Religion Süddeutsche Schmiedekunst

Das Comburger Antependium ist ein hochrangiges Werk der Schatzkunst, weshalb es mit einer Glasscheibe geschützt ist. Oben hängt der kostbare Radleuchter.
Das Comburger Antependium ist ein hochrangiges Werk der Schatzkunst, weshalb es mit einer Glasscheibe geschützt ist. Oben hängt der kostbare Radleuchter. © Foto: Helga Steiger
Schwäbisch Hall / Helga Steiger 07.11.2018
Am Kreuzaltar der Großcomburger Klosterkirche ist ein Antependium angebracht. Die Altartafel ist ein hochrangiges Kunstwerk.

Wäre das Antependium (Verkleidung des Altarunterbaus) in der Großcomburger Klosterkirche ausschließlich aus Edelmetall hergestellt worden – das romanische Kunstwerk würde heute nicht mehr die Front des Kreuzaltars schmücken. Mit Sicherheit wäre es im Dreißigjährigen Krieg oder spätestens bei der Säkularisierung 1803 aus der Kirche entfernt und eingeschmolzen worden. Doch weil die Altartafel aus feuervergoldetem Kupfer besteht, kamen im Laufe der Zeit „nur“ die leicht herauszubrechenden Teile wie die Edelsteine abhanden. Bei einer in den Jahren 1965 bis 1968 in Köln ausgeführten Restaurierung wurden die damals fehlenden Teile ergänzt.

Die Tafel ist fast zwei Meter lang und rund 85 Zentimeter hoch. Auf einem hölzernen Kern sind in symmetrischer Anordnung zwei Reihen mit hochformatigen Bildreliefs angebracht, die ein mittleres großes Bildfeld rahmen. Das Rahmenwerk ist mit geometrisch fein gemusterten Emaillen verziert. An den Schnittpunkten befinden sich kreuzförmige, edelsteinverzierte Filigranplättchen, weitere Goldfiligrane sind den senkrechten Stegen aufgesetzt. Die systematische Anordnung der Schmuckteile ist bemerkenswert. Im mittleren Feld wird mit Emaillen eine spitzovale Mandorla gebildet. Hier verdichtet sich der Reichtum des Schmucks, denn in der Mandorla steht Christus auf einer Weltkugel, mit einem Buch in der linken Hand und erhobener rechter Hand. Diese Art der Darstellung wird als Himmelfahrt gedeutet. Dies bestätigt die sie umgebende lateinische Inschrift, die auf die zwei Naturen Christi – der als Mensch Verstorbene und wieder auferstandene Gott – verweist. In den zwölf flankierenden Bildfeldern stehen die Apostel, die namentlich bezeichnet sind. Die das gesamte Antependium umgebende Inschrift spricht den Lohn der Nachfolge für die Jünger Christi an.

Das Comburger Antependium wird als Hauptwerk der süddeutschen Goldschmiedekunst des 12. Jahrhunderts angesehen – und seine singuläre Stellung hat es nicht allein durch die Qualität der in Treibarbeit hergestellten Bildreliefs und der Zierelemente aus Emaille und Goldfiligran. Tatsächlich gibt es in dem Zeitraum, in dem es entstanden ist, keine stilistisch direkt vergleichbaren Stücke. Das stellt die kunsthistorische Forschung vor eine He­rausforderung, wie Vivien Bienert von der Universität Kiel kürzlich bei einem Vortrag betonte: „Es gibt nicht viele Möglichkeiten, wo man ein Stück mit dieser Qualität zuordnen kann.“

Zwar stehe die Metallarbeit in der Tradition der ottonischen Kunst des 11. Jahrhunderts, weise aber zugleich darüber hinaus. Sie lasse sich auch nicht der späteren rheinischen Goldschmiedekunst zuordnen, die sich etwa 1150 mit zahlreichen reich geschmückten Schreinen entwickelt.

Edelsteine im Reliquienkreuz

Über die Enstehung des Antependiums gibt es Anhaltspunkte beim Haller Chronist Georg Widman, der um 1550 eine Geschichte der Reichsstadt Hall verfasste und dabei auch ausführlich auf die Geschichte des Klosters Comburg einging. Widman hat Abt Hartwig als Stifter der Altartafel genannt. Der dritte Abt des Comburger Klosters stand diesem in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts vor. Widman nennt neben dem Antependium noch weitere Stiftungen Hartwigs: ein graviertes Antependium in der Kleincomburger Kirche mit dem gleichen Figurenprogramm, ein großes edelsteinbesetztes Reliquienkreuz und natürlich der Radleuchter, auf dem sich Hartwig ausdrücklich als Stifter nennt.

Auf dem Antependium selbst finden sich zwar die oben angesprochenen Inschriften, jedoch kein Stiftername. Dennoch lasse sich das Antependium am ehesten in die frühe Regierungszeit des Abtes Hartwig setzen, wie Bienert zusammenfasst. Zu diesem zeitlichen Ansatz gelangt sie durch Vergleiche mit anderen Werken der Schatzkunst, vor allem aber ausgehend von den präzise gearbeiteten, farbensatt gestalteten Emaillen.

Rhein-Maas-Gebiet

Deren herausragende handwerkliche Verarbeitung stehe singulär, weshalb Bienert feststellt: „Da Hildesheim und Limoges für die Herkunft der Emaillen nicht infrage kommen, bleibt das Rhein-Maas-Gebiet, was zu der höchsten künstlerischen und technischen Vollendung passt. Bei einer Datierung um 1120/30 wäre das Antependium an den Anfang der Entwicklung zu setzen.“ In dieser Verortung wäre es somit das erste Großensemble der Zellenschmelztechnik. Bislang galt das Antependium als das erste erhaltene Werk aus feuervergoldetem Kupferblech, nun festigt es seinen besonderen künstlerischen Wert durch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Noch nicht sicher ist dabei, ob das Kunstwerk im Rheinland oder auf der Comburg hergestellt wurde.

Buch soll nächstes Jahr folgen

Die Serie über das Kloster Großcomburg endet mit dem sechsten Teil. Die Beiträge der Tagung von den Staatlichen Schlössern und Gärten werden in einem Aufsatzband veröffentlicht. Dieser soll in einem Jahr vorliegen.

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