Schwäbisch Hall Stephan Wackwitz unterhält und rührt mit Lesung in der Haller Sparkasse

Schwäbisch Hall / MAYA PETERS 06.10.2015
Stephan Wackwitz macht den Auftakt zur Haller Autoren-Lesereihe "Literatur Live". Er liest im Foyer der Haller Sparkasse aus der autobiografischen Neuerscheinung "Die Bilder meiner Mutter".

"Schockierend schön, ins Karikaturhafte wunderbar", nennt Stephan Wackwitz die Stadt Hall. Moderator Marcus Haas, Chefredakteur des Haller Tagblatts, entlockt ihm diese literarisch anmutenden Worte nach seiner Lesung in der Reihe "Literatur Live" des Haller Kulturbüros. Ein belustigtes Raunen geht durch das von Zuhörern gut gefüllte Kunstfoyer der Sparkasse. Man spürt die akademische Bildung Wackwitz'. Er ist Historiker und Germanist und Leiter des Goethe-Instituts in Tiflis, der Hauptstadt von Georgien. Wackwitz ist wortgewandt, prosaisch und trocken-komisch. Zugleich rührt er die Zuhörer durch seine scheinbar schonungslose Ehrlichkeit, macht neugierig auf "Die Bilder meiner Mutter" und auf sein Oeuvre.

Margot Wackwitz (1920 bis 1990), deren Leben im Mittelpunkt seines neuesten Buches steht, liegt auf dem Haller Waldfriedhof begraben. In der "mittelalterlich-barocken württembergischen Provinzstadt", so von ihm genannt, wollte sie mit ihrem Mann Gustav den gemeinsamen Ruhestand erleben.

In den letzten beiden Lebensjahren führt sie erstmals Tagebuch. Einige der Notizen finden Eingang in den autobiografischen Roman, ebenso Zeichnungen der Modeillustratorin oder Briefe. Doch aus dem Persönlichen, zum Teil sogar Intimen, führt Stephan Wackwitz den Blick immer wieder auch aufs Allgemeine, auf die Gesellschaft. "Die Lebenszeit meiner Mutter deckt sich mit dem ,kurzen zwanzigsten Jahrhundert' der totalitären Ideologien und Regimes", liest Wackwitz vor. Er betreibt Mikrohistorie, meint selbst "es war kein bedeutendes Leben, jedoch beispielhaft für die Möglichkeiten der Frauen".

Denn Margot Wackwitz hätte vieles mehr sein können als Ehefrau und Mutter. Sie hatte künstlerisches Talent, wie man an den an die Leinwand geworfenen Bilddokumenten sehen kann, einen Beruf und versagte sich dennoch den Erfolg. "Sie war kreuzunglücklich und ratlos", analysiert ihr Sohn.

Stephan Wackwitz spürt in seinem dritten autobiografischen Buch ihrem "privaten Heroismus" nach und damit der weiblichen Befreiungsgeschichte. Eindrucksvoll ist seine erbarmungslos offene Schilderung des langsamen Krebstods, die Hoffnung und die Verzweiflung, gepaart mit den "kleinen Triumphen des Weiterlebens", wie er die positiven Tagebuchaufzeichnungen sieht. Wackwitz, geboren 1952, hat schon mehrere Romane, autobiographische Bücher und Reiseliteratur geschrieben. Seine Aufenthalte durch die Goethe-Instituts-Laufbahn in Tokio, New York oder Krakau sind neben der Familiengeschichte Thema seiner Publikationen. "Wenn man was Valides schreiben will, dann muss man persönlich werden", meint er. "In meinen Büchern geht es auch mir selbst an den Kragen", scherzt er.

Info Heute, Dienstag, liest Ilija Trojanow in der Reihe "Literatur Live". Beginn: 20 Uhr, Kunsthalle Würth.

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