Neuenstadt am Kocher / DIETER SCHNABEL "Anspruchsvolles Amateurtheater" möchten die Freilichtspiele Neuenstadt bieten. Für die aktuelle Saison haben die Theatermacher das Singspiel "Im weißen Rössl" gewählt. Am Freitag war Premiere.

Als "Riesensingspielrevuepotpourri" hat Erik Charell das Werk bezeichnet, als er es 1930 in Berlin aus der Taufe hob. Drei Aspekte davon kommen bei der "Rössl"-Inszenierung der Freilichtspiele Neuenstadt zum Tragen. Bei der Größe kann man mit entsprechenden Vorbildern nicht mithalten. Hinsichtlich des Singspiels ist der Charakter richtig getroffen: Die meisten Mitwirkenden singen überwiegend gut - von stimmlicher Rollengestaltung, anders als von der darstellerischen, kann jedoch kaum die Rede sein. Der Revuecharakter kommt nicht zu kurz. Regisseurin Tanja Krauth bedient sich vor allem als Choreographin der aus diesem Genre bekannten Schritte, Figuren und Bilder. Bei den Solisten, die bei gemeinsamen Auftritten häufig in Reih und Glied dem Publikum zugewandt stehen, lässt das die Musikdramatik in der vor allem auf Wirkung bedachten Inszenierung zu wünschen übrig. Musikalisch ist das Ganze ein Potpourri bekannter Melodien. In rund 100 Minuten ist die Vorstellung zu Ende, der die Fassung der Berliner "Bar jeder Vernunft" zugrunde liegt.

Brigitte Klein-Wallner hat das "Weiße Rössl" am Wolfgangsee als Landgasthaus mit Holzbalkon aufgebaut. Davor stehen Tische mit rot-weißen Decken und Stühlen. Dahinter befinden sich bemalte Prospekte mit grünen Wiesen und Alpenpanorama. Rechts ist das Freibad mit Steg und Umkleidekabinen, links spielen fünf Musiker aus Ungarn, die sich den Namen Visszhang Györ gegeben haben - ohne Thomas Stapf, den musikalischen Leiter. Dem Beginn des 20. Jahrhunderts entsprechend hat Antje Austel die Akteure teils mit folkloristischem Einschlag kostümiert.

Corina Deininger ist die energisch-selbstbewusste "Rössl"-Wirtin Josepha Vogelhuber. Ihr Herz erobert schließlich der mit Nachdruck und Drohungen um sie werbende Jörg Schönbeck als Zahlkellner Leopold Brandmeyer. Als Berliner Trikotagenfabrikant Wilhelm Giesecke, dem "alles lieber" ist als das, was er vorfindet, spielt Benjamin Ehnle den ewigen Nörgler. Als seine Tochter Ottilie macht Jessica Colqhuon nicht nur eine gute Figur. Kein Wunder, dass der mit Rucksack aus dem Zuschauerraum auftretende Rechtsanwalt Dr. Otto Siedler des Lars Tönnies sich in sie verliebt. Den jungenhaften schönen Sigismund Sülzheimer mit Tonsur, der sich in das ebenso schüchterne wie hübsche Klärchen der Nadine Wieczorek verliebt, gibt Stefan Reis.

Jennifer Haas ist die nicht zu übersehende Briefträgerin und die Präsidentin des Jungfrauenvereins. Den aufgeregten Piccolo skizziert Paul Schmidt als Blitzableiter seines verliebt-unzufriedenen Chefs. Zwei profilierte Vertreter ihrer Rollen sind Karl-Heinz Schmidt als Privatgelehrter Professor Dr. Hinzelmann und Eberhard Birn als Kaiser Franz Joseph II., der, wie das Premierenpublikum, meint: "Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut".

Info Noch bis 4. August wird das Singspiel "Im weißen Rössl" bei den Freilichtspielen Neuenstadt gezeigt. Die Aufführungen sind freitags, samstags und sonntags. Infos auf www.freilichtspiele-neuenstadt.de