Reise Sperrgepäckausgabe auf tadschikisch

Eines der wenigen Reisebilder, auf denen Peter Schilling selbst zu sehen ist. Hier steht er am Fuße des Ak-Baital-Passes.
Eines der wenigen Reisebilder, auf denen Peter Schilling selbst zu sehen ist. Hier steht er am Fuße des Ak-Baital-Passes. © Foto: privat
Verena Köger 19.01.2018

Das werden ja immer mehr. Jetzt bin ich aufgeregt“, sagt Peter Schilling, als er sieht, dass immer mehr Menschen in die Aula des Gymnasiums bei St. Michael strömen. Rund 250 – darunter Verwandte, Freunde, Kollegen, Schüler und Nachbarn – sind gekommen, um zu hören und zu sehen, was der Lehrer im Juni 2016 auf seiner Fahrradtour auf dem Pamir-Highway in Zentralasien erlebt hat. 260 Bilder hat der Michelfelder vorbereitet. Der rund 1300 Kilometer lange Highway ist die einzige Hauptverkehrsstraße durch das gleichnamige Gebirge und verbindet die beiden Städte Duschanbe in Tadschikistan und Osch in Kirgisistan.

„Das ist doch gar nichts Besonderes“, winkt der 50-Jährige seine Erlebnisse bescheiden ab. Schulleiter Frank Nagel ist anderer Meinung: „Ihre Fahrradreise war in mehrerlei Hinsicht mutig. Sie haben sich ein Sabbatjahr genommen, die Familie in Deutschland zurückgelassen und sich in ein Abenteuer gestürzt“, zählt der Rektor beeindruckt auf.

„The Big Four“

Die Reise durch den Pamir ist nur eine von vielen, die der leidenschaftliche Radfahrer in seinem Leben schon unternommen hat: von Pakistan nach China, von Tibet nach Nepal, auch durch den Himalaya ist er schon geradelt. „Während des Studiums kann man so etwas machen. Mit der Zeit wird man ruhiger, gründet eine Familie und geht täglich zur Arbeit.“ Das Kapitel „extreme Fahrradreisen“ war eigentlich abgeschlossen. Eigentlich.

Beim Herumstöbern im Internet stieß er auf eine Liste, die analog zu den „Big Five“, den fünf Tieren, die man auf einer Afrika-Safari gesehen haben muss, die vier schönsten Radtouren auf der ganzen Welt aufzählt – „The Big Four“. Totaler Blödsinn, dachte Schilling sich erst. Doch als er merkte, dass er bereits drei der vier Touren unternommen hatte und ihm nur noch der Pamir Highway fehlte, war sein Ehrgeiz geweckt. Die Entscheidung stand dann relativ schnell fest: Er macht’s.

Wirklich vorbereitet hat sich Schilling nicht. Einen Reiseführer über Tadschikistan gibt es nicht. Die Auswahl an Landkarten ist ebenso begrenzt. Und die Sprache? In Tadschikistan spricht man eine Mischung aus Russisch und Persisch, die Schrift ist kyrillisch. „Das lerne ich nicht“, war der Englischlehrer überzeugt. Er kaufte ein Piktogramm-Wörterbuch mit Bildern, auf die er zur Verständigung zeigen kann. „Das war alles bisschen Freestyle“, gibt der Abenteuerlustige zu. Schilling hatte die Tour gemeinsam mit einem Freund geplant. Doch der sagte ihm, kurz bevor es losgehen sollte, ab. Er hatte wohl seiner Frau nicht ganz die Wahrheit über die Reise gesagt.

