Wer kennt den Namen Felix Woyrsch? Diese Frage werden wohl vor allem jene positiv beantworten können, die am Karfreitag in der Michaelskirche waren. Denn der Hamburger Kantor, der von 1860 bis 1944 lebte, ist heute weitgehend vergessen.

Dabei lohnt es sich, seine Musik wieder auszugraben. Das haben Kantorei und Orchester an St. Michael und allen voran Dirigentin Ursl Belz-Enßle am Karfreitag eindrucksvoll bewiesen. Letztere wählte Eingangs- und Schlusschor aus Woyrschs Passions-Oratorium zum Rahmen für ein Programm, in dem die Passionsgeschichte musikalisch greifbar wird.

Woyrsch lässt sein Oratorium mit großer innerer Ruhe starten. Offenbar im festen Glauben verwurzelt, lässt er das Kirchenvolk tief entschlossen, ganz unaufgeregt singen: "Lasset uns mit ihm ziehen, dass wir mit ihm sterben." Erst bei "Er wird verspottet und geschmähet werden" kommt Bewegung in die Musik, erregt sich die Menge.

Bruckners bekannte Motette "Christus factus est pro nobis" hat den Text, den Woyrsch in seinem Schlusschor vertont, auf Lateinisch: "Christus ward gehorsam bis zum Tode." In Hall wird das kurze Bruckner-Werk zweimal gesungen, es bildet gemeinsam mit den Chören von Woyrsch eine Klammer um drei Kompositionen von Mendelssohn.

Der große Chor mit seinen etwa 80 Sängern zeigt ein sehr homogenes Klangbild. Der Sopran erreicht auch hohe Töne mit Lockerheit, die Männerstimmen sind kräftig und ausgewogen, der Alt bietet ein gutes Fundament.

Das Orchester umfasst neben Streichern, die an diesem Vorabend mehrfach etwas inhomogen klingen, viele Bläserstimmen, die sowohl in ihren Soli als auch im Ensemble Wohlklang verbreiten.

Mendelssohn lässt das Leiden Christi erlebbar werden im Aufschrei "Mein Gott, warum hasst du mich verlassen?". Der junge Tenor Philipp Nicklaus singt mit klarem Ton. Er gestaltet die Partie schlicht und gerade dadurch eindrucksvoll.

"Das Leiden Christi" von Mendelssohn ist Teil eines Oratorienfragments. Die Folge von Rezitativen und aufgewühlten Chören ("Kreuzige ihn!") erinnert stark an die Bach-Passionen. Auch bei der Choralkantate "O Haupt voll Blut und Wunden" von Mendelssohn spürt man den Einfluss Bachs.

Die etwa 500 Besucher in der Michaelskirche zeigen nach einem Moment der ergriffenen Stille ihre Dankbarkeit für das schöne Konzert mit kräftigem Applaus.