Infrastruktur Stille Welt in Blau

Uttenhofen / Beatrice Schnelle 12.09.2017
Das alte Wasserwerk der Stadtwerke Schwäbisch Hall im Kochertal bei Uttenhofen ist seit 1999 „arbeitslos“. Völlig ausgeschlossen wird eine Reaktivierung nicht.

Am Kreisverkehr zwischen Karl-Kurz-Straße und Ostring geht der Weg Richtung Osten, dann immer weiter geradeaus. Er schlägt am Kocher einen scharfen Linkshaken, der abwärts durch den Wald zum Ziel führt. Wie ein verwunschenes Märchenschloss liegt das alte Was­serwerk von Uttenhofen am Fluss­ufer. Naturfreunde kennen die verlassenen Gebäude gut, denn der Wanderweg durch das Naturschutzgebiet Kochertal verläuft hier entlang.

Vor knapp 90 Jahren sollten die Filter- und Pumpanlagen die ewigen Probleme der Schwäbisch Haller und ihrer Nachbargemeinden mit der Wasserversorgung lösen. Das gelang aber erst nach diversen Anläufen halbwegs, und im Zweiten Weltkrieg wurde das gleich wieder zunichte gemacht. Auch danach noch blieb es viele Jahre ein von Pannen behaftetes Unterfangen.

Von den Schwierigkeiten mit der Wasserqualität zeugen bis heute die Überreste eines künstlich angelegten Teichs auf dem Gelände, in dem Forellen und Karpfen die Keimbelastung testen mussten. „Schwammen die Fische mit dem Bauch nach oben, war klar, dass mit dem System mal wieder etwas nicht in Ordnung war“, beschreibt Martin Häfele die damals in Hall noch übliche Methode der Qualitätsprüfung.

Fast völlig unter üppig wucherndem Efeu verschwunden ist das Entnahmepumpwerk am Kocherufer. Die Tür, die der junge Ingenieur und Hauptgruppenleiter bei den Stadtwerken aufschließt, ist leicht zu übersehen. Zu ihrer Zeit war die Technik dahinter hochmodern: Das Flusswasser wurde durch ein Sickerungsgelände geleitet und so von hier aus – bereits in guter Qualität – zur etwa 50 Meter entfernt liegenden Hauptstation gepumpt. Das Grundwasser alleine war schon damals in Trockenperioden nicht ausreichend für die Versorgung der Bevölkerung. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg bezogen in Hall rund 11 500 Einwohner über 1700 Hausanschüsse und durch ein Rohrnetz von 52 Kilometern das kostbare Nass.

Riesige Stahltanks

In den drei zusammenhängenden Hauptgebäuden eröffnet sich in weitläufigen Hallen eine komplizierte, längst veraltete Wassertechnikwelt in Blau: Riesige blaue Stahltanks filterten das Wasser durch feinpulvrige Aktivkohle, Verflockungsmittel banden Bakterien und Schwebstoffe, zur weiteren Desinfektion kam Ozon zum Einsatz. Im Zyklator, so groß und blau wie ein Freibad, zirkulierten Wassermassen, dutzende Pumpstationen beförderten sie von Station zu Station. Die vielen analogen Messanzeigen an allen Maschinen und Geräten ahnen nichts vom Beginn des digitalen Zeitalters.

Eisiges Licht sickert durch die große, bläuliche Milchglasfront der Haupthalle in die stillen Räume. Das wilde Flattern eines Schmetterlings, der durch die hermetisch verschlossenen Scheiben verzweifelt einen Weg ins Freie sucht, wirkt verstörend laut. Nur ein Mitarbeiter war zur Bedienung der Anlage notwendig, berichtet Häfele. Ein schöner, aber einsamer Arbeitsplatz sei das gewesen: „Hier täglich acht Stunden ganz alleine zu sein, das musste einem schon liegen.“

1999 wurde das Uttenhofener Wasserwerk abgeschaltet. Überlegungen zur Modernisierung seien verworfen worden, da der Anschluss an den Zweckverband Wasserversorgung Nordostwürttemberg deutlich günstiger gewesen sei. Dafür ging die Ultrafiltrationsanlage beim Klärwerk Dendelbach ans Netz, die bei erheblich besserer Leistung gerade mal so groß wie eine geräumige Doppelgarage ist und aus der Ferne überwacht sowie gesteuert werden kann. Vor drei Jahren habe es noch einmal Pläne gegeben, das alte Wasserwerk über eine komplett neue Infrastruktur zu reaktivieren. Berechnungen hätten aber das schlechte Kosten-Nutzen-Verhältnis des Projekts aufgezeigt. Trotzdem dürfe der Gebäudekomplex im Naturschutzgebiet Kochertal weiter unbehelligt vor sich hinträumen, versichert Martin Häfele: „Man weiß nie, ob und wie wir die Anlage doch noch einmal brauchen können.“