Schwäbisch Hall Stadtwerke Hall gewinnen Cannabis-Prozess in Berlin

Energie Strom Stromversorgung
Energie Strom Stromversorgung © Foto: Archiv
Schwäbisch Hall / Tobias Würth 14.08.2018
Das Haller Versorgungsunternehmen soll  180.000 Euro für illegal abgezapften Strom bezahlen. In erster Instanz erhalten die Haller recht.

Was haben die Stadtwerke Schwäbisch Hall mit 19.000 Cannabispflanzen in einer Berliner Halle und drei potenziellen Drogenanbauern zu tun? Der liberalisierte Energiemarkt macht’s möglich. Mit Haller Strom, der illegal in Berlin vor dem Zähler abgezapft wurde, haben Hanf-Gärtner Drogen angebaut. Jetzt sollen die Stadtwerke Hall die Stromrechnung über 180.000 Euro bezahlen. Kürzlich hat ein Gericht in Berlin erstinstanzlich geurteilt: Die Haller trifft keine Schuld. „Allerdings wird die Gegenseite sich an ein höheres Gericht wenden“, sagt Ronald Pfitzer, Geschäftsführer der Haller Stadtwerke.

Doch der Reihe nach. Immer, wenn der 32-jährige Dachdecker Andreas P. morgens zur Arbeit ging, lief er an einer Lagerhalle in der Kitzingstraße in Mariendorf vorbei. Er bemerkte stets diesen „extremen Geruch“. So steht es in einem Artikel in der Berliner Zeitung. Er informierte die Polizei. Die stieß am 7. Juli 2015 auf die bisher größte je in Berlin entdeckte illegale Cannabisplantage. Sieben ukrainische Helfer sollen mit dem Anbau der Pflanzen beschäftigt gewesen sein. Doch die Idee dazu hatten Deutsche. Das Landgericht hat in einem Strafverfahren 2016 einen heute 63-jährigen Gastronom im Rollstuhl, einen 47-jährigen weiteren Wirt und einen 47-jährigen Dachdecker für das Werk verantwortlich gemacht, das Kifferfantasien auf der ganzen Welt zu Höhenflügen verleiten würde.

Oft werden die Plantagen anhand einer hohen Stromrechnung entlarvt. Doch das war hier nicht der Fall. Der Saft für die vielen Lampen wurde vor dem Zähler abgezapft.

Und da kommen die Stadtwerke Schwäbisch Hall ins Spiel. Der Hanfbauer sei einer der ganz wenigen Kunden, die außerhalb des eigenen Netzbetriebs Strom über den Haller Versorger beziehen. Physikalisch stammt der Strom nicht aus der Kocherstadt. Er wird aber von dort aus gehandelt.

Der Gastwirt mit dem grünen Daumen hat eine kleinere Rechnung der Stadtwerke zur Tarnung brav bezahlt. Aber: Die Polizei hat entdeckt, dass er vom Strom-Hauptkabel Elektrizität am Zähler vorbeileitete. Der Berliner Netzbetreiber rechnete den Verbrauch des gestohlenen Stroms hoch. Und da Cannabispflänzchen Helligkeit lieben, kommt er auf eine Rechnung von 180.000 Euro.

Was folgt, ist ein seit drei Jahren andauernder Grundsatzstreit. „Bisher gilt: Der Netzbetreiber ist für den Strom bis zum Zähler zuständig“, meint Pfitzer. Das wären die Berliner Netzbetreiber. Erst hinter dem Zähler seien die Stromverkäufer in Haftung zu nehmen. In diesem Fall die Stadtwerke Hall.

Für Schwäbisch Hall sei diese Frage nicht relevant. Stromdiebstahl sei extrem selten. In Berlin sei das  schon eine „Frage von grundsätzlichem Interesse“, meint Pfitzer. Dass Mieter die Leitungen vor dem Zähler abzapfen, sei in der Bundeshauptstadt wohl ein größeres Problem. Die angeblich illegal gestohlene Strommenge mit einem Betrag von 180.000 Euro beruhe auf einer Schätzung, erläutert Pfitzer. Der Strom, der nicht im Zähler registriert wird, könne ja nicht exakt beziffert werden. Eigentlich wäre das kein Problem für die Stadtwerke Schwäbisch Hall, schließlich haben sie sich korrekt verhalten. Doch: „Die Berliner Netzbetreiber haben versucht, die Cannabis-Züchter zu belangen. Doch die sitzen im Gefängnis und bei denen ist nichts zu holen.“ Nun versucht sich das Netz-Unternehmen den Verlust stellvertretend bei den Stadtwerken Hall zu holen.

Hätte das Tätertrio die Ware verkauft, sähe die Rechnung ganz anders aus. Laut Anklage hätten sie damit einen Umsatz von 7,5 Millionen Euro erzielen können. Wäre die Polizei später vorbeigekommen, wäre vielleicht illegales Geld dagewesen.

Die Stadtwerke Schwäbisch Hall sehen dem nun folgenden Prozess gelassen entgegen, da sie sich im Recht fühlen. Wegen der ausgelasteten Berliner Kammergerichte (die entsprechen den Landgerichten in Baden-Württemberg), geht der Prozess sowieso erst in einem Jahr weiter.

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