Schwäbisch Hall Souverän wie ein Mauersegler

Hans Magnus Enzensberger liest vor 400 Besuchern in Hall. Foto: Ufuk Arslan
Hans Magnus Enzensberger liest vor 400 Besuchern in Hall. Foto: Ufuk Arslan
URSULA RICHTER 19.11.2013
Hans Magnus Enzensberger hat am Sonntag in der Kunsthalle Würth gelesen, was auf überwältigendes Interesse gestoßen ist. Damit ist die Veranstaltungsreihe der Tübinger Poetik-Dozentur eröffnet.

"Alle Veranstaltungen finden um 20.15 Uhr im Audimax, neue Aula, Geschwister-Scholl-Platz statt", heißt es im Flyer. Damit sind die Vorlesungen gemeint, die Enzensberger in Tübingen hält. Die Ausnahme bildete der Adolf-Würth-Saal in Hall. Dafür hatten sich 400 Zuhörer angemeldet, so viele wie noch nie. Kunsthallendirektorin Sylvia Weber gab bekannt, dass eine Tonübertragung in das Museumsgebäude organisiert worden sei.

Professor Dr. Dorothee Kimmich von der Eberhard Karls Universität Tübingen betreut die Poetik-Dozentur von Würth. "Ich habe Ihnen nichts Neues zu sagen", sagte Kimmich. Dieses Zitat aus der Büchner-Preisrede Enzensbergers von 1963 eröffnete eine schwungvoll und selbstkritisch vorgetragene Ausführung über Poesie. "Das Reden über Poesie ist weitaus beliebter als die Poesie." Enzensberger solle nun geradezu gezwungen werden, das Sekundäre zu tun, anstatt des Primärens, des Dichtens.

Ob es mit dem Zwingen bei Enzensberger allerdings so weit her ist, erschien im weiteren Verlauf des Nachmittags fraglich. Angekündigt war eine Lesung aus "Z" seiner Neuerscheinung beim Suhrkamp-Verlag. Zur Überraschung - auch der Veranstalter - entschied sich der Schriftsteller um. Er nahm ein Werk zur Hand, das er mit einem Ehepaar zusammen erstellt hatte, das in Hall eine Zweitwohnung hat. Jan Peter Tripp und Justine Landat haben für "Blauwärts" fotografiert und das Layout erstellt. "Ein Ausflug zu dritt", heißt der Untertitel.

Die Miniaturen, die Enzensberger aussucht, sind in loser Aneinanderreihung zu Themen aus Natur und Gesellschaft verfasst. Kleine, fein ziselierte, mit Freude an der genauen Beobachtung und Formulierung geschaffene Kurzprosatexte, die er etwas vornübergebeugt, intensiv und mit sichtlichem Wohlgefallen präsentiert. Es geht um Mauersegler, Grashüpfer, Rücktritte und vieles mehr. Der Welt und ihren Phänomenen zugewandt, gleichzeitig abgeklärt und weise lächelnd gibt sich der Dichter. Er lacht zwischendurch auf, sucht weiter, murmelt "vielleicht ist hier noch was" oder "das ist auch nichts". Der 1929 Geborene wirkt frei, selbstbestimmt und souverän: "Ich hör gleich auf." Das Publikum verlangt aber Zugaben und bekommt sie auch. Man könnte, wie er über seinen Mauersegler, sagen: "Unsere Bewunderung geht ihn nichts an."