Schwäbisch Hall Skurrile Geschichten aus der Kirche

Christoph Biermeier ist auf den Geschmack gekommen: Das Schreiben von Prosatexten macht ihm großen Spaß. Am 20. September erscheint sein erstes Buch, für zwei weitere hat er Ideen.
Christoph Biermeier ist auf den Geschmack gekommen: Das Schreiben von Prosatexten macht ihm großen Spaß. Am 20. September erscheint sein erstes Buch, für zwei weitere hat er Ideen. © Foto: Camino-Verlag/Stefan Weigand
Schwäbisch Hall / Monika Everling 04.09.2018
Christoph Biermeier hat sein erstes Prosa-Buch geschrieben. Dabei wird bekannt: Der frühere Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall ist weitläufig mit Papst Benedikt verwandt.

Über Christoph Biermeier, der 13 Jahre lang Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall war, weiß man viel in Hall. Aber dass er weitläufig mit Papst Benedikt XVI. verwandt ist, werden nur die wenigsten Menschen wissen. „Ich glaube nicht, dass es für diese Verschachtelung von Onkeln und Cousins noch einen Begriff gibt. Aber mein Vater hat Joseph Ratzinger noch öfter bei uns in Niederbayern erlebt, wenn er als Kardinal zu einer Primiz, also der ersten Messe eines neu geweihten Priesters, gekommen ist, und meine Tante wollte bei ihm Köchin werden“, sagt Biermeier.

Die Heimat des in Passau geborenen Regisseurs ist stark von der katholischen Kirche geprägt. Nun hat Biermeier, der schon einige Theaterstücke geschrieben, bearbeitet und übersetzt hat, erstmals Prosatexte verfasst, die von eben dieser Vergangenheit handeln: In den sieben Kurzgeschichten des Erzählbandes „Beichtgeheimnisse. Geschichten für Leicht- und Schwergläubige“ geht es „um katholische Menschen, die sich in der Welt zurechtfinden müssen“, erklärt Biermeier. „Der Glaube ist dabei mal Hilfe, mal nicht“, fügt er an.

Das Thema Religion und Kirche treibt ihn nicht zuletzt deshalb seit Jahren um, weil er 2006 das Haller Traditionsstück „Jedermann – Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ inszeniert hat. „Die Frage, was bleibt von einem Leben am Ende übrig, bewegt mich seither“, sagt er.

Und bei der Inszenierung des Musicals „Jesus Christ Superstar“ 2016 für Hall sei sein Widerstand gegen die Kirche gebröckelt: „Ich habe früher gefordert, dass die Kirche politischer sein müsse. Bei ,Jesus Christ‘ ist mir klar geworden, dass die Kirche keine Partei ist.“ Sein Verhältnis zur Institution bleibt zwiegespalten: „Die Skandale sind schrecklich, aber auf der anderen Seite ist da auch eine große Aufgehobenheit.“

Bei den Menschen in Niederbayern hat der Theatermann einst „eine unglaubliche Naivität“ festgestellt. „Als Jugendlicher will man da erst mal weg. Aber heute, mit Mitte 50, erlebe ich eine Rück­besinnung.“ So blickt er inzwischen mit Sympathie und Ironie auf die urigen Typen, die den Protagonisten seiner Erzählungen als Vorlage dienen. „Es sind erfundene Geschichten, aber sie haben alle einen wahren Kern.“ Die Menschen, die den Anlass zu einer Geschichte gaben, können sich wiedererkennen, glaubt Biermeier. „Die Erzählungen sollen Spaß machen, und sie sollen Mut zum Leben machen“, sagt er.

Biermeiers witziger Erzählton erinnert an „Don Camillo und Peppone“ und auch an Biermeiers großes Vorbild Karl Valentin. Der Autor selbst nennt einen weiteren Bezug, der ihm sehr wichtig ist: Ludwig Thoma, „ein großer Chronist des Volkslebens, ein Säulenheiliger“.

Die skurrilen Geschichten sind stark vom gesprochenen Wort geprägt – man kann sie sich gut auch als Schauspiel oder Hörbuch vorstellen. Und das Erzählen war ja auch der Anlass zum Schreiben: „Ich mache Sport mit Matthias Slunitschek, der jetzt Lektor beim katholischen Camino-Verlag ist. Der hat mal zu mir gesagt: ,Du erzählst immer so tolle Geschichten, schreib’ die doch mal auf.‘“ Das ist etwa ein Jahr her.

