Schwäbisch Hall Sexueller Missbrauch: "Ich bereue das alles"

Schwäbisch Hall / OLGA POSSEWNIN 04.11.2014
Tätliche Beleidigung, sexueller Missbrauch und versuchter schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes: Dafür hat das Haller Amtsgericht zwei 20-Jährige aus Gaildorf am Donnerstag verurteilt.

Als würden sie mit der Farbe ihrer Kleidung ausdrücken wollen, dass sie frei von Schuld sind, erscheinen am vergangenen Donnerstagnachmittag im großen Sitzungssaal des Haller Amtsgerichts zwei 20-Jährige in weißen Hemden. Mit reumütigen Minen setzen sie sich auf die Anklagebank. Einer der jungen Männer wird von seinem Vater begleitet. Darüber hinaus gibt es bei dem öffentlichen Prozess, den Richterin Katja Kopf führt, kein Publikum.

"Ich hab eine klargemacht"

Es wird eine Tat verhandelt, die sich Ende Mai in einem leerstehenden Gebäude in der Nähe des Gaildorfer Bahnhofs zugetragen hat. Dort haben sich die beiden Angeklagten und das Opfer, ein 13-jähriges Mädchen, zusammen aufgehalten. Mit diesem hatte sich einer der Angeklagten vorher am Telefon zu einem Treffen verabredet. Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass das Opfer erst 13 war. "Wenn mein Kumpel fragt, wie alt du bist, sag ihm 16", hatte er per Handy kurz vor der Tat geschrieben. Seinem Bekannten, dem anderen Angeklagten, hatte er lediglich gesagt: "Ich hab eine klargemacht."

In dem verlassenen Haus nahe des Bahnhofs saßen zunächst der Angeklagte, der das Treffen vereinbart hatte, und das Mädchen zusammen auf einer Matratze, unterhielten sich und rauchten. Als dann der andere hinzukam, ging der Erste nach draußen, um zu telefonieren. In dieser Zeit soll der zweite Angeklagte das Mädchen unter dem BH berührt, doch sofort von ihm abgelassen haben, als es sagte, dass es das nicht wolle. Daraufhin ging er.

Nachdem er sein Telefonat beendet hatte, kam der andere Angeklagte zurück ins Haus, entblößte sein Geschlechtsteil vor dem Opfer und forderte es auf, ihn oral zu befriedigen. Das Mädchen weigerte sich. Anschließend zog er dem Mädchen die Leggings herunter und wollte auf der Matratze mit ihm schlafen.

"Ich war damals noch voll naiv"

Kurz nachdem er ein Kondom übergestreift hatte, das der 13-Jährigen gehörte, kamen drei kleine Buben zum Haus und störten ihn bei dem Vorhaben. "Warum sind Sie mitgegangen?", will Richterin Kopf vom Opfer wissen. "Ich hab mir nichts dabei gedacht, ich war damals noch voll naiv", antwortet das Mädchen, das mit rosa Jacke und in Begleitung ihrer Mutter zum Gerichtstermin erscheint. "Und warum hatten Sie ein Kondom dabei, wenn Sie gar nicht vorhatten, mit einem der beiden Männer zu schlafen?" Die 13-Jährige rechtfertigt sich: "Das haben wir in der Schule bekommen und ich habe es in meinen Geldbeutel gesteckt."

Obwohl derjenige Angeklagte, der am Donnerstag "nur" wegen tätlicher Beleidigung vor Gericht steht, vehement abstreitet, das Mädchen unsittlich berührt zu haben, glauben ihm weder der Staatsanwalt Walter Petschko noch Richterin Katja Kopf. "Das ist schade", sagt Petschko in seinem Schlussplädoyer, "dass Sie es nicht zugeben wollen, denn es hätte sich strafmildernd ausgewirkt." Der 20-Jährige bleibt stumm. Auch als er und sein Bekannter das letzte Wort haben, sagt er nichts. "Ich bereue das alles", sagt dagegen der Haupttäter, und es klingt aufrichtig. Weil Letzterer weder einen Schulabschluss noch einen Arbeitsplatz hat und außerdem in schwierigen familiären Verhältnissen lebt, wird er nach etwa zwei Stunden, in denen insgesamt drei Zeugen befragt werden, wegen sexuellen Missbrauchs und versuchten schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes nach Jugendstrafrecht verurteilt. Richterin Kopf und Staatsanwalt Petschko einigen sich auf vier Wochen Dauerarrest und ein einjähriges soziales Kompetenztraining. Zu seinen Gunsten spricht, dass er vollumfänglich geständig ist.

Bei dem anderen Angeklagten greift allerdings das Erwachsenenstrafrecht, weil er - mit einem Realschulabschluss von 2,4 und einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann - einen Werdegang vorweisen kann, "auf den jedes Elternteil stolz sein kann", wie es Petschko ausdrückt.

Daher, und weil er "in die Geschichte mehr oder weniger reingeschlittert ist", wird er zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 20 Euro, also 800 Euro, verurteilt. "Ich hoffe, dass dies das erste und letzte Mal war, dass ich Sie auf der Anklagebank sehe", schließt Richterin Kopf den Prozess.

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