere räuberische Erpressung begangen. Seine Verlobte ist der Beihilfe schuldig, weil sie die Mütze besorgte. Der Einbruch beim Hagebaumarkt war ein gemeinschaftlicher schwerer Diebstahl. Güttner nennt den kriminellen Abstieg des bis dato unbescholtenen Schreiners vor zwei Jahren eine „Ausnahme-Episode“. Eine zu verhängende Haftstrafe von zwei Jahren könne noch zur Bewährung ausgesetzt werden. Allerdings müsse eine empfindliche Geldauflage dazukommen. Für die 28-jährige Frau schlägt Güttner eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten vor.

Die Verteidiger halten nicht dagegen. „Ich glaub‘, die zwei haben‘s kapiert“, meint Anwalt Axel von Klitzing. Als sich der 30-Jährige für seine Taten in seinem Schlusswort entschuldigt, sieht er nicht nur in Richtung Richterbank. Er wendet sich auch an seine weinende Verlobte: „Ich geb‘ alles dafür, dass ich das wieder gerade biegen kann!“

Zwei Jahre Haft für den Mann, eineinhalb Jahre für die Frau, beide Strafen ausgesetzt zur Bewährung,  so das Urteil des Schöffengerichts. Die Aussetzung zur Bewährung gibt es aber nicht zum Nulltarif: Der 30-Jährige muss 9000 Euro in 60 einzelnen monatlichen Raten abstottern, seine Verlobte 2700 Euro. Alle Beteiligten nehmen das Urteil ohne Umschweife an.

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