Bildung Streit um Schulformen

Yoel Mehari (14) und Efe Deniz (13) aus der 11. Klasse der Gemeinschaftsschule lösen die Gleichung: „2,8-6*x=0,7+x“, während die Lehrer und Politiker über Bildung sprechen. Die Antwort lautet übrigens: x=0,3.
Yoel Mehari (14) und Efe Deniz (13) aus der 11. Klasse der Gemeinschaftsschule lösen die Gleichung: „2,8-6*x=0,7+x“, während die Lehrer und Politiker über Bildung sprechen. Die Antwort lautet übrigens: x=0,3. © Foto: tob
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 21.07.2018

Nach dem Tiefflug der SPD (Landtagswahl: 12,7 Prozent) setzen die Genossen auf Graswurzelpolitik. Sie spüren bundesweit die Probleme an der Basis auf. Das geht in Hall erst mal schief. Dr. Stefan Fulst-Blei – das ist der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Landtag – hat im letzten Moment das Auto statt des  Zuges gewählt und steht vergangene Woche mehr als zwei Stunden vor Öhringen im Stau.

Macht nichts. Nikolaos Sakellariou (SPD), der bei der vergangenen Wahl aus dem Landtag flog, hört sich kürzlich die Sorgen der Lehrer an. Bei der Einführung der Gemeinschaftsschule vor drei Jahren (unter Grün-Rot) lautete der Vorwurf einiger Beobachter: die neue Schulform werde privilegiert. Besonders aus der Realschule kam der Ruf: Wir werden vernachlässigt.

Das  habe sich zuungunsten der Gemeinschaftsschule gedreht. „Von der Verwaltung wird diese Schulform nicht mehr gewünscht“, ist sich Nikolaos Sakellariou sicher. Die CDU (sie stellt die Kultusministerin) sei schon immer gegen die Schulform gewesen. Die Grünen lebten mit ihren Gymnasiasten-Kindern in einer abgehobenen Welt. So das Urteil von Sakellariou. Das Kultusministerium dementiert diese Sichtweise (siehe Artikel rechts).

Beim Informationsgespräch an der Gemeinschaftsschule Schenkensee am Schulzentrum Ost kommen Probleme zu Tage. Grundidee  der neuen Schulform sei es, dass alle Schüler – egal ob für sie ansonsten Haupt-, Realschule oder Gymnasium in Frage kommt – Seite an Seite lernen. Das kann je Schüler und Fach auf drei verschiedenen Niveaus geschehen. Das Problem nur: Grundschüler mit Gymnasialempfehlung tauchen so gut wie nicht auf Gemeinschaftsschulen auf.

Das hat zwei Gründe: Der Gemeinschaftschule am Schulzentrum West fehle die Möglichkeit, dass man dort Abitur machen kann (die nötige Anzahl der Schüler hätte sie). Das hat Rektor Thomas Kuhn kürzlich mit Nachdruck klar gemacht. Das Problem der Gemeinschaftsschule  im Osten: Sie steht in unmittelbarer Konkurrenz nicht nur mit dem Gymnasium, sondern auch mit der Realschule. Die Realschule ist im Haller Osten – anders als am Schulzentrum West – nicht mit der Gemeinschaftsschule verschmolzen worden.

„Wir werben um die gleichen Schüler“, sagt Friedrich Ortius, Rektor der Gemeinschaftsschule  Schenkensee. Er nennt Vorzüge der Schulform: Die Hälfte der Zeit kommt die Klasse in den Genuss von gleich zwei Lehrkörpern, die unterschiedliche Ausbildungswege durchlaufen haben. Das wird „multiprofessionelles Team“ genannt. Dem potenziellen Hauptschüler kann an der Seite eines potenziellen Gymnasiasten das Gefühl gegeben werden, in bestimmten Fächern besser zu sein.

Das Projekt sei so hoffnungsvoll gestartet. Doch nun werden alle Lasten von der neuen Landesregierung auf die Gemeinschaftsschule abgeladen, um hinterher sagen zu können: „Seht her, es klappt nicht.“ Das ist die Meinung von Nikolaos Sakellariou.

Einige Lasten, die auf der neuen Schulform liegen, sind offensichtlich: die Gemeinschaftsschulen kümmern sich im Gegensatz zu den anderen weiterführenden Schulen hauptsächlich um die behinderten Kinder (Inklusion) und die Flüchtlingskinder (Vorbereitungsklassen). In beiden Bereich würden zu wenige Stunden genehmigt. Sonderschullehrerin Antje Braun rechnet vor, dass sie für jedes Inklusionskind 1,3 Stunden Zeit hat – pro Woche. Besonders in den höheren Klassen fühlten sich die Schützlinge ausgeschlossen, wenn ihre Klassenkameraden die Prüfungen schreiben.

Integrationslehrer Frank Müller berichtet Ähnliches. Pro Flüchtlingskind könne er pro Woche 15 Minuten an Einzelbetreuung aufbringen. Das sei zu wenig, um vor allem diesen Kindern die Kultur näherzubringen. So mancher Schüler aus den anderen Kulturkreisen akzeptiere nicht, dass Mädchen neben ihm sitzen oder gar im Raum sind. Müller hat nun ein ganz anderes Problem: Als Dank für seine aufopferungsvolle Arbeit  entlässt ihn die Schulbehörde über die Sommerferien, um ihn danach wieder einzustellen.

Zudem seien die Aufstiegschancen von ehemaligen Hauptschullehrern auf Gemeinschaftsschulen schlechter als auf Realschulen. Und die Fachlehrer als Quereinsteiger – das ziehe allerdings über alle Schularten – mit  schlechten Aufstiegsperspektiven ausgestattet.

Genossen sind vorbelastet

Natürlich gebe es auch Erfolgsgeschichten. Ein Afghane kam vor drei Jahren nach Hall. Nun spricht  er Deutsch, hat dank der Gemeinschaftsschule einen exzellenten Hautpschulabschluss und tritt einen Ausbildungsplatz an.

SPD-Politiker Dr. Stefan Fulst-Blei, der am vergangenen Freitagabend zur Diskussionsrunde im Alten Schlachthaus dann doch noch eintrifft, übt ebenfalls Kritik an der neuen Landesregierung: „Das  ist alles seit zwei Jahren massiv unter die Räder gekommen.“

Doch die Genossen haben das klitzekleine Problem, dass sie fünf Jahre lang selbst den Kultusminister stellten. „Wie es die SPD im Land in Bildungsfragen überhaupt wagen kann, sich öffentlich zu äußern, ist völlig schleierhaft“, schreibt ein Haller Pädagoge dem HT.

Auch Sakellariou erlebt einen Moment der Ernüchterung. Ob seine Regierung damals nicht etwas gegen die Arbeitslosigkeit von Lehrern getan hätte, will er von den Pädagogen vor Ort wissen. „Nein“, lautet deren Antwort.

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