Schwäbisch Hall St. Michael wird EU-Kulturerbe

"Europäisches Kulturerbe - European Heritage - Patrimoine Européen" steht auf dem Schild, das Dekanin Anne-Kathrin Kruse und Prälat Harald Stumpf in den Händen halten. In Deutschland wurde es bisher 33-mal verliehen. Foto: Ufuk Arslan
"Europäisches Kulturerbe - European Heritage - Patrimoine Européen" steht auf dem Schild, das Dekanin Anne-Kathrin Kruse und Prälat Harald Stumpf in den Händen halten. In Deutschland wurde es bisher 33-mal verliehen. Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / TOBIAS WÜRTH 23.10.2013
"Hall ist reformationsgeschichtlich der interessanteste Ort im Südwesten", bescheinigt Professor Martin Jung aus Osnabrück. Die Bedeutung wird gewürdigt: Die Kirche St. Michael zählt nun zum EU-Kulturerbe.

Ingo Rust, Staatssekretär im Finanzministerium des Landes, trägt eine unscheinbare Kladde in der Kirche St. Michael mit sich herum. Doch die hat es in sich. In ihr steckt ein kleines, blaues Metallschild. Es symbolisiert: Die St. Michaelskirche wird zum europäischen Kulturerbe erhoben. Sie wird als Teil des deutschen Netzwerks "Stätten der Reformation" im Themenjahr der Dekade "Reformation und Toleranz" geadelt. Damit ist sie einer von bislang nur 33 Orten in Deutschland, die das Siegel erhalten (siehe Infokasten).

Zu einer Feierstunde kommen 60 Vertreter von Politik, Kirche sowie engagierte Bürger in den Chor der Haller Hauptkirche. Nach kurzen Grußworten erläutert der Gastredner, Theologie-Professor Martin Jung aus Osnabrück, die Bedeutung der Kirche und der Stadt in der Reformation: "Die kleine Reichsstadt hat das große Herzogtum beeinflusst." Reformator Johannes Brenz habe 26 entscheidende Jahre in Hall verbracht, um dann das ins Land zu tragen, was er in der Stadt geschaffen hat. Der Theologie-Professor nennt Besonderheiten: Ab 1522 wirkt Brenz in Hall und zählt damit zu den frühen Reformatoren. Er sprach sich für eine milde Behandlung der aufständischen Bauern aus und wollte die "Wiedertäufer" nicht zur Todesstrafe verurteilt sehen.

Brenz sei es zu verdanken, dass St. Michael noch so reich mit Kirchenschätzen bestückt sei, denn andernorts wurden Bilder zerrissen. Einzige Kritik an Brenz: Er habe sich in einem Streit um die Bedeutung des Abendmahls mit den Calivinisten störrisch auf eine Linie festgebissen.

Die für den großen Anlass recht kleine Festgemeinde hört das Lob gern. "Das freut uns besonders", sagt Dekanin Anne-Kathrin Kruse. Staatssekretär Ingo Rust übergibt ihr das kleine, blaue Schild. "Ich spüre den guten Geist immer noch in Hall", freut sich Rust vom Ministerium. "Schwäbisch Hall nimmt sich des kulturellen Erbes an."

"Hier wird auch eine 857 Jahre lange Symbiose zwischen der Stadt und der Kirche sichtbar", erläutert Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. Brenz sei als nicht geweihter Theologe ein städtischer Angestellter gewesen. In seiner Zeit wurde aus der trennenden Kirchenmauer vor St. Michael die verbindende Große Treppe. Pelgrim merkt in Richtung Staatssekretär Rust an: "Eine solche große Treppe zu bauen, würde heute wohl nicht genehmigt." Dazu muss man wissen: Rust ist in Stuttgart auch für Denkmalschutzfragen zuständig. Er kündigt schon mal halb im Scherz, halb im Ernst an, dass selbst das Aufhängen des blauen Kulturerbe-Schilds mit dem Denkmalschutz abgesprochen werden müsse - es dürfe aber außen angebracht werden.

Das werde aber in den nächsten Jahren noch nicht passieren, sagt Dekanin Kruse. Die Kirche plant, die Außenfassade zu sanieren. Bis dahin findet die Plakette im Innern einen Platz.

Kruse will das Thema "Stätten der Reformation" weiter aufgreifen und eventuell durch Kirchenführungen forcieren. Auch Halls Erste Bürgermeisterin Bettina Wilhelm will es nicht beim Täfelchen belassen und für Schwäbisch Hall mit dem neuen Signet werben. Im Anschluss an die Feier wird das neue Heft: "Orte der Reformation - Schwäbisch Hall" vorgestellt.

Was sich hinter dem neuen EU-Siegel verbirgt
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