Zeitdruck hilft beim Schreiben

„Das Schreiben fällt mit eigentlich leicht. Nur bis ich mal anfange … Da gehe ich vorher einkaufen, lese Zeitung, mache die Wohnung sauber. Aber wenn ich Zeitdruck habe, klappt es gut.“ So ist Biermeier genau in jenen Wochen schnell weitergekommen, als er eigentlich mit Inszenieren beschäftigt war: „Ich wusste, ab 10 Uhr ist Probe am Theater, da bin ich früh aufgestanden und habe von 7 bis 9 geschrieben.“

Seit er die Freilichtspiele Schwäbisch Hall im Sommer 2016 auf eigenen Wunsch verlassen hat, ist Biermeier wieder freier Regisseur und Theaterautor. Er hat genug Aufträge, um sein Einkommen auf dem Niveau zu halten, wie es während seiner Intendanz in Hall war. Eigentlich hatte er davon gesprochen, nach zwei Jahren wieder fest an ein Haus zu gehen. Das wäre jetzt. Wie sieht es damit aus? „Ja, es gab Anfragen und es gab auch Bemühungen von meiner Seite. Aber für mich ist ganz klar, dass es für die ganze Familie passen muss. Das war bisher nicht der Fall. Außerdem habe ich Blut geleckt an der Freiheit als Regisseur – als Intendant muss man doch sehr auf die wirtschaftlichen Zwänge und Zuschauerzahlen schielen.“

In leitender Position sei man zudem zeitlich sehr beansprucht und Biermeier möchte auch für seine beiden Kinder da sein, die jetzt vier und sieben Jahre alt sind. „Deshalb versuche ich, meine Regieaufgaben auf Theater zu konzentrieren, die nicht so weit weg sind. Ich war erstaunt, wie wenig mühsam es ist, Regieaufträge zu bekommen.“

Wie viele Inszenierungen kann man pro Jahr gestalten? „Drei sind seriös. Wenn es mehr werden, leidet die Vorbereitung.“ Zur Regie kommt immer öfter das Schreiben von Stücken: „Ich inszeniere in zunehmendem Maße eigene Stücke oder Stücke, die ich selbst bearbeite“, berichtet Biermeier. „Der Regisseur wird immer mehr zum Autor, das ist ein Trend der Zeit.“ Und zwar einer, der seinen Interessen entgegenkommt. Biermeier arbeitet dabei immer noch sehr gerne mit Georg Kistner zusammen, der als Chefdramaturg gemeinsam mit ihm nach Hall gekommen und vor zwei Jahren auch gleichzeitig mit ihm von den Freilichtspielen weggegangen ist.

Europäisches Großprojekt

Besonders stolz ist Biermeier auf das Großprojekt „Krieg der Träume“. „Das ist eine Doku-Fiction über die Jahre 1918 bis 1938, die elf Fernsehanstalten aus elf Ländern gedreht haben. Die 20er- und 30er-Jahre waren ja sehr bewegte Zeiten, voller Explosionen. Da gab es auf der einen Seite die epileptisch zuckenden Kriegsheimkehrer, auf der anderen Seite eine Glitzerwelt. Nur eines gab es nicht: Normalität.“ Aus den elf Drehbüchern haben Biermeier und Kistner einen zweieinhalbstündigen Theaterabend extrahiert und am Salzburger Landestheater inszeniert. „Wir haben mit dem erfolgreichen Hollywood-Komponisten Laurent Eyquem zusammengearbeitet, das war toll“, freut sich Biermeier. Am Freitag, 7. September, gibt es eine große Präsentation des internationalen Projektes in Berlin, und Biermeier fährt hin. „Darauf freue ich mich sehr.“

Ebenfalls gemeinsam mit Georg Kistner arbeitet Biermeier derzeit an einem multimedialen Faust-Projekt für das Theater Lindenhof. Premiere soll im März sein. Zudem stehen mehrere Wiederaufnahmen an. Und Biermeier sitzt an zwei Prosa-Projekten: Der Erzählband bekommt eine Fortsetzung und der Autor sucht die literarische Auseinandersetzung „mit der schönen alten Stadt Schwäbisch Hall“.

Mit „Beichtgeheimnisse“ gibt es bald einen Termin auf der Frankfurter Buchmesse und eine Lesereise. „Da bin ich echt nervös“, gesteht der Autor. „Am Theater habe ich viel Abstand zum Publikum, bei der Lesung sitze ich ihm direkt gegenüber.“

Bisher rund 70 Theaterstücke inszeniert

Christoph Biermeier wurde am 17. Dezember 1963 in Passau geboren. Er studierte in München Theaterwissenschaften, Philosophie und Literatur. Seit 1994 arbeitet er als freier Regisseur, von Herbst 2003 bis Sommer 2016 war er Intendant der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Er lebt mit seiner Frau und den beiden vier und sieben Jahre alten Kindern nach wie vor in Hall.

Die Liste seiner Inszenierungen („eine Auswahl“) umfasst 68 Stücke. Mehr als 20 Stücke hat er für Schwäbisch Hall inszeniert.

Das Buch „Beichtgeheimnisse“ erscheint am 20. September im Camino-Verlag. Im November wird es in Hall vorgestellt. evl

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel