Manchmal wird Hanne Siegel im Supermarkt angesprochen, wenn sie mit ihrem Partner Jörg Zanzinger zwei volle Einkaufswagen zur Kasse schiebt. „Was haben Sie denn damit vor?“, fragen die Neugierigen. Auf dem Band landen zum Beispiel 100 Eier, die von der 81-Jährigen morgens um sechs Uhr aufgeschlagen werden, um daraus Spätzleteig zu machen. Die werden dann von Hand ins kochende Wasser gepresst und um Punkt 12.15 Uhr sitzen hungrige Gemeindemitglieder im Saal und haben dampfende Speisen vor sich.

Schwäbisch Hall

An jedem ersten Dienstag im Monat gibt es in der Lukasgemeinde das Mittagessensangebot. Hanne Siegel hatte vor 29 Jahren die Idee dazu. Die Lukaskirche wurde vor 30 Jahren im neu entstehenden Wohngebiet Tullauer Höhe gebaut. Hanne Siegel trat dem Kirchengemeinderat bei und schlug vor, nicht nur Seniorenkaffeetreffen anzubieten, sondern auch etwas zu schaffen, dass die jungen, neu zugezogenen Mütter und Familien anspricht: ein Mittagessen. „Es sollte eben nicht etwas für Bedürftige oder Senioren sein, sondern etwas, das die jungen Leute anspricht und zum gegenseitigen Kennenlernen führt“, sagt die Initiatorin. „Und wer soll das machen?“, fragte der damalige Pfarrer Agster, „Sie?“ „Ich kann es ja mal probieren“, antwortete die gelernte Hauswirtschafterin.

Nach einem Probeessen für Familie und Gemeinderatsmitglieder findet am 6. März 1990 das erste Dienstagsessen statt und 40 Hungrige kommen.

In all den Jahren, von denen Hanne Siegel nur an zwei Terminen absagen musste, wuchs die Zahl der Gäste auf rund 100. Manche der Stammgäste sind bereits verstorben und auch die Chefin am Topf und ihre Helferinnen beim Zubereiten, Servieren und Spülen sind älter geworden. Die ersten körperlichen Wehwechen und das Gefühl, den Platz nun einmal für Jüngere freigeben zu wollen, bringen Hanne Siegel dazu, ans Aufhören zu denken.

Zu ihrem letzten Dienstagsessen, an dem es, wie immer im Dezember, Siedfleisch in Meerrettichsauce gibt, sind die Stuhlreihen wie gewohnt voll. Als Kirchengemeinderatsmitglied Thomas Orthen bekannt gibt, dass es heute das letzte Mal sein wird, an dem Hanne Siegel und ihr Team kochen, machen viele, beinahe entsetzt: „Ohhh!“. Spontan setzt Applaus ein. Thomas Orthen hat ausgerechnet, dass 290 mal gekocht wurde und damit knapp 35 000 Portionen ausgegeben wurden.

Viel In Urlaub fahren

Die Menschen, die Hanne Siegel kennen, wundern sich. „Sie ist doch noch so fit“, wundern sie sich und bedauern ihr Aufhören. Siegel sieht es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Immerhin kann sie jetzt Urlaub machen, wann sie will und muss nicht die Reiseplanung nach den Kochdienstagen ausrechnen. Und die Nervosität, die sie in den letzten Jahren vermehrt in den Nächten vor Dienstag gepackt hat, wird sie auch nicht vermissen. Stolz kann sie jedenfalls sein: In all den Jahren ist nichts schiefgelaufen. Nur einmal ist ihr über Nacht eine vorbereitete Fleischbrühe sauer geworden. Aber da konnte die Hauswirtschafterin souverän improvisieren.

Apothekerin, Hauswirtschafterin, Familienmensch


Hanne Siegel, im Januar wird sie 82 Jahre alt, stammt aus Ravensburg. Sie lernte Apothekenhelferin und kam 1960 nach Schwäbisch Hall. Dort besuchte sie die Landfrauenschule in Kupferzell und machte danach eine Ausbildung als ländliche Hauswirtschafterin in Hohebuch. 1963 heiratete sie und ging mit ihrem Mann, einem Agrar-Ingenieur, für drei Jahre nach Afghanistan in die Entwicklungshilfe. Zurück in Hall zog sie die vier Buben groß. Ihr Mann verunglückte 1979 tödlich. Heute lebt sie zusammen mit Jörg Zanzinger am Hagenbacher Ring. Gemeinsame Zeit mit der Familie, die von den vier Söhnen um dreizehn Enkel vergrößert wurde, ist der Hallerin besonders wichtig. sasch