Apropos: Was hielt seine eigene Frau von dem Vorhaben ihres Mannes? „Sie war anfangs nicht begeistert, dass ich so lange weg sein werde“, erinnert sich der Vater von drei Kindern. Seine Tochter Magdalena erzählt, dass es für sie nicht überraschend war. „Es war klar, dass er in seinem Sabbatjahr mit dem Rad unterwegs sein wird.“ Als Schilling die Tour fast absagen wollte, weil sein Kompagnon absprang, hat ihn seine Frau aber bestärkt und gesagt: „Du machst das jetzt.“

Schlamm, Kälte und Hunger

Kurze Zeit darauf landet Peter Schilling in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan. Am Flughafen trifft er auf den Slowenen Joze Krishan, der sich ebenso fragend umschaut wie er. „Sag mal, weißt du, was Sperrgepäckausgabe auf Tadschikisch heißt?“, kommen der Slowene und der Deutsche ins Gespräch. Es stellt sich schnell heraus, dass Joze Krishan die gleiche Tour machen will. Schnell schließen die Männer Freundschaft. Das Abenteuer beginnt.

„Am Anfang waren wir ein bisschen enttäuscht. Die Straßen waren asphaltiert. Die Bauern verkauften am Straßenrand Essen. Am ersten Tag schafften wir bereits 120 Kilometer. Alles ganz easy eigentlich“, erzählt Schilling den gespannten Zuhörern. Dabei suchen die Männer doch das Abenteuer fernab jeglicher Zivilisation. Doch das lässt nicht lange auf sich warten. Je weiter sie von Duschanbe wegfahren, umso schwieriger werden die Straßen- und auch die Wetterverhältnisse: Schlamm, schmale und überschwemmte Straßen, Temperaturstürze, steile Abhänge. Kaum vorzustellen, dass Autos und Lastwagen auf dieser Strecke unterwegs sind. Die Bilder von Peter Schilling beweisen es.

Vier Pässe überqueren die beiden Radler innerhalb der vier Wochen langen Reise.  Der Ak-Baital-Pass, der höchste, verlangt den Männern alles ab. Nicht wegen der 4655 Höhenmeter, sondern weil sie mit einem Minimum an Essen und Trinken und den wechselnden Wetterverhältnissen auskommen müssen. „An manchen Tagen hatten wir nichts zu essen“, schildert Schilling. „Es gab Situationen, in denen wir am absoluten Tiefpunkt angekommen waren. Dann sind wir nur noch in der Einsamkeit vor uns hingeradelt. Irgendwie ging es aber immer weiter, es musste.“

Was für all die Strapazen – vom frühen Aufstehen bis zur Suche nach einem Zeltplatz – entschädigt, ist zum einen die Freundlichkeit der Menschen: „Die Kinder haben uns vom Straßenrand zugewunken und uns abgeschlagen. So populär ist man selten, wenn man hier unterrichtet“, lacht der Lehrer. Das Publikum lacht mit. Zum anderen lässt die Landschaft die Anstrengungen vergessen. Überrascht habe ihn, als sie entlang des Flusses Punj an der afghanischen Grenze im Wachankorridor unterwegs waren: „Wir waren nur ein paar Meter, durch den Fluss getrennt, von Afghanistan entfernt. Das waren biblisch-epische Szenen mit Kuhherden und friedlichen, kleinen Dörfern“,  erinnert sich Schilling. Ebenso beeindruckt war er von den zahlreichen noch unberührten Gebirgszügen, beispielsweise dem Hindukusch.

Nachdem die Männer die Grenze von Kirgisistan überquert haben, ist es nicht mehr weit. In Osch, der zweitgrößten Stadt des Landes, beziehen sie ein Hostel, in dem viele andere Radfahrer untergebracht sind. „Dort war man Teil einer großen Fahrradfamilie.“ Bevor es mit dem Flugzeug nach Hause geht, verkauft Peter Schilling sein Fahrrad auf einem Markt, um die Transportkosten zu vermeiden. Mehr als 20 Jahre hat es ihn auf seinen Reisen begleitet.

Zu Fuß und auf zwei Rädern durch die Welt

Peter Schilling (50) unterrichtet am Haller Gymnasium bei St. Michael. Sein Lehramtsstudium hat er in Aich­stetten in Bayern begonnen und in Tübingen abgeschlossen. Er wohnt zusammen mit seiner Frau Antje Kraft und den drei Kindern Frieder (8), Magdalena (13) und Samuel (18) in Michelfeld. Neben dem Radfahren geht Peter Schilling leidenschaftlich gerne wandern, am liebsten durch den Himalaya.