Vor Jahrzehnten entschieden die Stadträte: Die Fläche östlich von Hessental, zwischen Bühlertalstraße und Bahnlinie, wird bebaut. Seitdem steht dort eine Lärmschutzwand an der Bahnlinie. Kein Bagger rückte an. Denn die nahe gelegene Mülldeponie blieb länger offen als geplant. Der Geruch verzögerte die Bebauung. Dieses Problem ist längst gelöst.

Erhält die Grundwiesen-Siedlung jetzt ihre Erweiterung? Mensch oder Pute? Um eine tierische Frage geht es in der jüngsten Gemeinderatssitzung.

Stadträte sind geteilter Meinung

„Seit 1991 sind die Grundwiesen überplant“, argumentiert Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. „Nicht nur der Flächennutzungsplan, sondern auch der Bebauungsplan ist rechtskräftig. Man könnte schon heute weite Teile bebauen.“ Und es soll gebaut werden. Denn es fehlt an Grundstücken in Hall. Daher will die Stadtverwaltung das Konzept für die Bebauung erneuern und das Gebiet Richtung Osten ausweiten (siehe Grafik).

Allerdings hat auch ein Landwirt, der auf der anderen Seite der Bahnlinie eine Putenmast betreibt, die Lage überdacht. „Eine realistische Entwicklung meines Betriebes wäre kein Stallneubau, sondern eine Änderung des Produktionsverfahrens“, schreibt er an alle Stadträte und die Verwaltung. Es könnte zu einer Vergrößerung der Putenbestände um 38 Prozent kommen. „Bei einer Umsetzung des geplanten Baugebietes wäre diese realistische Möglichkeit der Weiterentwicklung nicht mehr realisierbar.“

Haus abbezahlen und Gerüche ertragen

Bei einigen Stadträten trifft er auf offene Ohren. CDU-Fraktionssprecher Ludger Graf von Westerholt beantragt in der jüngsten Gemeinderatssitzung, dass über das neue Baugebiet nicht abgestimmt werden soll. Er hat den richtigen Riecher und kommt damit durch. Allerdings erklärt ihm Oberbürgermeister Pelgrim, dass eine abschließende Abstimmung gar nicht geplant war, sondern erst 2020 am Ende des Verfahrens ansteht. Vielmehr stehe nur der städtebauliche Entwurf als erster Anstoß auf der Tagesordnung. Und das sei eben eine Voraussetzung dafür, dass auf einer faktenbasierten Grundlage der Diskussionsprozess startet.

Baubürgermeister Peter Klink erläutert die Details. Es sollen verschiedene Wohnformen, vom Einfamilienhaus bis zum Geschosswohnungsbau, möglich werden, um ein durchmischtes Wohngebiet zu erreichen. „Wir benötigen auch verdichtetes Wohnen, um sparsam mit den Flächen umzugehen“, sagt Klink.

Ein Planungsbüro hat nachgerochen und Vergleichswerte analysiert. Dabei geht es um Qualität und Quantität. „Es ist erwiesen, dass Pferde angenehmer riechen als Puten oder Schweine“, berichtet Klink. Der Pferdehof im Osten sei unbedenklich. Der Putenstall im Süden müsse genauer betrachtet werden. „10 Prozent Jahresgeruchsstunden sind im allgemeinen Wohngebiet zulässig und bis zu 15 Prozent in Randlagen“, präzisiert Klink. An den Seiten des geplanten Gebietes werde ein Mittelwert von 12 Prozent erreicht. Klink analysiert: „Wir haben auf der einen Seite einen rechtmäßig genehmigten landwirtschaftlichen Betrieb. Auf der anderen Seite haben wir Interesse an einem Wohngebiet.“

CDU-Fraktionssprecher Ludger Graf von Westerholt gefällt das nicht: „Jetzt lassen Sie die Leute gegeneinanderlaufen. Der eine will sich auf der Terrasse ausruhen und der andere betreibt seinen Putenmastbetrieb weiter.“

„Akzeptanz von Landwirtschaft gehört zum Wohnen auf dem Land“

Nikolaos Sakellariou (SPD) wittert große Probleme: „Die abstrakten Zahlen haben nichts damit zu tun, dass jemand sein Leben lang ein Haus abzahlt und dann den Geruch in der Nase hat.“ Er kenne sich in Hessental aus, weil er dort wohne. Er sagt: „Es ist Freitagnachmittag und dann kommt der Putenduft. Und das zusammen mit Geräuschen der Bahn und einer Straße: Es ist ja irre, was man sich antut, wenn man da hinbaut.“

Andrea Herrmann, Grünen-­Sprecherin, schlägt vor, dass bei einer Ausschusssitzung das Gebiet vor Ort begangen wird. FWV-Sprecher Hartmut Baumann fordert dazu auf, die Zufahrt zum Gelände noch mal zu überprüfen. Das sagt die Verwaltung zu. Daher wird der Beschluss über den städtebaulichen Vorentwurf vertagt.

Vom Vorhaben, dort zu bauen, werde er nicht abrücken, beteuert Pelgrim. Denn die Grundstücke seien mit der Absicht, sie in Bauland zu verwandeln, eben von dem Landwirt mit der Putenmast einst abgekauft worden. Pelgrim: „Die Akzeptanz von Landwirtschaft gehört zum Wohnen im ländlichen Raum dazu.“