Der rechte Zeigefinger streicht über den Touchscreen. Zwischen Mittel- und Ringfinger hängt die glimmende Fluppe. Trotz Temperaturen über 30 Grad sitzen die beiden jungen Männer nicht auf dem Badetuch am See, sondern auf der Bank vor dem Spielplatz am Unterwöhrd. Ein beliebter Bereich für Pokémon-Spieler. Seit diesem Smartphone-Phänomen hat die Besucherfrequenz am Unterwöhrd deutlich zugenommen – allerdings auch die Verunreinigung.

Rüdiger Schorpp, SPD-Stadtrat, stört sich nun an einem weiteren Effekt. Er sei kürzlich mit seinen Enkelkindern auf dem Unterwöhrd gewesen. „Leider lagen auf beiden Spielplätzen jede Menge Zigarettenkippen, sicher nicht nur von Jugendlichen dorthin geworfen, auch einige wenige rauchende Mütter konnte ich beobachten.“ Die Stummel könnten von Kleinkindern in Hände und Mund genommen werden. Zudem seien sie „gesundheitlich höchst gefährlich“ und könnten „zu Vergiftungen führen“.

OB Pelgrim: Vermüllung ist eine Ordnungswidrigkeit

In einem Schreiben an Parteikollegen und Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim bittet Schorpp nun, ein generelles Rauchverbot auf Haller Spielplätzen zu prüfen. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern gebe es in Baden-Württemberg keine Gesetzgebung dazu. „Gleichwohl haben aber Städte wie Freiburg, Karlsruhe, Mannheim oder Heidelberg und andere Kommunen örtliche Rauchverbote erlassen.“ Der Stadtrat fragt zudem, ob der Werkhof „im Hinblick auf diese gefährlichen Verunreinigungen kurzfristig Abhilfe schaffen“ könne.

„Ich werde dieses Schreiben als förmlichen Antrag behandeln“, teilt Pelgrim auf Nachfrage mit. Allerdings sehe die geltende Polizeiordnung ohnehin vor, dass weder Kippen noch Abfälle irgendwo weggeworfen werden dürfen. „Die Vermüllung der Landschaft ist eine Ordnungswidrigkeit.“ Wer erwischt wird, müsse zahlen. Städtische Mitarbeiter kontrollierten regelmäßig Spielplätze in ganz Hall und reinigten sie auch. Hin und wieder tauchten neben Kippenstummeln auch Kondome oder Überreste von Drogenkonsum auf.  Allerdings, so Pelgrim, sehe er noch „keine Dimension“, in der man „ordnungsrechtlich eingreifen muss“. Zudem müsste eine Rauchverbots-Verfügung durch verstärkte Kontrollen umgesetzt werden. Der Personalaufwand steigt. Generell ist Pelgrim „für mehr Freiheit und weniger Reglementierung“.

Carina Ketzel (31) ist an diesem heißen Dienstagnachmittag auf dem Kleinkinderspielplatz. Die zehn Monate alte Tochter Anni krabbelt im Sandkasten und greift sich alles, was in Reichweite ist. „Meine Wahrnehmung ändert sich“, sagt die Mutter. „Jetzt schaue ich natürlich, was so alles auf dem Boden liegt.“ Das Kippenstummel-Problem sei „schon massiv geworden“. Sie habe daher kürzlich mehrere eingesammelt und entsorgt – „damit sich meine Tochter nichts davon in den Mund steckt“.

Dass überhaupt geraucht wird, störe sie nicht. „Es geht um die Entsorgung.“ Mehrere Ascher mit Ein- wurflöchern, in die Kinder nicht greifen könnten, würden ausreichen, um das Problem zu lösen. So sieht es auch Freundin Hanna Keck. Die Hochschwangere ist sieben Tage über dem Geburtstermin. „Direkter Rauch stört mich daher, aber das ist überall ein Problem.“ Ein Rauchverbot sei aber dennoch nicht nötig.

Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim will den Punkt nun auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung des Verwaltungs- und Finanzausschusses des Gemeinderats setzen. Dann dürfen die Räte entscheiden.

Die Meinungen sind vielfältig. Ludger Graf von Westerholt, Fraktionschef der CDU, ist überzeugt, dass „auf Spielplätzen nicht ständig geraucht werden muss“. Zunächst aber müsse geprüft werden, ob die Situation tatsächlich so schlimm ist. „Man kennt es ja von Raucherbereichen vor Firmengebäuden, die sich schnell zu Dreckecken entwickeln.“ Das passe nicht zu einem Spielplatz. Bevor ein Verbot erlassen werde, solle an die Vernunft appelliert werden.

Ähnlich sieht es Hartmut Baumann, Sprecher der Freien Wählervereinigung, der eigentlich „gegen jede Art von Reglementierung“ sei. „Zunächst ist es ein persönliches Problem, ob man raucht. Es darf nur keiner belästigt werden.“ Raucherecken könnten eine Lösung sein. Kristian Neidhardt von der FDP hält ein Rauchverbot dagegen „generell für sinnvoll“.  Aber das sei genauso schwer zu kontrollieren wie ein Kaugummi-Verbot.

Am schärfsten formuliert es Jutta Niemann von Bündnis 90/Die Grünen: „Raucher gehören nicht auf den Spielplatz.“ Ein Verbotshinweis auf einem Schild könne helfen. „Dann ist es ausgesprochen und man kann sich im Zweifel darauf berufen.“

Am 26. September tagt der Verwaltungs- und Finanzausschuss. Dann wird öffentlich über ein mögliches Verbot debattiert.
 

Ein Kommentar von Thumilan Selvakumaran: Kippenfreier Sandkasten

Handelt es sich um puren Aktionismus eines Stadtrats in der Sommerpause? Oder geht es um die Regelungswut eines Nichtrauchers? Diese Fragen stellen sich nicht, wenn tatsächlich Kippen und Müll in Sandkästen liegen. Das wäre durchaus ein Ärgernis.

Bislang geht Hall mit Verboten sparsam um. Das ist gut so. Verfügungen haben Diskussionen ausgelöst, etwa die Verbannung der Skater aus dem Kocherquartier. Ein Rauchverbot ist thematisch in einer anderen Ecke verordnet. Denn Glimmstängel lassen sich problemlos mit Abstand zum Spielplatz anstecken, etwa vor einem Ascher, der von der Stadt installiert werden könnte. Es geht um Gesundheit, Sauberkeit, letztlich auch um Vorbildfunktion.

Ein Rauchverbot hilft nicht nur dann, wenn kontrolliert wird. Steht der Hinweis auf einem Schild, kann sich jeder, der sich vom Qualm gestört fühlt, auf sein Recht auf ein kippenfreies Umfeld berufen.