Schwäbisch Hall / UTE SCHÄFER Bündnis 90/Die Grünen haben einen vegetarischen Tag in deutschen Kantinen vorgeschlagen. Eine kontroverse Diskussion folgte. In Hall gibt es die Gruppe "SHA-Vegan". Dort wird gerne gegrillt - fleischlos.

In Schwäbisch Hall ist stadteinwärts ein Schweinetransporter unterwegs - womöglich zum Schlachthof. Eines der Tiere lugt durch eine Luke im Anhänger. Das Borstentier sieht nicht unglücklich aus - aber es kennt ja auch das Ziel der Fahrt nicht.

Wenn es sterben muss, dann jedenfalls nicht wegen des Grillabends, der gerade in einem Haller Garten vorbereitet wird. Bei Familie Gabler liegen die ersten Kohlen auf dem Grill, doch Steaks oder Würstchen sind nicht im Angebot. Familie Gabler lebt vegan und dieses Essen unter freiem Himmel überlegt garantiert jede Sau.

Kein Leder am Fuß, keine Tierversuche für den Lippenstift

Allerdings: Diese Art von Wortspiel ist nicht unbedingt das Ding von Ute und Helmut Gabler. Denn polemisch will das Paar und seine Mitstreiter der Gruppe "SHA-vegan" bestimmt nicht sein. Und sie wollen auch nicht missionieren. Aber eine Mission haben sie trotzdem: "Wir wollen nicht die Leute zu Vegetariern oder Veganern erziehen", sagen sie, "uns geht es darum, ein Bewusstsein zu entwickeln, wie Ernährung, Umweltschutz und Ethik zusammengehören."

Eines der Ziele der Gruppe "SHA-vegan" ist deshalb auch die Werbung für den "Veggietag", den fleischlosen Tag pro Woche. Wenn jeder in Deutschland nur einmal pro Woche auf Fleisch verzichte, spare das mehr Treibhausgase ein, als wenn sechs Millionen Autos stillgelegt werden, so ihre Rechnung.

Als Veganerin geht Ute Gabler sogar noch einen Schritt weiter. Sie verzichtet komplett auf alle Produkte, "für die Tiere ausgebeutet werden". Das bedeutet: kein Leder am Fuß, keine Tierversuche für den Lippenstift, keine Milch im Kaffee. Und für den Grillabend bedeutet das: kein Würstchen, kein Schweinesteak, keine Mayonnaise mit Ei.

Dennoch (oder vielleicht auch deswegen) biegt sich der Tisch vor Köstlichkeiten: gegrilltes Gemüse, Sojawürstchen und Spieße brutzeln auf dem Grill, viele Soßen, Senf, Baguette, Kartoffel- und Nudelsalat - es fehlt an nichts. Der Renner ist aber ein Produkt, das unspektakulär aussieht und wenig appetitlich heißt, nämlich "texturiertes Sojaeiweiß". Doch es schmeckt ausgesprochen lecker: würzig, außen kross und innen mit dem richtigen Biss.

Diese "Sojamedaillons" kennen nicht alle in der Runde, und so hebt ein eifriges Fragen nach der Quelle, der Zubereitung, der richtigen Würze an, denn auch darum geht es, wenn sich die Veganer treffen - um den Genuss. "Ich ernähre mich abwechslungsreicher, seitdem ich kein Fleisch mehr esse", sagt etwa Ruben Müller aus Langenburg.

Wenn sich die Gruppe trifft, sind aber auch die nächsten Aktionen Thema: zum Beispiel Kochkurse, die die Gruppe plant, Hilfe für jene, die ihre Ernährung umstellen und deshalb Unterstützung beim Einkaufen brauchen.

"Was würde Ihnen denn am meisten fehlen, wenn Sie auf tierische Produkte verzichten wollten?", wird der Gast gefragt. Es wären wohl die Milchprodukte - und tatsächlich ist die ausreichende Kalziumversorgung einer der Knackpunkte der veganen Ernährung.

Vitamin B 12 wird über die Zahnpasta eingenommen

Rückfrage: Was ist es denn, was den Veganern fehlt, die allesamt die typische Entwicklung hinter sich haben: erst "normal", dann vegetarisch gegessen, dann zum Veganer geworden. "Je länger ich vegan lebe, desto weniger fehlt mir. Vor allem auch deshalb," sagt Helmut Gabler augenzwinkernd, weil er jetzt endlich einen leckeren Kaffee-Weißer für seinen Kaffee gefunden habe. "Aber Scherz beiseite. Was soll mir denn fehlen? Früher gab es doch auch nur in den seltensten Fällen Fleisch." Die italienische Küche zum Beispiel sei doch eine Gemüseküche - "und da gibt es so viele leckere Rezepte."

Was aber fehlt den Veganern, ernährungsphysiologisch gesehen? Bei einer ausgewogenen Kost ist es eigentlich nur das "Fleisch-Vitamin" B12, das extra eingenommen werden muss, sagen die Veganer. Viele verwenden deshalb eine spezielle Zahnpasta, der das Vitamin zugesetzt ist.

Der Grillabend ist zu Ende. Man ist satt und zufrieden, aber nicht "überfressen". Angesichts der abwechslungsreichen Fülle auf dem Grill hat man nie das Gefühl, dass etwas fehlt. Eher im Gegenteil: Das Essen war abwechslungsreicher, interessanter und leckerer als bei manchem Grillabend zuvor. Der Einstieg in den Ausstieg von allen fleischlichen Genüssen? Tja, eher nicht. Aber weniger Fleisch auf dem Speiseplan wird es wohl demnächst geben.

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