Schwäbisch Hall / Tobias Würth Bewohner der Schillerstraße in Schwäbisch Hall sind besorgt: Die Zahl der Ratten in und um das Gebäude wird von Experten auf 300 geschätzt. Nun wird die Stadt aktiv.

„Das Haus ist eine einzige Müllkippe“, berichtet ein Anwohner in der Schillerstraße. Tag für Tag tragen die Mitarbeiter eines Entsorgungsunternehmens Holz, Blumenkübel und Möbel aus dem Gebäude an der Ecke Schillerstraße/Crailsheimer Straße. In der Karwoche haben sie damit riesige Container gefüllt. Die sind vor Ostern abgeholt worden. Doch eine Absperrung und ein Halteverbot deuten am Nachmittag des Gründonnerstags darauf hin, dass es nach Ostern weiter geht: Das Schild weißt ein Parkverbot ab dem Dienstag, 23. April, aus.

Ratten in Schwäbisch Hall Ratten in der Schillerstraße: Gelände nach den ersten Räumungen

Wohnhaus nach Feuer für Menschen unbewohnbar – aber für Ratten?

Das Gebäude brannte am 26. Mai 2016 aus, ist seitdem eine Ruine. Das Feuer war damals am Abend ausgebrochen.

Bei einem Hausbrand in der Haller Schillerstraße auf dem Klingenberg ist ein 66-jähriger Bewohner schwer verletzt worden. Die Feuerwehr war am Abend mit einem Großaufgebot vor Ort. Der Brand wurde gegen 21 Uhr gemeldet.

Die Brandruine kann ein Rückzugsraum für Ratten sein, da sie dort ungestört leben können. Er locke Ungeziefer an, berichten mehrere Nachbarn. „Letztes Jahr im September habe ich mit dem Auto mittags vor dem Haus eine Ratte überfahren. Zwei Ratten liefen über die Straße“, schreibt ein Bewohner des Klingenbergs, der in Hall als Wohngebiet der wohlhabenden Menschen gilt.

Zwei Experten, die allerdings nicht namentlich in der Zeitung zitiert werden wollen, schätzen, dass sich 300 bis 400 Ratten auf dem Gelände befinden könnten.

Wanderratten verbreiten sich sehr schnell, geht aus einer Information des Landesamtes für Gesundheit in Baden-Württemberg hervor. Weibchen können demnach in einem Jahr vier bis sieben Würfe haben – mit fünf bis zwanzig Jungtieren. Nach etwa drei Monaten können sie sich fortpflanzen. Die Jungen brauchen ein sicheres, ungestörtes Nest.

Das Verhalten der Bürger kann dazu führen, dass sich Ratten in der Stadt vermehren. Darauf wies die Haller Stadtverwaltung schon im Jahr 2015 hin.

Die Stadtverwaltung schreibt auf Nachfrage, dass sie zum ersten Mal im Jahr 2018 von dem Fall erfuhr. „Intensive Bemühungen des städtischen Ordnungsamtes, im Einvernehmen mit dem Eigentümer eine Verbesserung der Situation herbeizuführen, blieben fruchtlos“, berichtet Patrick Domberg, Referent des Oberbürgermeisters. „Nachdem im Januar erstmals Hinweise auf einen stärkeren Ungezieferbefall vorlagen, hat das Ordnungsamt in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt des Landkreises im Zuge einer Ersatzvornahme am 27. März eine Spezialfirma mit der Räumung des Grundstücks und der Schädlingsbekämpfung beauftragt.“ Eine Ersatzvornahme ist die Ausführung einer behördlichen Anordnung auf Kosten des Handlungspflichtigen.

Das Haller Amtsgericht verurteilt einen örtlichen Pizzabäcker zu einer Geldstrafe in Höhe von 525 Euro.

Wie stellt man sicher, dass die Tiere nun nicht Unterschlupf in Nachbarkellern finden? Hier sind sich Stadtverwaltung und einige Anwohner, die Unterschriften sammeln und einen Brief ans Regierungspräsidium verfassten, uneins.

