Der Schweiß perlt von der Stirn auf Dirndl und Lederhosen. Während die „Bayernmän“ nach dem Fassanstich auf der Bühne Vollgas geben, tanzen die Besucher im stickigen Festzelt mit Bierkrügen auf den Bänken. Etwas mehr als drei Wochen ist es her, dass auf dem Jakobimarkt ausgelassen gefeiert wird. Dass es nebenan zu einer blutigen und gefährlichen Auseinandersetzung kommt, bemerken die wenigsten. Ein junger Mann rammt einem 17-Jährigen einen scharfen Gegenstand in den Hinterkopf, der circa zwei Zentimeter tief eindringt und wohl nur knapp Gehirn und Hauptschlagader verpasst.

Es ist der zweite Vorfall innerhalb von zwei Wochen, bei dem in Hall Personen mutmaßlich mit Messern schwer verletzt wurden. Beide Male hat das für Hall zuständige Polizeipräsidium Aalen dies nicht in seinen täglichen Berichten gemeldet. Im Jakobi-Fall hatte die Polizei in einer ersten Anfrage zwei Tage später die Tat sogar noch dementiert.

Vorfall am Starkholzbacher See

Der zweite Fall ereignet sich in der Nacht auf Samstag, 5. August. Ein junger Mann wird am Starkholzbacher See durch einen Stich in den Unterschenkel schwer verletzt. Zuvor hat die rund fünfköpfige Tätergruppe ein 14- und ein 15-jähriges Mädchen sexuell belästigt.  Polizeisprecher Bernd Märkle bestätigt mittlerweile, dass zu beiden Fällen ermittelt wird. „Die Sache beim Jakobimarkt in Steinbach ist aber weiter völlig unklar. Deshalb konnten wir uns noch nicht an die Öffentlichkeit wenden.“

Betreuer meldet sich

Peter Aichelin, Lehrer am Schulzentrum Michelbach und Mitglied im Freundeskreis Asyl, meldet sich bei der Redaktion und schickt Passagen der Aussage des 17-jährigen afghanischen Opfers mit. Der Jugendliche war am Freitagabend, 21. Juli, mit vier Freunden vom Jakobimarkt auf dem Heimweg. „Da stieß eine Gruppe von fünf Männern zu uns.“ Einer habe sich zu ihm gedreht, dann mit seinem Kumpel gesprochen. „Ich sah in der Hand (...) die Spitze eines Messers hervorragen. Ich drehte meinen Kopf zu meinem Freund (...). Da traf mich das Messer hinter meinem linken Ohr in den Kopf.“ Es sei eine schnelle, ruckhafte Bewegung gewesen. Als ob man „in irgendetwas hineinsticht und dann mit dem Messer etwas mit Gewalt aufschneiden will“. In seinem Kopf habe das einen lauten dumpfen Schlag ergeben. „Dann riss er das Messer wieder an sich und flüchtete.“

Die Kritik des Opfers: Die alarmierten Polizisten hätten die Sache nicht ernst genommen. Er sei erst Tage später richtig vernommen worden.  Aichelin, der den Flüchtling betreut, schreibt: „Nach Aussage des Polizisten sah er so viel Blut, dass er nicht wusste, aus was für einer Wunde es kam.“ Der Beamte habe selbst die These ins Spiel gebracht, dass der 17-Jährige nicht mit einem Messer sondern mit einem abgebrochenen Flaschenhals verletzt wurde. „Der junge Afghane musste, nachdem seine Wunde genäht und wieder aufgeplatzt war, noch über Nacht im Diak bleiben.“ Der Arzt habe von einem klaren, scharfen Schnitt gesprochen.

Polizei widerspricht

Polizeisprecher Märkle widerspricht vehement, dass die Beamten den Fall nicht ernst genommen hätten. „Der Fall wurde uns um 23.12 Uhr gemeldet. Die erste Streife war um 23.16 Uhr vor Ort. Also vier Minuten später.“ Die Situation sei undurchsichtig gewesen. „Es war nicht klar, ob tatsächlich ein Messer im Spiel war.“

Nachdem der 17-Jährige ins Diak gebracht wurde, seien die Beamten dorthin gefolgt. „Weil er in Behandlung war, konnten ihn die Kollegen nicht vernehmen.“ Von den Ärzten hätten die Ermittler aufgrund der Schweigepflicht keine Informationen erhalten.

Das Opfer habe sich darauf am folgenden Tag selbst bei der Polizei gemeldet. Da sei die Aussage aufgenommen und – weil womöglich ein Messer im Spiel war – der Fall an die Kripo weitergeleitet worden. „Der Bezirksdienst war aber erst am Montag wieder im Einsatz“, so Märkle. Bis der Beamte das Opfer nach mehrmaligen Anrufen erreicht habe, seien weitere Tage vergangen.

Mann auf Facebook entdeckt

Die Ermittlungen seien schwierig, weil sich „das Opfer in Widersprüche verwickelt hat“, so Märkle. Der 17-Jährige habe den mutmaßlichen Täter zwar benannt, kenne diesen aber nicht und wollte nicht sagen, von wem er den Namen hat. Das Opfer schreibt: „Von einer Bekannten bekam ich noch im Krankenhaus den Namen des Mannes, der mich angegriffen hat.“ Offenbar habe sie ihn auf Facebook entdeckt. „Ich wollte der Polizistin den Namen des Mädchens nicht sagen, daraufhin nahm sie die Sache nicht so ernst und sie befragte mich nicht mehr, obwohl der Mann der Polizei wegen einer anderen fremdenfeindlichen Tat bekannt ist.“

Märkle bestätigt, dass es sich bei der Person „um einen Polizeibekannten handelt“. Allerdings sei dieser mit Gewaltstraftaten aufgefallen, die „keinen Hinweis auf eine ausländerfeindliche Tat ergeben“. Die Ermittler befragten derzeit mehrere Personen aus der Gruppe. „Wichtig ist zu klären, was der Auslöser der Tat war.“ Der Afghane schreibt: „Meine Angst ist groß! Ich traue mich nicht mehr, alleine rauszugehen.“

Auch Bierbänke oder Steine können als Waffe gelten


Der Tatvorwurf könnte beim Jakobimarkt-Fall auf gefährliche Körperverletzung lauten. Die ist im Paragraph 224 des Strafgesetzbuches definiert. Darin heißt es: „Wer die Körperverletzung durch Beibringung von Gift oder anderen gesundheitsschädlichen Stoffen, mittels einer Waffe oder eines anderen gefährlichen Werkzeugs, mittels eines hinterlistigen Überfalls, mit einem anderen Beteiligten gemeinschaftlich oder mittels einer das Leben gefährdenden Behandlung begeht, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.“ Auch der Versuch ist bereits strafbar.

Als Waffe wird ein Gegenstand bezeichnet, der dazu bestimmt ist, einem Menschen erhebliche Verletzungen zuzufügen, indem er auf den Körper einwirkt. Darunter fallen alle bekannten Waffen wie Pistolen, Gewehre, Messer, Schwerter oder Granaten, aber auch Steine, angespitzte Schraubendreher, Autos oder unter Umständen sogar Bierbänke.