Freilichtspiele Shakespeare auf der Treppe: Johanna Schalls Inszenierung streut Sand ins Getriebe

Schwäbisch Hall / RICHARD FÄRBER 21.07.2014
S ist lang nach Mitternacht in Helsingör, Geisterstunde, und taghell. Die Zeit ist notgedrungen früh aus den Fugen in dieser "Hamlet"-Inszenierung auf der Großen Treppe, die noch dazu eine Maske tragen muss.

S ist lang nach Mitternacht in Helsingör, Geisterstunde, und taghell. Die Zeit ist notgedrungen früh aus den Fugen in dieser "Hamlet"-Inszenierung auf der Großen Treppe, die noch dazu eine Maske tragen muss. Eine Mauer hat man ihr vors Gesicht gebunden, sie stellt einen Kai dar und später auch den Friedhof (Bühnenbild, Horst Vogelgesang): Von hier aus ruft man hinaus in die Welt, etwa wenn das Heer des Fortinbras vorbeizieht; und wenn jemand aus der Welt nach Dänemark kommt, tönt vom Rathaus her ein Nebelhorn.

Es hupt und es klettern auf den Kai die leicht verwechselbaren Rosenkranz und Güldenstern und dann der Laertes. Anlass ihre Kommens ist die Hochzeit der seit kurzem verwitweten Gertrud mit Claudius, dem Bruder ihres verblichenen Ex. Und Hamlet, Spross der ersten Ehe, sitzt am Kai, baumelt mit den Beinen, streckt weit die Zunge heraus, dreht die Augen nach oben und lässt sich nach hinten fallen. Zuvor hat er mit Ophelia an einem Monolog gefeilt: "Sein oder nicht sein . . ." In der Geschichte aber wird der verspielte Bub erwachsen werden, wird zaudern und denken, entscheiden, handeln, zerstören, töten und schließlich untergehen.

"Hamlet"-Maschine steuert unerbittlich Richtung Abgrund

Ähnliches tut die Inszenierung von Johanna Schall, und sie tut es sehr bewusst und mit Empathie. Man kann vieles aus dieser komplexen Tragödie herauslesen, die ein Krimi ist, eine Reflektion über Verbrechen, Schuld, Reue und Strafe, ein Coming-of-Age-Psychogramm und ein Lehrstück in Manipulation (mit Variationen) gleichermaßen. Schall aber nimmt die Konstruktion aufs Korn, das unerbittlich dem Abgrund zustrebende Räderwerk der "Hamlet"-Maschine.

Ihr sei "noch nie ein Stück von so herzzerreißender Hoffnungslosigkeit begegnet" schreibt Schall im Begleittext. Es ist die Ankündigung einer Aneignung: Sie nimmt den "Hamlet" persönlich. Ihre Inszenierung wird ein Kampf sein, Destruktivität gegen Destruktivität, der Versuch, das Unaufhaltsame aufzuhalten, und sie wird Ratlosigkeit bewirken, Zorn und schließlich, wenn man das Erlebnis lang genug bedacht hat, ein breites Grinsen - und das nicht nur, weil Shakespeare sich als der Stärkere erwiesen hat.

Notgedrungen geht dieses inszenatorische Konzept auf Kosten der Schauspielerei. Die Regie regiert, streicht und kegelt Szenen durcheinander, fügt zusammen, was nicht zusammen gehört, kehrt das Innere nach außen, petzt. "Bei sich"-Monologe werden vor Zeugen gebrüllt oder gleich per Lautsprecher vom Turm, für Intimitäten wird ein Mikrofon gezückt, und als der Brudermörder Claudius seine Lage bedenkt, hören Hamlet und Gertrud aufmerksam zu. Es ist schwer, danach glaubwürdig weiterzuspielen.

Vor allem bei dem in Habitus, Sprache und Gestus wohl gewählten Hamlet-Darsteller Sebastian Kreutz meint man, Renitenz zu spüren: Sätze mit Klimax fallen ab, manchmal gibt er leiernd den Genervten. Wie soll man diesen Charakter auch durchleben, wenn man ständig ausgebremst wird und sich den Schrullen der Regie fügen muss?

Gar nicht. Die Irritation der Schauspieler ist Konzept, und sie spielen mit. Jochen Neupert als kühl berechnender Claudius und Hendrik Schall in der eher undankbaren Rolle des blass angelegten Laertes kommen noch einigermaßen durch. Die Rolle der Gertrud aber wird schwer beschädigt. Stephanie Theiß zeichnet aus, dass sie immer aufs Neue in diese verratene und dekonstruierte Rolle hinein findet.

Bettina Storm als gebeutelte Ophelia muss "Sweet Dreams" röhren, um Wahnsinn zu zeigen - sie besitzt eine schöne Schreistimme und auch die Band, bestehend aus Arian Teuffel am Cello, Horatio-Darsteller Nils Buchholz an der Gitarre und Bärbel Schwarz am Schlagzeug muss sich nicht verstecken. Zum Refrain erscheint dann übrigens auch Stephanie Theiß mit einem Akkordeon und singt die Begleitstimme - es ist ein magischer Moment, der möglicherweise irgendetwas transzendieren soll, mit dem Stück aber rein gar nichts mehr zu tun hat.

Kabinettstückchen immerhin sind zugelassen. Den Strippenzieher und Westentaschen-Denker Polonius lässt man gewähren: Vilmar Bieris aufgeregtes Intrigantentum ist eine Klasse für sich. Tobias Dürr und Shantia Ulllmann, die als Rosenkranz und Güldenstern makaber seelenlose Marionetten darstellen, blühen als schwäbelnde Totengräber auf und Bärbel Schwarz stiehlt in der Rolle der schlechten Schauspielerin dem in der Rolle des schlechten Schauspielers allzu bedächtig agierenden Maximilian Löser-Hügel souverän die Schau - was für ein Geschrei.

Niederschreien aber oder sonstwie aufhalten lässt sich auch dieser "Hamlet" nicht. Er wird durchgefochten bis zum tödlichen Ende, als tatsächlich treppauf, treppab die Degen klirren. Zwar ist die Maschine zwischenzeitlich komplett aus den Fugen geraten, aber - sie rollt.

Das letzte Mittel: Ein Mord, der nicht im Stück steht

Derweil hat sich durch die immer verrückter und abstruser werdenden Anschläge auf die innere Logik des Stückes eine neue Geschichte ergeben, die Geschichte vom Kampf gegen den "Hamlet" an sich. Und diese Geschichte ist, bei Licht betrachtet, ausgesprochen lustig und endet mit einer absurd-komischen Verzweiflungstat. In Shakespeares Geschichten bleibt nämlich immer einer übrig, um der Nachwelt zu berichten. Im "Hamlet" ist das der Horatio. Johanna Schall lässt ihn erschießen.

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