Wackershofen Jüdischer Alltag im Hohenloher Freilandmuseum

Die Fotografin und Autorin Eva Maria Kraiss auf dem jüdischen Friedhof in Rexingen bei Horb.
Die Fotografin und Autorin Eva Maria Kraiss auf dem jüdischen Friedhof in Rexingen bei Horb. © Foto: privat
Schwäbisch Hall / Bettina Lober 16.08.2018
Eva Maria Kraiss aus Michelbach dokumentiert Zeugnisse jüdischen Alltagslebens und zeigt diese derzeit in Wackershofen.

Wer einmal auf den jüdischen Friedhöfen in Steinbach, Braunsbach, Dünsbach oder an anderen Orten in Hohenlohe war, dem sind sie bestimmt aufgefallen: kleine, auf den Grabsteinen abgelegte Gesteinsbrocken oder Kiesel. „Das sind Besuchersteine“, erklärt Eva Maria Kraiss. Ganz bewusst hat sie an den Beginn ihrer aktuellen Sonderausstellung im Freilandmuseum Wackershofen eine Aufnahme mit Besuchersteinen gesetzt. So wie jene Steine Symbole des Angedenkens sind, so gestaltet sich auch die Ausstellung in der Scheune aus Bühlerzimmern als ein erhellender Streifzug durch die Region zum Gedächtnis des jüdischen Lebens, das einst zum Alltag in Hohenlohe gehörte. „Das ist Teil unserer Geschichte“, betont Museumsleiter Michael Happe.

„Auf immer verloren. Spuren jüdischen Lebens in Hohenlohe-Franken“ heißt die umfangreiche Schau. Eva Maria Kraiss hat den Landkreis Hall, den Hohenlohekreis und den Main-Tauber-Kreis mit der Kamera durchstreift – auf der Suche nach Zeugnissen des Lebens jüdischer Menschen. Im Ausstellungsraum fällt der Blick unter anderem auf zwei originale Grabplatten aus Hohebach. Vor Jahren waren sie vom jüdischen Friedhof dort verschwunden. Abgebrochene Kanten zeigen, dass sie gewaltsam entfernt worden waren. Nachdem an den Grabsteinen in Hohebach längst ein Ersatz angebracht wurde, tauchten die originalen Platten wieder auf, wie die 73-Jährige aus Michelbach berichtet.

Erhellende Einblicke

Überhaupt: Wer mit der ehemaligen Lehrerin durch ihre Ausstellung geht und sich berichten lässt, spürt schnell, mit wieviel Herzblut und Akribie sie an dem Thema arbeitet. Und dem tun sich zahlreiche erhellende Einblicke in das Alltagsleben der früheren jüdischen Bevölkerung auf. Denn: Synagogen und Friedhöfe sind nicht alles, was es noch an sichtbaren Spuren der „verschwundenen“ jüdischen Gemeinden und ihrer Menschen gibt, betont die 73-Jährige. Relikte wie rituelle Bäder (Mikwen), Hochzeitssteine, hebräische Inschriften am Türsturz oder Mesusaspuren an Wohnhäusern sind teils noch sichtbar. Mesusa bezeichnet eine Schriftkapsel am Türpfosten jüdischer Wohnhäuser. Auch Flur- und Straßennamen deuten auf eine jüdische Vergangenheit hin.

Die Fotografien, die Kraiss in Wackershofen zeigt, lenken den Blick darauf – und haben das Zeug dazu, die Alltagsperspektive des Besuchers zu sensibilisieren. „Die eigene Heimat mit anderen Augen zu sehen“, beschreibt Museums-Chef Happe als ein wichtiges Ziel der Schau. Bei ihm selbst funktioniere das. Kraiss hat beispielsweise die Mesusaspur am ehemaligen Wohnhaus des Haller Rabbiners Berlinger in der Oberen Herrngasse im Foto festgehalten. „Seither denke ich immer daran, wenn ich dort vorbeikomme“, sagt Happe.

Als ehemalige Lehrerin habe sie freilich ein pädagogisches Anliegen, räumt Eva Maria Kraiss lächelnd ein. Daher beleuchtet sie auch den Blickwinkel des Christentums auf die Juden, die immer wieder verfolgt wurden. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (1933 – 1945) wurden Juden entrechtet, vertrieben und vielfach ermordet. Die Zeugnisse ihres Alltags, ihrer Religion und ihrer Kultur wurden zerstört oder man ließ sie verfallen. Dennoch gibt es auch heute noch Spuren.

