Schwäbisch Hall Streit über gymnasiale Oberstufe

Schwäbisch Hall / Tobias Würth 25.06.2018
Die Haller SPD-Fraktion bereitet sich mit einer Infoveranstaltung auf eine Entscheidung vor: Soll man an der Gemeinschaftsschule West das Abitur ablegen können? Das Thema wird hitzig diskutiert.

Im Saal ist es am Mittwochabend warm. Die Diskussionsrunde ist hitzig. „Wir wollen zehn Veranstaltungen zu heißen Themen anbieten“, kündigt Helmut Kaiser, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Hall, an.

Die Genossen, die zuletzt bei Wahlen auf Sinkflug waren, möchten sich offensichtlich vor der Kommunalwahl positionieren. Die findet voraussichtlich am 26. Mai 2019 statt. Zwar kann das Schulthema nicht breit platziert werden, denn es befinden sich hauptsächlich Pädagogen unter den 40 Interessierten im Theatersaal des Schlachthauses. Diese pflegen aber eine umso intensivere Debattenkultur der Graswurzel-Demokratie. Schnell bleibt die Diskussion an einem Punkt hängen, der auch bei den Genossen selbst absolut umstritten ist.

Alle wollen das Abi

„Wir brauchen die gymnasiale Oberstufe“, ruft Thomas Kuhn, Rektor der Gemeinschaftsschule im Schulzentrum West, aus. Die Eltern würden ihre Kinder eben nur auf eine Schule schicken, auf der ihr Nachwuchs das Abi ablegen könne. Derzeit setzte sich seine Schülerschaft aus nur gut zehn Prozent Kindern zusammen, die eine Gymnasialempfehlung hätten. Doch eine bessere Durchmischung sei Teil des Konzepts. Schulamtschefin Ursula Jordan ist sich sicher, dass die Mindestschülerzahl zusammenkommt, um der Gemeinschaftsschule im Haller Westen einen gymnasialen Aufsetzer zu genehmigen.

Man kann also. Aber will man auch? Ernst-Michael Wanner will nicht. Der SPD-Stadtrat und Leiter der Gewerblichen Schule sieht nicht ein, dass man mit dem neuen Weg zum Abitur an der Gemeinschaftsschule Parallelstrukturen zu einem bewährten System schafft. „Die beruflichen Schulen sind schon jetzt die organische Fortsetzung der Gemeinschaftsschulen“, meint er. Es gebe acht Parallelklassen, die berufsbezogen zum Abitur führen. „Da ist für jeden was dabei.“

Die Sichtweise von Norbert Reinauer, Rektor aus Ilshofen, geht fast ein wenig unter. Er hat sich bewusst gegen die Gründung einer Gemeinschaftsschule eingesetzt. „Es gibt Kinder, die kommen in einer Hauptschule oder einer Werkrealschule besser an.“ Er plädiert für geschützte Räume in bestehenden Strukturen statt großer neuer Schultypen.

Viele Pädagogen im Publikum versuchen ihre Sichtweise den anderen Pädagogen einzupauken. Es wird geraunt, geklatscht, laut aufgelacht.

„Ein toller Weg ist doch die weiterführende Montessori-Schule“, wirbt eine Frau. „Für uns als Schule ist die gymnasiale Oberstufe grundlegend“, wirbt ein Mann. „Werden die Schüler in der Gemeinschaftsschule nicht verhätschelt?“, will eine Frau wissen. Und: „Es gibt auch Menschen mit einer super mittleren Reife, die damit glücklich werden. Die Strahlkraft des Abiturs wird überbewertet.“

Manchmal verraten die Mitdiskutanten, an welcher Schule sie selbst arbeiten. Wenig überraschend: Jeder Pädagoge hält seine Schulart für die beste überhaupt.

Das wäre nicht dramatisch, da man in Hall zwischen verschiedenen weiterführenden Schulen wählen kann. Doch ein Kampf um Köpfe entsteht. „Sechs Real- und Gemeinschaftsschulen gibt es, die uns liefern“, berichtet Wanner über die Schülerströme hin zu den beruflichen Gymnasien. „Wir haben dann einen Verteilungskampf zwischen zwei Systemen.“

Ein Drittel seiner Schülerschaft und damit ein bis zwei Züge würden fehlen, wenn die Gemeinschaftsschule im Haller Westen auch das Abitur anbieten kann.

Kampf um Köpfe

„Man muss vom Kind her denken, nicht vom System“, betont Rektor Thomas Kuhn, der dieser Rechnung misstraut. Doch welcher der anwesenden Pädagogen würde behaupten, nicht an die Kinder, sondern nur an sich zu denken? Der Verdacht steht im Raum, dass jedem Schulleiter seine Einrichtungen die nächste ist. Das zeigt sich daran, dass alle beklagen, weniger Lehrerstunden als die anderen zu haben.

Die Frage wird am Ende nicht gelöst: Sollen Schüler an der Gemeinschaftsschule West in Hall das Abitur ablegen dürfen? Das Thema wird zwar erst nach 2020 relevant, doch Helmut Kaiser will Planungssicherheit für die Eltern und kündigt am Ende der Diskussion an, demnächst einen Antrag im Gemeinderat zu stellen.

Neue Schulform im Bildungssystem von Baden-Württemberg etabliert

An der Gemeinschaftsschule lernen alle Kinder gemeinsam, egal ob sie eine Werkrealschul-, Realschul- oder Gymnasialempfehlung nach der vierten Klasse erhalten haben. Sie werden individuell gefördert. Die Gemeinschaftsschule Schenkensee startete als erste Gemeinschaftsschule in Schwäbisch Hall mit dem Schuljahr 2014/15. Die im Schulzentrum West existiert seit dem Beginn des Schuljahres 2015/16 und resultiert aus dem Zusammenschluss von
Thomas-Schweicker-Werk­realschule und Leonhard-Kern-Realschule.

Nur drei Gemeinschaftsschulen im ganzen Land werden laut Schulamt die Mindestzahl an Schülern (60 in der Jahrgangsstufe 10) aufweisen, um eine gymnasiale Oberstufe einzurichten. Eine davon wird wohl die im Haller Westen sein, die derzeit 142 Schüler in Klasse 7 vorweist.

Im Jahr 2020 kann der Schulträger, also die Stadtverwaltung Hall, einen Antrag stellen, um diesen gymnasialen Aufsetzer an der Gemeinschaftsschule West, parallel zum bestehenden Gymnasium, einzurichten. Doch das ist im Haller Gemeinderat umstritten. Vertreter anderer Schularten, wie die der beruflichen Gymnasien befürchten einen Rückgang der Schülerzahlen und verweisen darauf, dass es funktionierende Gymnasien bereits gibt. tob

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