Kultur Sommer-Poetry-Slam unter freiem Himmel am Kocherufer bei der Auwiese

Schwäbisch Hall / ANDREAS DEHNE 22.07.2014
Die erste kulturelle Veranstaltung des Clubs Alpha 60 am voraussichtlich neuen Standort in der Spitalmühlenstraße lockt viele Zuschauer. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Lärmschutz am Kocherufer.

Ein gut gelaunter Michael Jakob steht auf der improvisierten Bühne am Kocherufer, kämpft mit dem Mikrofon und erläutert als Moderator den Ablauf und die Regeln des Dichterwettstreites, den der Club Alpha in Kooperation mit "Radio StHörfunk" veranstaltet. Es gibt zwei Vorrunden. Der Applaus des Publikums entscheidet über das Weiterkommen ins Finale.

Mit seiner ersten kulturellen Veranstaltung am voraussichtlich neuen Domizil achtet der Club Alpha darauf, klein und leise zu bleiben. Ein Mikrofon, ein Lautsprecher und zwei Scheinwerfer müssen genügen. Denn es gibt erhebliche Bedenken von Anwohnern wegen der möglichen Lärmemission am neuen Standort.

So müssen einige der 230 Zuschauer aus den hinteren Reihen dann auch die Poeten während der Vorträge immer wieder bitten, etwas lauter zu sprechen. Man hat sich im Vorfeld Zeit genommen, um mit den Anwohnern zu reden. Nach Angaben des Veranstalters haben alle eine Einladung zur Veranstaltung bekommen, und viele haben diese auch angenommen.

Zehn Poeten treten an diesem Abend an, davon vier aus dem Raum Hall. In Runde eins treffen Lena mit ihrem ernsten und politischen Text "Eichmann am Klavier - denn sie wollen nicht wissen, was sie tun" und Hilmar mit seinem sehr poetischen "Livonga - du Traumgeborene" auf Ben Bögelein aus Mannheim mit seinem Märchen vom "springergestiefelten Kater, der auf den rechten Weg abgekommen ist".

Und sie treffen auf Paddi aus Stuttgart. Was der Literat in seinen sieben Minuten Redezeit vorträgt, jagt vielen Besuchern eine Gänsehaut über den Rücken und lässt sie vor Entsetzen erschaudern.

Zunächst ist es eine Liebeserklärung, traurig und schön, vielleicht etwas zu viel der schönen Worte und zu poetisch. Erst gegen Ende seiner Ausführungen wird das ganze Ausmaß des Dramas schlagartig deutlich: Es ist die Rede eines Pädophilen, der vor seinem gefesselten achtjährigen Opfer sitzt, um es gleich darauf zu missbrauchen. Was für ein Auftritt des Dichters. Das Publikum ist schockiert und zugleich von Text und schauspielerischer Leistung begeistert.

Paddi und Ben Bögelein kommen ins Finale. Den zweiten Teil eröffnen die Haller Giovanna mit ihrem ernsten Text über ein Bild ("Spuren im unberührten Weiß") und Frieder, Mitglied des Clubs Alpha 60, der zum 48-jährigen Bestehen des soziokulturellen Zentrums einen amüsanten Text darüber vorträgt, was er von Ratschlägen derjenigen hält, die aktiv waren, als die Welt noch von Drehscheibentelefonen geprägt war.

Siegerin der zweiten Vorrunde wird Leonie Warnke aus Leipzig mit ihrem märchenhaften Text "Das Leben wäre schön, wenn nicht immer der Prinz käme, der einen retten will". Das Finale bleibt deutlich hinter der Qualität der Vorrunde zurück. Ben Bögelein wird mit einem Text über Tattoos der Sieger des Abends.

Die Siegerehrung und der Abschluss verlaufen plötzlich etwas hektisch. Zu viele Vortragende haben die siebenminütige Redezeit ausgenutzt, man ist spät dran. Die Gäste werden noch einmal eindrücklich ermahnt, auf dem Nachhauseweg leise zu sein, und bekommen dafür einen Lolli. Soweit man es in der Dunkelheit überschauen und auch hören kann, haben sich alle daran gehalten. Die Vorpremiere scheint geglückt zu sein.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel