Noch bevor der Autofahrer an einem Samstagvormittag in die Haller Innenstadt rollt, erhält er per App eine Prognose angezeigt: Im Parkhaus Kocherquartier werden in einer halben Stunde noch mehr als zehn Plätze frei sein. Statt der Geldbörse zückt ein Badegast sein Smartphone, hält es ans Drehkreuz und erhält Einlass. Auf einer Handy-App kann ein Stromkunde am Arbeitsplatz ablesen, ob er zu Hause vergessen hat, das Licht auszuschalten.

Solche und ähnliche Visionen sind unter dem Unterpunkt „Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie“ zu verstehen, der auf der jüngsten Aufsichtsratssitzung der Stadtwerke Schwäbisch Hall auftauchte. Was genau umgesetzt wird, das können die beiden Stadtwerke-Geschäftsführer noch nicht sagen. „Es wird keinen Big Bang geben, sondern einzelne Schritte der neuen Digitalstrategie werden nach und  nach kommen“, sagt  Geschäftsführer Ronald Pfitzer. In so gut wie allen Bereichen sei die Digitalisierung der Daten nichts neues. So beantragen die 530  Stadtwerkemitarbeiter ihren Urlaub per Mausklick. Der Vorgesetzte genehmigt ihn dann ebenfalls am Bildschirm. Den Stadtwerken geht es um eine Vertiefung und Verknüpfung der Digitalisierung. Sie seien dabei auch in der Pflicht, die Marktveränderung nicht zu verschlafen und neue Geschäftsfelder nicht anderen Akteuren zu überlassen, signalisiert Geschäftsführer Gebhard Gentner.

Ronald Pfitzer konkretisiert: „Früher hieß es, unser Geschäftsfeld reicht bis zum Zähler und nicht weiter.“ Doch heute könnten Stromzähler beispielsweise nicht nur von den Stadtwerken Hall, sondern auch von anderen Firmen aufgehängt werden. Und es böten einige Unternehmen und Plattformen selbst Stromverträge an. „Die Heiz- und Nebenkostenabrechnung ist so ein neues Feld“, berichtet Pfitzer. Bislang wurde es von Hausverwaltungen beackert. Die Dienstleister der Nebenkostenabrechnungen kamen auf die Idee, eigene Stromtarife anzubieten. Damit stechen sie in ein Geschäftsfeld der Stadtwerke. Warum sollten nicht umgekehrt die Stadtwerke ins Geschäftsfeld anderer Dienstleister eindringen?

Vorteile für Verbraucher

Gentner: „Wir wollen, dass unsere Kunden von der Digitalisierungsstrategie profitieren.“ So könnte zum Beispiel eine Handy-App den Strom- und Wärmeverbrauch im Haus abbilden. Bürger könnten versuchen, den Verbrauch zu reduzieren, indem sie zum Beispiel den Stecker von bestimmten Geräten ziehen. Der Vorteil: Die Stadtwerke haben bereits jetzt Zugang zu den Daten. Die Verknüpfung und Verbesserung der Angebote im Rahmen der bestehenden Sicherheits- und Datenschutzrichtlinien stehe an.

Pfitzer: „Es geht auch um die Fortsetzung der Hallcard ins digitale Zeitalter.“ Mit dieser blauen Parkkarte kommt man nicht nur in Tiefgaragen hinein. Wer die Zusatzfunktion nutzt, kann damit auch Bus fahren und in Zukunft an E-Tankstellen Strom zapfen. Das ist bisher kostenlos, da die Abrechnungssysteme teuer sind. Da ist es günstiger, den Strom zu verschenken. Gentner: „Es gab einen längeren Workshop. Jetzt wurde der Auftrag erteilt, ein Zukunftskonzept für die Hallcard zu entwickeln.“

Die Stadtwerke glauben, Trümpfe in der Hand zu halten: Allein 800 zertifizierte Server arbeiten im Rechenzentrum in Hall für sie. Mit ihrer Softwaretochter Somentec werden jetzt schon Tausende Abrechnungen erstellt. Zudem haben sie Erfahrung mit der Hardware über die Firma HKS, an der die Stadtwerke zu 41 Prozent beteiligt sind. Die entwickelt gerade ein Bezahlsystem für Elektrotankstellen, das einen Vorteil gegenüber vielen anderen hat: Man kann bequem mit der EC-Karte bezahlen und benötigt keine Spezialkarten.

Zudem, und das wäre dann der Clou an der Digitalstrategie, wollen die Stadtwerke ein universitätsnahes Start-Up kaufen. Das entwickelt Hard- und Software im Bereich Regeltechnik und kann Systemlücken bei der Verknüpfung von Daten schließen, die sich bisher auftun. Den Namen der Firma wollen die Geschäftsführer nicht nennen. Noch wird die Investition ganz klassisch auf kaufmännische Art geprüft.

Smart Meter: Zu viel versprochen?


Das neue Messstellenbetriebsgesetz ist in Kraft getreten. Sind mehr als drei Hersteller von intelligenten Stromzählern zertifiziert (was noch nicht der Fall ist), muss die Technik (der Smart Meter) in die Stromkästen von Gebäuden eingebaut werden. Zunächst werden Firmen und größere Häuser mit der Technik bestückt. Nach und nach sollen Einzelhaushalte folgen.

Neu dabei: Der Stromzähler funkt den Verbrauch eines Hauptzählers in einem Haus sekundengenau per Handynetz an den Anbieter. Was dann mit den Daten passiert, sei die große Frage. „Die Idee des Gesetzgebers ist es, dass durch die genaue Messung des Verbrauchs Strom eingespart und die Mehrkosten für den Smart Meter wieder reingeholt werden können“, klärt Ronald Pfitzer auf. Gebhard Gentner ist sich da nicht so sicher: „Das Gesetz halten wir zum jetzigen Zeitpunkt für falsch. Viele Kunden wissen noch gar nicht, was das für sie bedeutet.“ 40 Euro koste einer dieser modernen Zähler pro Jahr. Gentner glaubt, dass es einen Aufschrei geben wird, wenn Hausbesitzer realisieren, dass Mehrkosten auf sie zukommen. An vielen Stellen würde die Datenübertragung nicht klappen, da im Keller kein Handynetz vorhanden ist. Viele Stadtwerke würden daher wohl die Umsetzung des Gesetzes und damit den Einbau der Smart Meter so weit wie möglich verschieben, vermutet Gentner. tob