Fortbewegung Segway-Tour: Genuss mit Rädern unten dran

Schwäbisch Hall / Beatrice Schnelle 16.06.2018

Insgeheim nenne ich ihn Segfried. Mit seinen zwei muskulösen Reifen und der Lenkstange, die wie ein geknicktes Ritterschwert in der Plattform dazwischen steckt, scheint der Name zu dem Segway i2 gut zu passen. Der kräftige Kerl und seine Brüder werden die Familie Hartmann aus Michelfeld und mich gleich eine Stunde lang durch Schwäbisch Hall tragen.

Reiner Hartmann löst damit das Geburtstagsgeschenk seiner Kinder ein, die natürlich auch mitfahren. Keiner von uns hat je eines dieser „elektrisch angetriebenen Einpersonen-Transportmittel“ (wie es auf Wikipedia heißt) unter den Füßen gehabt. Eine gewisse Skepsis liegt in der Luft. „Mir ruhig in die Augen sehen, den Lenkbügel umfassen und dann erst mal einen Fuß drauf“, lautet die Anweisung von Tourguide Nina Baiersdorf, während sie den Bügel von vorne festhält. Wird Segfried womöglich leicht scheu und saust mir unter den Sandalen davon? Nein, nein, beruhigt uns Nina Baiersdorf. Das Aufsteigen sei nur eine „Kopfsache“, die man besser konzentriert angehe.

Keine Revolution des Personenverkehrs

Ex-US-Präsident George W. Bush wurde von seinem Segway einst medienwirksam abgeworfen. Der einstige Chef der Segway Incorporated, der damals 62-jährige Jimi Heselden, stürzte 2009 in den USA bei einem Ausflug mit dem Stehroller über eine Klippe in den Tod. Wie das geschehen konnte, blieb ein Rätsel. 2001 hatte der amerikanische Erfinder Dean Kamen das innovative Fortbewegungsmittel der Öffentlichkeit präsentiert. Apple-Gründer Steve Jobs war begeistert und prophezeite dem Gerät die weltweite Revolutionierung des innerstädtischen Personenverkehrs. Ein Irrtum, wie man heute weiß.

Der zweite Fuß ist sicher auf dem Tritt gelandet. Die Testrunde im Froschgraben beginnt. Je weiter das Körpergewicht nach vorne verlagert wird, um so schneller fährt Segfried vorwärts, lehnt man sich etwas zurück, bleibt er brav stehen. Links- und Rechtskurven vollführt er auf zarten Druck gegen die Lenkstange. Es funktioniert völlig intuitiv. Selbst Judith Hartmann, die sich gerade noch ironisch als „Bewegungslegasthenikerin“ geoutet hat, schwirrt nach wenigen Minuten selig übers Pflaster. Die Reise kann losgehen.

Wir gleiten die Neue Straße hinauf, bewundern unser Spiegelbild in den Schaufensterscheiben (einziger Schönheitsmakel: der vorschriftsmäßige Fahrradhelm), werden von den Passanten angestarrt und fotografiert. Das Freizeitangebot der Haller Eventagentur Adventours ist neu in der Stadt, und man wird sich an die rollenden Segway-Ritter wohl gewöhnen müssen. Denn das Gefühl des schwerelosen Dahinschwebens in aufrechter Haltung, umfächelt vom sanften Fahrtwind, ist, wie der Dichter sagt, „echt voll der Hammer“.

Im Zickzack rauf und runter

Mit körpergesteuerten acht bis zwölf Stundenkilometern sind wir unterwegs. 20 km/h wären die Höchstgeschwindigkeit. Der Bremsweg, so das Merkblatt, beträgt kurze 2,5 Meter. Im Handumdrehen erreicht Segfried den Marktplatz. Nina Baiersdorf führt uns im Zickzack rauf und runter durch die schmalen Gassen drum herum. Kopfsteinpflaster, Gullydeckel, Bordsteinkanten: Die dicken Reifen meistern alles unerschütterlich. Liebgewordene Instinkte werden angenehm enttäuscht: Bei starkem Gefälle schrillen zwar die inneren Alarmglocken, doch der Segway weiß, was er tut. Wirklich leise ist er allerdings nicht. Das Surren der beiden Elektromotoren wird von den Mauern der Häuser genügend verstärkt, um ein schlechtes Gewissen wegen Ruhestörung zu verursachen. Bald lassen wir die Innenstadt hinter uns. Die Steinbacher Straße „Im Stöckle“ weist eine hochprozentige Steigung auf. Dummerweise ist kein Fußgänger da, dem ich mitfühlend zulächeln kann, weil der die Mörderstrecke in der Nachmittagshitze aus eigener Kraft bewältigen muss. Beim siegreichen Einzug in den Hof der Comburg geht mir der Foyer-Des-Arts-Song „Königin mit Rädern untendran“ durch den Sinn. So tiefenentspannt und ruhig atmend bin ich hier noch nie oben angekommen. Wir genießen die Aussicht und grinsen wie die Honigkuchenpferde. Florian Hartmann dreht mit seinem Segway (vielleicht gar eine Seglinde?) elegante Pirouetten. „Das ist ein tolles Geschenk“, sagt Vater Hartmann glücklich. Nina Baiersdorf führt uns wieder Richtung Stadt. In den Park­anlagen konkurrieren wir mit Fahrrädern und Kinderwagen. Die zugehörigen Radler und Eltern mögen uns, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, nicht übertrieben gerne. Wir überqueren die Kocher-Fußgängerbrücken, begutachten die Limpurgbrücke von unten, ein Stück des Wegs legen wir auf dem Kocher-Jagst-Radweg zurück. In der Gelbinger Gasse winken uns die Gäste der Straßencafés zu, die Kinder staunen und die Hunde sind zu verblüfft, um uns anzubellen.

Am Ende der Tour ist es dann wie in der Bundesliga: Keiner will absteigen. „Ich könnte mir vorstellen, so was privat anzuschaffen“, sinniert Florian Hartmann, der zurzeit in Frankfurt lebt. Wir alle spüren unsere Füße. Die strengt das Balancieren auf dem Trittbrett offenbar mehr an, als man direkt bemerkt. Nur ungern trenne ich mich von Segfried und laufe mit meinen langweiligen Beinen zum Auto. Fazit: Segway-Touren machen Riesenspaß. Wie eigentlich alles, was ein klein wenig dekadent ist.

Jeden zweiten Sonntag rollen die Segways

Seit Mai und noch bis September läuft die erste Segway-Saison in Schwäbisch Hall. Jeden zweiten Sonntag ab 14 Uhr werden geführte Touren angeboten, wenn mindestens vier Personen mitfahren. Start ist auf dem Dietrich-Bonhoeffer-Platz im Kocherquartier. Von dort haben die Adventours-Guides die Strecken mit dem größten Spaß- und dem geringsten Hindernisfaktor durch und um die Stadt ausgetüftelt. Die einstündige Tour für 55 Euro pro Person ist rund zehn Kilometer lang, die zweistündige Tour für 79 Euro bietet 17 Kilometer Vergnügen. Mitfahren darf jeder, der einen Mofa-Führerschein besitzt, nicht mehr als 110 Kilogramm wiegt, mindestens 1,40 Meter groß ist und sich rechtzeitig für eine Tour angemeldet hat. Auf Anfrage werden auch individuelle Gruppenfahrten organisiert. Termine und Kontaktdaten gibt es im Internet unter www.schwaebischhall.de und adventours.de. cito

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