Schwäbisch Hall / Sigrid Bauer An die Gräueltaten der Nazis erinnern und zur Versöhnung aufrufen: Das steht hinter dem Marsch des Lebens, den Lutz Huschmann organisiert hat.

Rund 25 Teilnehmer – überwiegend in der zweiten Lebenshälfte stehende Menschen – treffen sich am vergangenen Freitagnachmittag an der KZ-Gedenkstätte in Hessental. Gemeinsam wollen sie beim Marsch des Lebens von Hessental zum Haller Marktplatz gehen und damit an die Todesmärsche von KZ-Häftlingen aus den Lagern in Hessental und Kochendorf vor 74 Jahren, im April 1945, erinnern.

Die Teilnehmer der Veranstaltung kennen sich größtenteils. Viele gehören dem Arbeitskreis Christen für Israel Heilbronn-Franken an. So auch Ulrike Ender aus Mulfingen, die mit ihrem Mann zum ersten Mal beim Marsch in Hessental ist. Die christliche Gruppe setzt sich gegen den derzeit wieder aufkommenden Antisemitismus ein.

Kritik an Gaulands „Vogelschiss“-Äußerung

Der deutsche Sinto David Weiss erinnert auf der KZ-Gedenkstätte Hessental an 500.000 ermordete Sinti und Roma.

Erich Kurtz hat sich als Mitglied einer christlichen Männergruppe im Teurershof viel mit den Naziverbrechen beschäftigt. „Es ist ungeheuerlich, dass die AfD 80 Millionen Tote durch die  Deutschen als Vogelschiss bezeichnet“, sagt er und ist sichtlich bewegt an einem Ort, wo ebenfalls  unschuldige Menschen durch das Naziregime zu Tode kamen. „Wir haben eine Bekannte, deren Mutter hier im Kochertal lebte und sich in einen polnischen Zwangsarbeiter verliebte. Sie ging aus dieser Verbindung hervor. Ihre Mutter kam deshalb ins KZ Hessental und ist in Buchenau umgekommen“, berichtet er.

Janusz Kling ist aus dem polnischen Gleiwitz angereist und manchen Teilnehmern der Erinnerungsveranstaltung noch bekannt. Er ist bereits 2015 beim ersten Marsch des Lebens in Hall mitgegangen. Der Mann hat mehrere Familienangehörige in Konzentrationslagern verloren, doch Hass auf die Deutschen kann er nicht empfinden. Vielmehr liegt ihm an der Versöhnung zwischen den Nachkommen der Täter und der Opfer.

Seit er den Haller Lutz Huschmann, dessen Großvater Mitglied der SS war, auf einem Marsch des Lebens in Polen und einem Besuch in Auschwitz kennengelernt hat, sind die beiden Männer Freunde geworden. „Lutz hat keine Schuld daran, dass sein Großvater bei der SS war“, stellt Kling klar. Für Huschmann ist es aber trotzdem „ein Wunder Gottes, dass jemand wie Janusz ohne Hass zu uns sprechen kann“.

Der Marsch des Lebens soll das Schweigen brechen und zwar auf beiden Seiten: bei den Tätern, die alles unter der Decke hielten, und auch bei den Opfern. „Meine Mutter hat mir erst sehr spät eröffnet, dass ich jüdischer Abstammung bin, damit ich keine Schwierigkeiten deswegen bekomme. Und sie wollte uns nicht mit ihren schrecklichen Erlebnissen belasten“, berichtet Janusz Kling den Marschteilnehmern.

Vater war Wachmann im KZ Dachau

Vollkommen schockiert war Irmgard Schneider aus Ilshofen, als sie vor wenigen Jahren von der Rolle ihres Vaters im Krieg erfuhr. Offen und tief bewegt schildert sie, wie sie durch ihre Nachforschungen immer mehr über ihn herausfand. „Er war auf irgendeine Weise an Liquidierungen in Ungarn beteiligt und später Wachmann im KZ Dachau“, berichtet sie und ist den Tränen nahe. Sie und Janusz Kling fallen sich in die Arme.

Nie wieder darf sich das wiederholen  – darin sind sich die beiden und alle anderen, die mit einem Banner und den Fahnen von Polen, Israel und Deutschland zum Marktplatz marschieren, einig.

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