KaDeWe-Chef aus Hengstfeld

Auf dem Gebiet der drei Landkreise stieß Eva Maria Kraiss auf lediglich zwei restaurierte Synagogen, die als Gedenk- und Begegnungsstätten genutzt werden: Michelbach an der Lücke und Wenkheim bei Werbach im Main-Tauber-Kreis. Sie zeichnet die Entwicklung ehemaliger Synagogen nach, die heute beispielsweise Wohnhäuser sind. Überdies rückt sie Gebäude mit einer besonderen Geschichte in den Fokus – wie die ehemalige Nährmittelfabrik von Israel Lan­dauer in Gerabronn oder das Geburtshaus von Abraham Adolf Jandorf in Hengstfeld, der 1907 das Warenhaus KaDeWe (Kaufhaus des Westens) in Berlin gründete.

Im Tauberbischofsheimer Teilort Dittigheim entdeckte Eva Maria Kraiss an einem Gebäude, einer ehemaligen Synagoge, einen Hochzeitsstein, der einen Davidstern mit der Inschrift „Masel tov“ (viel Glück) zeigt. „Der Stein war ganz zugewachsen. Die Leute dort haben ihn für mich freigelegt“, erzählt sie.

Und wie findet sie all diese Spuren? Jahrelange Beschäftigung, in Archiven sowie im Internet recherchieren – und mit den Menschen sprechen.

Erste Forschung in den 80ern

In all den Schilderungen und Erzählungen von Eva Maria Kraiss wird deutlich, die Spuren jüdischen Lebens in der Region sichtbar zu machen, ist ihr ein Herzensanliegen. Die Wurzeln  dieser leidenschaftlichen Spurensuche liegen in den 80er-Jahren. Damals hat sie gemeinsam mit einer Schülergruppe eine Broschüre über den jüdischen Friedhof in Steinbach erarbeitet. „Diese wurde 1986 den ehemaligen jüdischen Mitbürgern bei ihrem ersten Besuch in ihrer alten Heimat Hall auf dem Friedhof in Steinbach überreicht“, erzählt die frühere Schwäbisch Haller SPD-Stadträtin. Aus den Begegnungen bei jenem Besuch seien viele Freundschaften entstanden – und allerlei Fragen: Wie haben die jüdischen Mitbürger gelebt? Wie gingen sie zum Gottesdienst? Wie war ihr Alltag? „Damals kam irgendwie ein Stein ins Rollen. Und das lässt mich bis heute nicht los“, bekennt Kraiss. Die Relikte zu finden und zu dokumentieren, das sei für sie und ihre 2007 verstorbene Partnerin Marion Reuter zu einer emotionalen Triebfeder geworden. „Das ist fast wie eine Sucht.“

Und längst hat sie schon ihr nächstes Projekt in Angriff genommen: In der Ukraine und in Polen forscht sie weiter nach Spuren jüdischen Lebens.

Info Die Ausstellung „Auf immer verloren. Spuren jüdischen Lebens in Hohenlohe-Franken“ ist bis zum 11. November in der Scheune aus Bühlerzimmern im Hohenloher Freilandmuseum in Wackershofen täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Zur Ausstellung ist ein lesenswertes und reich bebildertes, 300 Seiten umfassendes Buch erscheinen. Es ist in der Reihe „Mitteilungen aus dem Hohenloher Freilandmuseum“ erschienen und für 11,50 Euro unter anderem im Museums-Shop erhältlich. Zudem bietet Eva Maria Kraiss Führungen durch die Ausstellung an: am Sonntag, 2. September, um 11 Uhr, am Sonntag, 7. Oktober, um 14 Uhr, sowie am Freitag, 9. November, um 15 Uhr.

Engagierte Pädagogin und passionierte Fotografin

Eva Maria Kraiss wird am 19. September 1944 in Prag geboren, wohin ihr aus Stuttgart stammender Vater 1938 als Regierungsrat versetzt worden war. Nach Kriegsende flüchtet die Familie zurück nach Stuttgart, wo Eva Maria Kraiss aufwächst. Sie studiert an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg und erhält ihre erste Stelle an der Sonderschule in Hall. In Gmünd lässt sie sich zur Realschullehrerin ausbilden, um 1970 nach Hall zurückzukehren. An der Leonhard-Kern-Realschule unterrichtet sie Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Erdkunde. 1972 tritt sie in die SPD ein und wird 1979 erste SPD-Stadträtin in Hall. Bis ins Jahr 2003 ist sie Stadträtin. 2014 erhält sie die Willy-Brandt-Medaille. Mittlerweile lebt sie in Michelbach an der Bilz. Völkerverbindende Gesten sind Eva Maria Kraiss eine Herzenssache. Sie pflegt Freundschaften zu ehemaligen Haller Juden und deren Kindern. Gemeinsam mit ihrer im Jahr 2007 verstorbenen Partnerin Marion Reuter setzt sie zahlreiche Fotografie-Projekte um – beispielsweise über Sühnekreuze. Sie sind quasi steinerne Denkmale der Grausamkeit, die einst für einen begangenen Mord errichtet wurden. Ein wichtiger Punkt ihrer Arbeit ist seit vielen Jahren die jüdische Geschichte. blo

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