Schwäbisch Hall Sprachmächtig die Welt beschreiben

„Immer, wenn Sie denken, ,jetzt kupfert er ab’, haben Sie wahrscheinlich Recht“, sagt Franz Dodel in Hall.
„Immer, wenn Sie denken, ,jetzt kupfert er ab’, haben Sie wahrscheinlich Recht“, sagt Franz Dodel in Hall. © Foto: maya peters
Schwäbisch Hall / Maya Peters 17.05.2018
Lyrik bildet ein neues Format in der Schwäbisch Haller Reihe „Literatur live“. Zum Auftakt liest der Schweizer Franz Dodel im ausverkauften Dieter-Franck-Haus auf der Oberlimpurg.

Brauchen wir heute noch Gedichte?“, steht als Anfangsfrage im Raum. Diese wird allein durch die Anwesenheit des sprachgewaltigen Lyrikers Franz Dodel im ausverkauften Dieter-Franck-Haus auf der Haller Oberlimpurg beantwortet. Es sei die Auftaktveranstaltung zum neuen Lyrik-Format in der Reihe „Literatur live“, sagt die Haller Kulturbeauftragte Ute-Christine Berger als Organisatorin der Reihe.

Mit charmant rollendem „r“ liest der Schweizer Dodel stehend Auszüge aus seinem 2002 begonnenen Projekt „Nicht bei Trost“. „Der Text ist relativ dicht, mit vielen Assoziationen. Sie werden abschweifen oder einnicken. Seien Sie versichert, das ist das, was ich will“, meint er fast tröstend und passend zum Titel des mit 35.620 Versen vielleicht schon jetzt längsten Gedichts der Welt.

„Eine alte Dame teilt dem Schaffner mit: Das ist meine letzte Reise. Auch wenn sie nichts weiter dazu sagte, war es ihr doch wichtig... Alle waren sie Passagiere auf einer Reise mit absehbarem Ende... Schönheit lässt sich ohne Austern und feinen Damast finden, es reicht ein Tisch mit Kirschen“, beginnt er zu lesen. Wahrnehmungen reihen sich zu Bildern, mäandrieren fast unbemerkt zu neuen Eindrücken, verbinden durch Assoziationen und überraschen mit neuen Bedeutungen. Das Endlos-Gedicht in Haiku-Kettenform folgt der Zeilenfolge von 5-7-5-7-Silben, einer sperrigen Form ohne Satzzeichen. Der Lauf der Sprache wird dadurch beeinflusst, verändert und neu geordnet.

Dodels Werk wird derweil immer länger. Der Text sei da wie ein Faden, wie eine Selbsterkundung, umschreibt Dodel seinen täglichen Zwang zur Schreibarbeit. Er lese die letzten Zeilen, dann schreibe er weiter, nennt er sein Tun „banal“. „Die spontane Form hat mich zugleich befreit“, meint der 68-jährige Religionswissenschaftler und Autor.

Die scheinbar zufälligen Abfolgen und Bilder laufen immer wieder auf eines zu: Alle 500 Verse flicht Dodel eine Hommage an Marcel Proust ein. Der hielt seine „unwillkürlichen Erinnerungen“ in Romanform („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“) fest. „Immer wenn Sie denken, ,jetzt kupfert er ab’, dann haben Sie wahrscheinlich Recht“, scherzt er. Die Quellen seien ihm wichtig, er gebe sie immer mit an. Anfänglich nur als Internetarbeit gedacht, wurden seit 2004 mehrere Print-Ausgaben mit fortlaufenden Versen seines Endlos-Gedichts veröffentlicht.

Die Sprachwissenschaftlerin und Philosophin Dr. Dorothea Franck moderiert die Lesung, die vom Kulturbüro und dem Dieter-Franck-Haus in der Reihe „Literatur live“ gemeinsam veranstaltet wird. Sie hält Dodels Gedichtband aufgeschlagen hoch, man sieht den Anmerkungsteil mit Zeichnungen und Zitaten auf der linken Seite. „Man wird schnell süchtig“, zeigt sie sich begeistert von „Nicht bei Trost“.

Info

Das Fortschreiben des Endlos-Gedichts „Nicht bei Trost“ kann man auf www.franzdodel.ch miterleben.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel