Senioren Seit Jahren nicht mehr in der Stadt

Die eine Hand am Geländer, die andere am Rollator: Die 92-jährige Ursula Andrea steigt am Seniorenwohnstift Horst Kleiner eine Treppe hoch. Hall ist für Senioren mit Gehschwierigkeiten insgesamt keine bequeme Stadt.
Die eine Hand am Geländer, die andere am Rollator: Die 92-jährige Ursula Andrea steigt am Seniorenwohnstift Horst Kleiner eine Treppe hoch. Hall ist für Senioren mit Gehschwierigkeiten insgesamt keine bequeme Stadt. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / WOLF-DIETER RETZBACH 13.04.2015
Buseinstiege, Treppen, Steigungen, Kopfsteinpflaster - das sind für Senioren, die mit Rollatoren unterwegs sind, oft große Hindernisse. Bei einem Aktionstag am Kocherquartier gab es Tipps von Fachleuten.

Sonja Leibersberger wird schwindlig, sie stürzt in der Wohnung und bricht sich den Oberschenkel. Seit diesem Unfall vor drei Jahren bewegt sich die 82-Jährige mit einem Rollator vorwärts. Drei Jahre, in denen die Hallerin nicht mehr in der Innenstadt gewesen ist. "Ich hätte das gern gemacht", sagt sie. Doch die Unsicherheit war zu groß, es gibt zu viele Hürden für sie als Rollator-Nutzerin.

Diese Hürden beginnen vor der eigenen Haustür. Sonja Leibersberger wohnt im Altenwohnheim Kreuzäcker im Leonhard-Kern-Weg. Zwei Bushaltestellen seien in der Straße weggefallen, sagen die Seniorin und eine Mitbewohnerin des Heims. So müssten sie nun länger laufen, bis sie an der Haltestelle Kreuzäcker sind, was mit Rollator nicht einfach ist.

„Der Bus ist oft zu weit weg vom Bordstein und zu hoch“

Die nächste Hürde ist der Einstieg in den Bus. Wenn es eilig ist, würden Fahrer den Bus am Bordstein häufig nicht absenken - diese Erfahrungen gaben Senioren jetzt beim Rollator-Aktionstag am Kocherquartier wieder. "Der Bus ist oft zu weit weg vom Bordstein und zu hoch", sagt die 86-jährige Gertrud Günter, als sie mit ihrem Gerät das Einsteigen in den Bus übt. Ebru Mutlu, Mitarbeiterin des Haller Unternehmens Kreisverkehr, zeigt ihr und den anderen knapp 30 Teilnehmern des Aktionstags, wie das am besten funktioniert: Mit dem Rollator bis zur Kante des Busses vorgehen, einen Fuß hinter ein Rad stellen, damit das Gerät nicht wegrollt, dann zu sich heranziehen und anheben. Gertrud Günther sagt, dass das Ein- und Aussteigen am Schulzentrum West schwierig sei, an der Haltestelle am Scharfen Eck sei es noch schlimmer, weil der Bus "einfach zu hoch" sei. Am Limpurger Platz gehe es "wunderbar, aber nicht auf der anderen Seite", sagt eine andere ältere Dame. Sie laufe lieber zum ZOB, der - das sagen auch andere Teilnehmer des Aktionstages - gut zum Ein- und Aussteigen sei.

Im Bus aber wartet das nächste Problem für Rollatoren-Nutzer. Mehrere Senioren berichten, dass Busfahrer mitunter zu früh anfahren würden und zu stark bremsen würden. "Oft sind viele Plätze im Bus belegt", sagt Gertrud Günther. "Bis ich mich orientiere, fährt der Bus schon los, und ich habe keinen Halt." Die Fahrer würden, was das zu frühe Anfahren betrifft, sensibilisiert werden, sagt Kreisverkehr-Mitarbeiterin Mutlu. Wichtig sei, dass die Senioren um Hilfe bitten, wenn sie sie benötigen. Auch der Busfahrer könne angesprochen werden, wenn sonst niemand helfe.

Eitelkeit sei der falsche Ratgeber, sagte Erste Bürgermeisterin Bettina Wilhelm, als sie die etwa 30 Teilnehmer des Aktionstages begrüßte. "Nehmen Sie Ihren Rollator, bleiben Sie mobil und in Bewegung, das ist ein Gewinn an Lebensqualität", appellierte Wilhelm. Gleichwohl sei die topografische Lage der Stadt schwierig, so Wilhelm: "Hall ist eine Stadt, die nicht so einfach zu begehen ist. An allen Seiten geht es den Berg hoch, dann noch Stäffele, das historische Kopfsteinpflaster und Lokale in der Altstadt, die nicht barrierefrei sind, was oft am Denkmalschutz liegt". Die Stadt nehme das Thema Barrierefreiheit "sehr ernst", sagte Wilhelm.

"Die Stadt hat schon viel getan für unsere Bewohner", sagt Karsten Eckardt, Leiter des ASB-Seniorenzentrums in der Crailsheimer Straße, zu diesem Thema. Auch Günter Gropper, stellvertretender Vorsitzender des Stadtseniorenrats, findet, dass es vorangeht: Die Aktion "Seniorenfreundlicher Service" - ein Zertifikat für Haller Geschäfte und Betriebe - sei "ein wichtiger Anfang". Dennoch müssten "die Informationen über Barrierefreiheit in der Stadt noch verbessert werden".

Die Idee des Rollatoren-Aktionstags kam laut Gropper von der Polizei. In Fellbach und anderen Städten habe es bereits vergleichbare Veranstaltungen gegeben, sagt Hans-Joachim Seibold. Der Mitarbeiter des Referats Prävention beim Polizeipräsidium Aalen steht am Kocherquartier den Senioren ebenso mit Tipps zur Seite wie Reiner Hirsch von der Verkehrswacht Rems-Murr - beide Fachleute führen die Teilnehmer durch einen Hütchenparcours, der Enge simuliert, und zeigen das Verstauen des Rollators in einem Auto.

Die Veranstaltung sei wichtig, sagt Uta Keitel vom Stadtseniorenrat. Bewegung auch im Alter wirke der Vereinsamung entgegen: "Senioren müssen aus der Wohnung herauskommen und Kontakte haben. Das geht nur mit Mobilität."

Nasses Kopfsteinpflaster "sehr gefährlich" für Senioren

Organisatoren Der erste Aktionstag "Mobil in jedem Alter: Mit dem Rollator unterwegs" war eine Gemeinschaftsaktion von: Haller Stadtseniorenrat, Unternehmen Kreisverkehr mit Stadtbus, Kreisverkehrswacht Hall-Crailsheim, Abteilung Prävention der Polizei, Haus der Bildung mit Mehrgenerationentreff, Sanitätshaus Dierolf in Michelfeld.

Am Berg Wie kommen Senioren in die Stadt, die in einem am Berg liegenden Haus wohnen? "Die meisten Bewohner kommen mit ihren Angehörigen in die Stadt", sagt Karsten Eckardt vom ASB-Seniorenzentrum in der Crailsheimer Straße. Auch den Bus würden einige nutzen. In der Innenstadt sei für Senioren mit Rollatoren das Kopfsteinpflaster "sehr gefährlich, vor allem, wenn es nass ist".

WD