„Das ist eine Lachnummer“, sagt einer der Nachbarn. Die vielen Ratten schwärmten derzeit in die Umgebung aus, in der sich auch ein Kindergarten befindet. Man hätte die Nachbarn schützen oder zumindest warnen müssen. Eine Methode sei es, während der Räumung die Ratten mit Netzen an Türen aufzuhalten und in Boxen mit Giftfallen zu vernichten. Aber das ist aufwendig. Die Ordnungsbehörde hat einen anderen Weg gewählt: erst räumen, dann die Ratten bekämpfen.

Nachdem im Göppinger Restaurant Anami gravierende Hygienemängel festgestellt wurden, reagieren die Betreiber in einer Stellungnahme auf Facebook.

Mit diesen Fragen konfrontiert, schreibt die Stadtverwaltung mit Hinweis auf den Datenschutz: „Eine solche Räumung ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Schädlingsbekämpfung. Grundsätzlich gilt: Sobald dem Ordnungsamt Ratten gemeldet werden, erfolgt eine Information der Abteilung Abwasser.“

Ratten schaden nicht nur der Gesundheit

Die Ratte sei ein Reservoir für Krankheitserreger, heißt es in der Info des Landesgesundheitsamtes. Kommen sie in Kontakt mit Menschen, können sie Krankheitserreger verbreiten, wie Salmonellen, bis hin zu Hantaviren. Übertragungswege gehen besonders über Nahrungsmittel.

Doch nicht nur der Gesundheit können sie schaden. Wanderratten nagen nicht nur Nahrungsmittelvorräte an. Sie können auch zum Beispiel Holztüren, weiche Metalle, und Kabel anbeißen. So können sie ganze technische Anlagen außer Betrieb setzen.

Eingriff in Eigentumsrechte

Die Anwohner werfen den Ordnungsbehörden Untätigkeit vor. Die Verwaltung hingegen schreibt über die Räumung: „Sie stellt einen Eingriff in die Grundrechte der Betroffenen dar und ist daher zu Recht mit hohen gesetzlichen Hürden versehen.“

Der Eigentümer ist mit der angeordneten Räumung ganz und gar nicht einverstanden. „Ich habe nie eine Ratte gesehen“, sagt er. Einen Film, auf dem Ratten zu sehen sein sollen, hält er für eine Fälschung. „Man kann auch eine tote Ratte von anderswo auf die Straße legen“, sagt er. Ein beauftragter Schädlingsbekämpfer habe schriftlich versichert, dass dort keine Ratten seien. Vorsorglich habe er 25 Köder im Haus ausgelegt. Kein einziger sei angebissen worden, sagt er.

„Gesundheitliche Probleme“ hinderten Eigentümer an Räumung

Er habe sich selbst um eine Räumung bemüht. Die Firma, die dafür 20.000 Euro berechnen wollte, habe er nicht beauftragt. Das sei ein Wucherpreis. Er habe selbst mit der Räumung begonnen. Doch seine gesundheitlichen Probleme hätten ihn gehindert. Im Jahr 2011 sei seine Frau gestorben, nach dem Feuer 2016 habe die Versicherung zunächst nichts bezahlt und nun erlitt er einen Bandscheibenvorfall. Der 69-Jährige ist sich sicher: „Die wollen an mein Haus.“ Das Rattenthema sei nur ein vorgeschobenes. Er lebe nun bei seiner Mutter.

Der Eigentümer will gegen die Räumung vorgehen. In einer Aktentasche, die er im Haus deponierte, habe er 23.000 Euro gesammelt, die er nach und nach von seinem Konto abgehoben hatte. Mit dem Geld wollte er Handwerker bezahlen. Doch die Tasche fehlt. Sie landete wohl im Container. Dieses Geld will er zurück. Und über die Rechnung, die ihm das Ordnungsamt fürs Räumen stellen wird, sagt er: „Ich bezahle nichts.“

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